Prävention von Wheezing und Asthma: Studie mit oralem Bakterienprodukt liefert keinen Hinweis auf Wirksamkeit16. September 2026 Abbildung: Inspiraciones/stock.adobe.com Die Ergebnisse einer gerade veröffentlichten Studie liefern neue Erkenntnisse, die möglicherweise Anlass sein könnten, zumindest einige Aspekte der Hygiene-Hypothese zu überdenken. Die US-amerikanische klinische Studie unter der Leitung von Forschern des College of Medicine der Universität Arizona in Tucson ergab, dass die Behandlung von Kleinkindern mit einem oral verabreichten standardisierten Bakterienlysat das Risiko für schwere Atemnot und Atemwegserkrankungen, die Asthma vorausgehen können, nicht verringerte. Gegenstand der im Jahr 2017 gestarteten und vom National Heart, Lung, and Cancer Institute finanzierten ORBEX-Studie ist die Untersuchung des präventiven Potenzials einer Behandlung mit dem Wirkstoff OM-85, der aus Bestandteilen von Bakterien besteht, die häufig an Atemwegsinfektionen beteiligt sind. Die Ergebnisse der groß angelegten Untersuchung wurden gerade in „The Lancet“ veröffentlicht. Dr. Fernando Martinez, Direktor des Asthma and Airway Disease Research Center (AARC), und sein Kollege Dr. Wayne Morgan, Professor für Pädiatrie und Physiologie, leiteten das Studienteam an der University of Arizona. Die Hygiene-Hypothese geht davon aus, dass eine reduzierte mikrobielle Belastung in modernen, hygienischen Umgebungen zu einem Anstieg von Allergien und Asthma beitragen könnte. Forscher des AARC entwickelten diese Hypothese weiter, indem sie Einflüsse im frühen Kindesalter – wie Kindertagesstätten und häufigen Kontakt zu Hunden – untersuchten, die das Asthmarisiko senken könnten und somit mit dem Konzept übereinstimmen. Martinez, Morgan und ihre Mitarbeiter – ein nationales Team aus Kinderärzten, Immunologen und Biostatistikern – testeten die Hygiene-Hypothese nun in der Studie ORBEX. Frühere Untersuchungen hatten nahegelegt, dass OM-85 das Immunsystem trainieren und Atemwegserkrankungen reduzieren könnte, was die Möglichkeit eröffnete, dass es die mikrobielle Belastung nachahmen könnte, die vermutlich vor Asthma schützt. „Wir fanden jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen der Behandlungs- und der Placebogruppe“, berichtet Martinez nun. „Wir müssen unsere bisherigen Annahmen überdenken. Das ist mein Fazit. Es gibt keine einfachen Lösungen für diese komplexen Krankheiten, unter denen wir heutzutage leiden.“ Diese Ergebnisse weisen seiner Meinung nach auf neue Wege in der Asthmaprävention hin. Auswertung von über Jahre gesammelten Daten An der doppelblinden Studie nahmen 822 Kinder im Alter von sechs bis 18 Monaten teil, die aufgrund familiärer Vorbelastung oder Ekzemen ein hohes Asthmarisiko aufwiesen. An elf Standorten in den USA erhielten die Teilnehmenden über zwei Jahre hinweg für zehn Tage im Monat nach dem Zufallsprinzip entweder OM-85 oder ein Placebo. Mithilfe der Eltern beobachteten die Forscher die Kinder nach Behandlungsende. Dieser Beobachtungszeitraum war ursprünglich auf ein Jahr angelegt, wurde aber aufgrund der COVID-19-Pandemie, während der ansonsten häufige Atemwegsviren vorübergehend eine untergeordnete Rolle spielten, auf drei Jahre verlängert. Fernando Martínez, Direktor des Asthma- und Atemwegserkrankungsforschungszentrums der Universität von Arizona, untersucht einen Teilnehmer der ORBEX-Studie. Martínez leitete die neunjährige Untersuchung, in der ermittelt wurde, ob ein oraler Bakterienextrakt Wheezing und letztendlich die Entwicklung von Asthma bei Risikokindern verhindern kann. (Bildnachweis: University of Arizona Health Sciences) Das Forschungsteam wollte herausfinden, ob eine zweijährige Behandlung mit dem Medikament das Immunsystem dauerhaft trainieren und so schweres Wheezing (laut Definition mit der Notwendigkeit von Notfallbehandlungen oder oralen Corticosteroiden) in den drei Jahren nach Behandlungsende verhindern und letztendlich die Entwicklung von Asthma bis zum sechsten Lebensjahr verhindern kann. Hauptendpunkt der Primärpräventions-Studie war die Zeit bis zum ersten Auftreten einer schweren Wheezing-Episode. Es ergab sich kein signifikanter Unterschied in der Zeit bis zur ersten Erkrankung zwischen der OM-85- und der Placebo-Gruppe. Im dreijährigen Beobachtungszeitraum erlitten 21 Prozent der Kinder, die OM-85 einnahmen, eine solche Episode, verglichen mit 18 Prozent in der Placebo-Gruppe. Auch die Rate der Kinder, bei denen bis zum sechsten Lebensjahr Asthma diagnostiziert wurde, war in beiden Gruppen mit 21 Prozent identisch. Erkenntnisse in konkrete Schritte umsetzen Eine mögliche Erklärung für die Abweichungen der ORBEX-Ergebnisse von früheren, erfolgreichen Studien könnte laut Morgan darin liegen, dass in kleineren Studien Kinder mit bereits bestehendem, häufigem Wheezing eingeschlossen waren – und nicht Kinder, bei denen lediglich ein erhöhtes Risiko dafür besteht. Die Forscher vermuten, dass OM-85 nur dann wirksam ist, wenn die Asthma-Signalwege aktiv sind, nicht aber präventiv. In zukünftigen Studien wollen die Wissenschaftler diese Theorie überprüfen und alternative Verabreichungsmethoden wie Nasensprays untersuchen. Die Ergebnisse der ORBEX-Studie liefern nach Ansicht der Autoren nicht nur wichtige Anhaltspunkte für zukünftige Untersuchungen zur Asthma-Prävention, sondern sollten auch als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Erforschung komplexer Faktoren dienen, die die Immunentwicklung beeinflussen und über die Hygienehypothese hinausgehen. Anstatt sich lediglich zu fragen, welche Bakterien vor Asthma schützen könnten, hält Martinez es für an der Zeit, genauer hinzusehen: Welche Faktoren machen manche Kinder anfälliger für Asthma als andere? Zur Beantwortung dieser Frage könnten Unterschiede zum Tragen kommen, die bereits vor der Geburt beginnen. Dazu können epigenetische Faktoren zählen – Veränderungen, die beeinflussen, wie Gene aktiviert oder deaktiviert werden, ohne die zugrunde liegende DNA-Sequenz zu verändern. Diese Veränderungen können während der Schwangerschaft als Reaktion auf Umwelteinflüsse auftreten und die Entwicklung und Funktion des Immunsystems beeinflussen. Martinez ist davon überzeugt, dass „wir einen Weg finden werden, Asthma vorzubeugen, aber dazu ist ein deutlich tieferes Verständnis erforderlich.“ (ac/BIERMANN)
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