Rektumkarzinom: Weniger Chemotherapie hat möglicherweise größeren Nutzen

Die Nebenwirkungen einer neoadjuvanten Chemotherapie (FOLFOX, CapeOx) bei Patienten mit Rektumkarzinom können so gravierend sein, dass die Betroffenen die Behandlung abbrechen und nicht die volle geplante Dosis erhalten. (Foto: © RFBSIP/Adobe Stock)

Eine neoadjuvante Chemotherapie wird bei vielen Krebserkrankungen immer häufiger durchgeführt – auch beim Rektumkarzinom der Stadien II und III. Allerdings bergen die in diesem Setting eingesetzten Therapieregime FOLFOX und CapeOx das Risiko erheblicher Nebenwirkungen.

Diese können so stark sein, dass vielen Patienten die Therapie nicht zu Ende bringen können. Nun zeigt eine am University of Colorado Cancer Center durchgeführte und beim 2020 ASCO Gastrointestinal Cancers Symposium in San Francisco (USA) vorgestellte Studie, dass dies nicht sein muss.

In der kleinen Studie – 48 Patienten mit lokal fortgeschrittenem Rektumkarzinom, die eine neoadjuvante Chemotherapie erhielten – wurde beobachtet, dass Patienten unter einem Regime mit einer geringeren als der empfohlenen Dosis tatsächlich eine stärkere Tumorschrumpfung verzeichneten als diejenigen Patienten, die die voll empfohlene Dosis erhielten.

„Ich denke, wir brauchen größere Studien, um weniger invasive Therapien zu erforschen – vielleicht mit geringeren Dosierungen, oder mit einer kürzeren Therapiedauer – um herauszufinden, wo die optimale Dosierung vor einer Operation liegt“, sagt Ashley E. Glode, Professorin an der Skaggs School of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences und Erstautorin der Studie.

Bei einigen Krebsarten kann ein Tumor so eng mit benachbarten Organen und Blutgefäßen verbunden sein, dass eine Operation zunächst nicht mehr infrage kommt. Die meisten Patienten mit lokal fortgeschrittenem Rektumkarzinom sind Kandidaten für eine Operation, wobei die Chemotherapie zum Zwecke der präoperativen Verkleinerung des Tumors mit erfolgreicheren Operationen und einer geringeren Rate von Krebsrezidiven verbunden ist. Dr. Christopher Lieu und Kollegen vom University of Colorado Cancer Center stellten allerdings fest, dass Patienten, die die empfohlene neoadjuvante Chemotherapie nicht abschließen konnten, ähnliche oder sogar bessere Ergebnisse zu erzielen schienen als Patienten, die die volle Dosis erhielten. Das führte zu der Studie, deren Ergebnisse die Mediziner nun veröffentlicht haben.

„Wir ergreifen alle möglichen unterstützenden Maßnahmen, um die Patienten bei diesen Therapien in den empfohlenen hohen Dosen zu halten. Basierend auf unseren Beobachtungen und dieser Studie beginnen wir jedoch, über eine geringere Zurückhaltung beim Absetzen oder wenigstens einer Verringerung der Dosis zu sprechen“, sagt Lieu, Interims-Direktor des CU Cancer Center für klinische Forschung.

Von den 48 in die Studie einbezogenen Patienten tolerierten nur 12,5 Prozent die volle Dosis der Chemotherapie. Aufgrund von Nebenwirkungen erhielt keiner der sechs Patienten unter CapeOx die empfohlene Dosis. „CapeOx ist eine Behandlungsoption, die meistens in Tablettenform zu Hause eingenommen wird, sodass es für Patienten einfacher ist – sie müssen nur alle drei Wochen zur Infusion kommen. Aber das Regime wurde von keinem Patienten in dieser Studie gut vertragen. Das lässt uns darüber nachdenken, die Option CapeOx gar nicht anzubieten und stattdessen an FOLFOX festzuhalten“, sagt Glode.

Bei 42 Patienten, die weniger als die volle FOLFOX-Dosis erhielten, zeigten 45 Prozent ein vollständiges Ansprechen, was bedeutete, dass der Krebs nach der Behandlung nicht mehr nachweisbar war. In acht Fällen bedeutete dies, dass keine Notwendigkeit mehr für eine Operation bestand. Bei 6 Patienten, die die volle Dosis FOLFOX erhielten, zeigten 33 Prozent ein vollständiges Ansprechen.

„Dies ist eine kleine, monozentrische Studie mit nur einer Institution, aber sie gibt uns dennoch zu denken“, unterstreicht Glode. „Warum sollten Patienten mehr Chemotherapie erhalten und mehr Nebenwirkungen haben, wenn ein geringeres Maß an Chemotherapie gleicherwertig oder sogar vorteilhafter zu sein scheint?“