Reizdarm-Syndrom: Amitriptylin kann Symptome lindern

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Ein günstiges und weit verbreitetes verschreibungspflichtiges Medikament kann die Symptome des Reizdarm-Syndroms (RDS) bei Patienten auch in Hausarztpraxen verbessern. Das hat eine neue Studie ergeben, die kürzlich auf der diesjährigen UEG Week in Kopenhagen (Dänemark) vorgestellt wurde.

Den Ergebnissen der ATLANTIS-Studie zufolge lindert Amitriptylin auch RDS-Symptome. Die von Forschenden der Universitäten Leeds, Southampton und Bristol geleitete und vom National Institute for Health and Care Research (NIHR) finanzierte Untersuchung wurde im Kontext der Primärversorgung durchgeführt. Hausärzte verordneten das Medikament, und die teilnehmenden Patienten passten die Dosis entsprechend dem Schweregrad ihrer Symptome mithilfe eines für die Studie erstellten Schemas an.

Die auch in „The Lancet“ publizierten Ergebnisse der Studie zeigten, dass bei Patienten, die Amitriptylin einnahmen, die Wahrscheinlichkeit für eine allgemeine Verbesserung der Symptome fast doppelt so hoch war wie bei Betroffen, die lediglich ein Placebo erhielten.

Der Gastroenterologe Prof. Alexander Ford von der School of Medicine der University of Leeds (Großbritannien), einer der Hauptautoren der Studie, erklärt: „Amitriptylin stellt eine wirksame Behandlung beim Reizdarmsyndrom dar und ist sicher und gut verträglich. Diese neue, streng durchgeführte Studie zeigt, dass Allgemeinmediziner Patienten in der Primärversorgung dabei unterstützen sollten, niedrig dosiertes Amitriptylin auszuprobieren, wenn sich ihre RDS-Symptome unter den empfohlenen Erstlinientherapien nicht gebessert haben.“

Amitriptylin gehört zu den Trizyklika und wurde ursprünglich in hohen Dosierungen zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Heute wird Amitriptylin dafür nur noch selten verwendet, da es inzwischen modernere Therapien gibt.

Kleine Studien mit niedrig dosierten trizyklischen Antidepressiva gegen das RDS, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden, haben bereits auf einen möglichen Nutzen bei stationär behandelten RDS-Patienten hingedeutet, deren Symptome oftmals schwieriger zu behandeln sind. Bei der nun publizierten Arbeit handelt es sich laut den Autoren um die erste randomisierte kontrollierte Studie mit niedrig dosiertem Amitriptylin im Vergleich zu Placebo bei RDS-Patienten in der Primärversorgung. Sie stellt außerdem die weltweit größte Untersuchung zu Amitriptylin beim RDS dar.

Allgemeinmediziner verschreiben bereits niedrig dosiertes Amitriptylin zur Behandlung chronischer Nerven- und Rückenschmerzen und zur Vorbeugung von Migräneattacken. In den Leitlinien der britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE) ist derzeit vorgesehen, dass Hausärzte den Einsatz eines niedrig dosierten trizyklischen Arzneimittels wie Amitriptylin beim RDS in Betracht ziehen könnten, doch bisher gab es für ihren Nutzen in diesem Kontext keine klare Evidenz.

Basierend auf den Ergebnissen der ATLANTIS-Studie, die einen klaren Nutzen von Amitriptylin zeigten, können Hausärzte RDS-Patienten im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung niedrig dosiertes Amitriptylin anbieten, wenn sich die Symptome durch Erstbehandlungen nicht bessern.

Prof. Hazel Everitt vom Primary Care Research Centre der University of Southampton (Großbritannien), ebenfalls an der Studie beteiligt, erklärt: „Vor ATLANTIS haben Hausärzte nicht oft Amitriptylin gegen RDS verschrieben, da Forschungsergebnisse kein klares Bild lieferten, aber unsere neue Arbeit liefert gute Belege für den Nutzen. Allgemeinmediziner verschreiben bereits niedrig dosiertes Amitriptylin gegen andere Erkrankungen wie chronische Schmerzen und Schlafstörungen, und als wir im Rahmen dieser Untersuchung Hausärzte befragten, waren sie bereit, es beim RDS zu verschreiben, wenn die Forschungsergebnisse dies stützen. Die Teilnehmer wünschten sich auch eine andere Möglichkeit, ihre RDS-Symptome zu lindern, und die meisten waren bereit, ihre Dosis je nach Symptomen und Nebenwirkungen selbst anzupassen.“

Die ATLANTIS-Studie wurde vom NIHR Heath Technology Assessment-Programm finanziert. Etwa 463 Personen mit RDS aus drei Regionen im Vereinigten Königreich (West Yorkshire, Wessex und Westengland) nahmen daran teil. Sie wurden aus 55 Allgemeinarztpraxen rekrutiert.

Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt – ein Teil erhielt Amitriptylin erhielten, der andere Teil Placebo. Die Teilnehmer kontrollierten selbst, wie viele Tabletten des Studienmedikaments sie einnahmen, und erhielten dabei Unterstützung durch ein Dokument zur Anpassung der Dosis, das gemeinsam mit Patientenvertretern speziell für diese Studie entwickelt worden war. Dies ermöglichte es den Teilnehmern, die Anzahl der Tabletten je nach RDS und aufgetretenen Nebenwirkungen zu erhöhen oder zu verringern.

Probanden, die Amitriptylin einnahmen, berichteten nach sechs Monaten über eine stärkere Verbesserung ihrer Symptomwerte im Vergleich zu Teilnehmern aus der Placebogruppe.

Bei den Patienten, die Amitriptylin einnahmen, war die Wahrscheinlichkeit fast doppelt so hoch wie bei den Teilnehmern aus der Placebogruppe, dass sie über eine allgemeine Verbesserung der RDS-Symptome berichteten, wobei Amitriptylin bei einem breiten Spektrum von Maßen der RDS-Symptome besser abschnitt.

Die RDS-Scores wurden mithilfe des Irritable Bowel Syndrome – Severity Scoring System gemessen. Studienteilnehmer unter Amitriptylin erzielten eine Verbesserung um 99 Punkte, verglichen mit einer Verbesserung um 69 Punkte bei den Probanden in der Placebogruppe.

Die Forscher überwachten die Angst- oder Depressionswerte der Teilnehmer und stellten fest, dass diese sich nicht veränderten – was darauf hindeutet, dass die positiven Wirkungen des Medikaments über den Darm erfolgten und nicht auf der Wirkung als Antidepressivum basierten. Sicherheitsbedenken gab es keine, und die Nebenwirkungen bei Personen, die Amitriptylin einnahmen, waren meist nur leicht, wie zum Beispiel Mundtrockenheit am Morgen.

Prof. Amanda Farrin, Leiterin der Abteilung für komplexe Interventionen der Leeds Clinical Trials Research Unit (Großbritannien) erklärt: „Die Teilnehmer der ATLANTIS-Studie hatten mittelschwere bis schwere Symptome und litten im Durchschnitt seit zehn Jahren am RDS. Die Tatsache, dass Amitriptylin im Vergleich zu einem Placebo eine so große Wirkung hatte, ist bedeutsam, da es dazu beitragen kann, die Lebensqualität von Patienten mit dieser Erkrankung zu verbessern.“