Protein-Biomarker für Long COVID gefunden22. Januar 2024 Bild: © arloo – stock.adobe.com Bisher war es für Mediziner schwierig, eine klare Abgrenzung zwischen Long COVID und anderen Krankheiten vorzunehmen. Eine internationale Forschungsgruppe präsentiert nun Biomarker für Long COVID, die zur Diagnose der Krankheit beitragen sollen. Die Forschenden untersuchten über 6500 Proteine in den Blutseren von 113 COVID-19-Infizierten und 39 Gesunden. Von den Erkrankten entwickelten 40 Long COVID und es erfolgten Wiederholungsmessungen nach sechs und zwölf Monaten. Die Blutserumproteine der Long-COVID-Patienten zeigten Veränderungen, die auf eine Störung des Komplementsystems zurückzuführen waren. Außerdem entdeckten die Wissenschaftler Marker für Gewebeschäden und eine veränderte Blutgerinnung, die in Zusammenhang mit einer thromboinflammatorischen Reaktion stehen. Es handelt sich demnach wohl um eine pathologische Entwicklung, bei der die normalen Prozesse der Blutgerinnung und Entzündung außer Kontrolle geraten und Thrombosen begünstigt werden. Die Forscher vermuten außerdem, dass die identifizierten Prozesse zur Erhöhung der Komplementsystemaktivität und zur thromboinflammatorischen Reaktion sowohl zu Diagnose als auch als phamakologisches Ziel dienen könnten werden könnten. Prof. Andreas Stallmach, Leiter des Long-COVID-Zentrums am Universitätsklinikum Jena und Mitautor der S1-Leitlinie Long/Post-COVID, äußerte sich wie folgt zur Studie: „Die Arbeit beschreibt spannende Befunde, die bei Patient:innen mit Long COVID auf eine langandauernde Dysregulation im Komplementsystem mit möglichen Gewebeschäden aufgrund entzündungsbedingter Durchblutungsstörungen in den Kapillaren hinweisen. Hierfür wurden in einem methodisch aufwendigen Ansatz über ein Jahr immer wieder Blutproben von 113 Patient:innen mit einer akuten SARS-CoV-2-Infektion und 39 gesunde Kontrollen untersucht. Wie schon andere Resultate auch, weisen die Ergebnisse auf objektive immunologisch-inflammatorische Pathologien bei Post-COVID hin. Post-COVID ist kein ,eingebildetes‘ Krankheitsbild. Auffällig ist der hohe Prozentsatz (35 Prozent) von Patient:innen, die ein Long-COVID-Syndrom entwickeln. Dieser ist deutlich höher als die Häufigkeiten, die sich aus populationsbasierten Studien ergeben. Streng genommen untersucht die Arbeitsgruppe auch Patient:innen mit Post-COVID, der Begriff ,Long COVID‘ wird hier unscharf verwendet.“ Relevanz für Diagnostik Er ergänzte: „Die Ergebnisse sind (noch) nicht in die tägliche Routine zu übertragen. Es gibt bisher keinen schnell verfügbaren diagnostischen Test, der die beschriebenen Veränderungen adressiert. Auch ist aufgrund der Gruppengröße (40 Patient:innen) mit Long COVID eine Differenzierung in die verschiedenen Subgruppen des Post-COVID-Syndroms so wie sie in der aktuellen ,S2K-Leitlinie SARS-CoV-2, COVID-19 und (Früh-)Rehabilitation‘ beschrieben werden (zum Beispiel Fatigue-dominant, Dyspnoe-dominant oder zum Beispiel Polyneuropathie im Rahmen eines Post-Intensive Care-Syndroms (PICS)), nicht möglich.“ Auf die Frage, ob die identifizierten Biomarker auch auf andere Erkrankungen als Long COVID hindeuten sagte Stallmach: „Spannende Frage, die bei anderen Patient:innen mit post-infektiösen Komplikationen, zum Beispiel nach EBV-Infektion, untersucht werden muss.“ Die Bedeutung für die Therapie schätzte er wie folgt ein: „Letztendlich liefert die Arbeit die Grundlage für verschiedene Studien (Verifizierungsstudien in größeren und unabhängigen Kohorten), aber auch für therapeutische Interventionen. Bevor diese Ergebnisse aber nicht vorliegen, ergeben sich keine Behandlungskonsequenzen für unsere Patient:innen mit Post-COVID.“ Prof. Clara Lehmann, Leiterin des Infektionsschutzzentrums, der Infektionsambulanz sowie der Post-Covid-Ambulanz der Uniklinik Köln, äußerte sich ebenfalls: „Die Studie liefert erste Hinweise auf funktionelle Biomarker im Zusammenhang mit Long COVID, insbesondere der Komplementaktivierung und Thromboinflammation. Es besteht jedoch noch eine Kausalitätslücke und ein definitiver Pathomechanismus konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Die begrenzte Einbeziehung von Patienten im WHO-Stadium 1 bis 3 stellt ein herausforderndes Problem dar, da bisher nur Personen mit schweren Verläufen während der akuten Phase untersucht wurden. Daten zu milden Verläufen fehlen, obwohl diese einen bedeutenden Anteil der Betroffenen ausmachen. Weiterhin bedarf es umfangreicherer Studien, die auch Patienten mit milden Verläufen während der akuten Phase einschließen, um den Pathomechanismus vollständig zu erfassen und effektive diagnostische Ansätze zu entwickeln.“ Spezifität des Tests Lehmanns abschließende Einschätzung der Studienergebnisse lautete wie folgt: „Die Frage, ob die identifizierten Biomarker spezifisch für COVID-19 sind oder auf andere Erreger im Rahmen postviraler Syndrome übertragbar sind, bleibt offen. Die bisherige Patientenzahl ist zu gering, um diese Biomarker als spezifische Diagnoseinstrumente einzusetzen. Dennoch bilden die vorliegenden Erkenntnisse eine solide Grundlage für ein tiefgehendes Verständnis des Phänomens. Es bleibt unklar, ob es sich um einen COVID-19-spezifischen Mechanismus handelt und inwieweit er auf andere Erreger übertragbar ist. Trotzdem ist wichtig zu betonen, dass es sich bei Long COVID nicht um eine psychosomatische Erkrankung handelt, da eindeutige biologische Veränderungen beobachtet werden können. Aktuell ist es jedoch noch zu früh, um die gewonnenen Erkenntnisse bereits in der klinischen Praxis anzuwenden.“
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