Reizdarmsyndrom-Diagnose: Männer mit Symptomen werden häufiger übersehen

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Eine nationale Umfrage in den USA verdeutlicht, dass es dortzulande erhebliche Unterschiede in der Diagnose des Reizdarmsyndroms (RDS) sowohl zwischen Männern und Frauen als auch bezogen auf ethnische Gruppen gibt.

Der Untersuchung zufolge, die unter der Leitung von Forschenden der University of California Los Angeles (UCLA) Health und dem Cedars-Sinai Medical Center durchgeführt wurde, erhalten Männer und Schwarze deutlich seltener eine formale Diagnose als Frauen und Weiße. Die Zahl der insgesamt vom Reizdarmsyndrom betroffenen US-Amerikanerinnern und -Amerikaner schätzen die Forschenden auf 20 bis 40 Millionen.

Unterschiede beim RDS bisher kaum erforscht

In ihrer neuen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“, analysierten die Wissenschaftler Rückmeldungen von mehr als 88.600 Erwachsenen, die an einer zweiten Runde (2020) einer nationalen Umfrage zu gastrointestinalen Themen teilgenommen hatten. Von diesen Befragten erfüllten 6,1 Prozent die Rom-IV-Kriterien und damit den klinischen Standard für die Diagnose des Reizdarmsyndroms. Sie wurden in die Analyse einbezogen.

Ziel der Studie war es zu untersuchen, ob es bei US-amerikanischen Erwachsenen Unterschiede hinsichtlich der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und in der RDS-Diagnose gibt, die mit dem Geschlecht, der ethnischen Zugehörigkeit und der Hautfarbe zusammenhängen. Zwar gebe es bereits ähnliche Studien zu Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung anderer gastrointestinaler Erkrankungen, erläutert Seniorautorin Dr. Lin Chang von der UCLA Health, doch sei das Reizdarmsyndrom in diesem Kontext bisher kaum erforscht worden.

„Eine fehlende Diagnose hat gravierende Folgen“, unterstreicht Chang, Leiterin der Vatche and Tamar Manoukian Division of Digestive Diseases an der UCLA Health. „Patienten ohne eindeutige RDS-Diagnose riskieren, dass die Kosten für wirksame Therapien nicht übernommen werden. Zudem müssen sie sich möglicherweise wiederholt unnötigen medizinischen Tests unterziehen und immer wieder eine Notaufnahme aufsuchen, da Ärzte nach Erklärungen für die ungeklärten Symptome suchen – ein Vorgehen, das die Kosten in die Höhe treibt, ohne die Behandlungsergebnisse zu verbessern.“

Unterschiede nach Hautfarbe, Ethnie und Geschlecht beobachtet

Die Forschenden stellten in ihrer aktuellen Studie fest, dass 35 Prozent der befragten weißen Patienten eine RDS-Diagnose erhalten hatten, verglichen mit 24,6 Prozent der schwarzen Patienten. Bei Befragten hispanischer Abstammung wurde seltener die Diagnose RDS gestellt (25,6%) als bei solchen, die nicht hispanischer Abstammung waren (34%). Zudem wurden mehr Frauen (36,5%) als Männer (26,2%) mit einem RDS diagnostiziert.

Frauen suchten häufiger ärztliche Hilfe, wenn sie Symptomen hatten, als Männer (73,3% vs. 68,7%). Hinsichtlich der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen unterschieden sich die ethnischen Gruppen kaum. Mindestens zwei Drittel aller Befragten erfüllten die symptomorientierten Diagnosekriterien für ein RDS, erhielten aber keine formale RDS-Diagnose. Besonders auffällig war laut den Forschenden, dass bei schwarzen Befragten seltener die Diagnose RDS gestellt wurde als bei weißen – und dies, obwohl sie ähnlich häufig ärztliche Hilfe suchten, sich bezüglich der Stärke der Symptome glichen und einen ähnlichen sozioökonomischen Status hatten.

Mögliche Ursachen für die beobachteten Unterschiede

Laut Chang entsprechen die beobachteten ethnischen Unterschiede den umfassenderen Mustern von Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung, die bei anderen gastrointestinalen Erkrankungen – wie Chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, der Darmkrebsvorsorge und Lebererkrankungen – bereits dokumentiert wurden.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Diagnose von Reizdarmsyndrom (RDS) spiegeln möglicherweise Unterschiede in der Symptomlast und bei der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen wider. Frauen berichteten in der Studie über stärkere Blähungen, Verstopfung und Bauchschmerzen als Männer und suchten häufiger ärztliche Hilfe.

Soziale Faktoren, die Männer möglicherweise von der Inanspruchnahme medizinischer Hilfe abhalten, könnten ebenfalls eine Rolle spielen, mutmaßt Chang. Weitere Studien seien jedoch erforderlich. Die Diskrepanz könnte auch zu einer Überschätzung der tatsächlichen Häufigkeit von RDS bei Frauen im Vergleich zu Männern beitragen.

Das Forscherteam hebt hervor, dass kulturelle Verzerrungen, historische Fehlvorstellungen hinsichtlich der Betroffenen, die Stigmatisierung des RDS als weniger „legitime“ Erkrankung und Kommunikationslücken zwischen Patient und Arzt zu niedrigeren Diagnoseraten bei schwarzen Patientinnen und Patienten beitragen können.

Mögliche Lösungsvorschläge für mehr Gleichheit

Um gegen diese Ungleichheiten vorzugehen, könnte eine entsprechende Ausbildung von Medizinern helfen. Dadurch könne das Bewusstsein für die beobachteten Unterschiede geschärft, Diagnoseverfahren verbessert und Strategien zur Reduzierung von Vorurteilen in der klinischen Ausbildung entwickelt werden. Sie schlagen außerdem vor, dass auf Künstlicher Intelligenz basierende Systeme, gestützt auf elektronische Patientenakten, zur proaktiven Identifizierung von Patientinnen und Patienten beitragen könnten, die an RDS-typischen Symptomen leiden. So ließen sich diese möglicherweise mit weniger Verzögerungen erkennen, sodass sie rascher eine richtige Diagnose erhalten.

„Obwohl weitere Forschung erforderlich ist, unterstreichen unsere Ergebnisse die Notwendigkeit, das Bewusstsein der Behandler für das Thema zu schärfen und gerechtere Ansätze in der Behandlung und Diagnose von Reizdarmsyndrom zu entwickeln“, erklärt Chang.

Die Autoren der Studie räumen einige Schwächen ihrer Untersuchung ein. So seien die Stichprobengrößen in verschiedenen demografischen Gruppen unterschiedlich gewesen. Zudem standen die auszufüllenden Fragebögen lediglich in englischer Sprache zur Verfügung. Auch stützte sich die Analyse auf Angaben, die die Patienten selbst machten, anstatt beispielsweise auf eine Überprüfung der Krankenakten.