Risikobewertung: SCAI-Schockklassifikation auch bei herzchirurgischen Intensivpatienten verlässlich

Alexander Meyer (links) und Tobias Röschl. Foto: ©Sonja Gurris/DHZC

Anhand der Daten von rund 27.000 Patienten konnte Dr. Tobias Röschl vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) die Verlässlichkeit einer Risikoklassifikation des kardiogenen Schocks bei herzchirurgischen Intensivpatienten belegen. Der nun im „Journal of the American College of Cardiology“ veröffentlichte Nachweis kann Ärzten weltweit bei der Bewertung eines lebensbedrohlichen Krankheitsbildes und der rechtzeitigen Wahl der bestmöglichen Therapie helfen.

Zur einheitlichen Bestimmung der Schwere eines kardiogenen Schocks wurde im Jahr 2019 durch eine Expertenkommission der Society for Cardiovascular Angiography and Interventions (SCAI) die SCAI-Schockklassifikation entwickelt: Sie stuft Patienten unter anderem anhand von Vitalparametern (wie etwa Herzfrequenz und Blutdruck) und Laborwerten (wie etwa dem arteriellen Laktatwert) in die fünf Kategorien „A“ bis „E“ ein, wobei „A“ („at risk“) für das niedrigste und „E“ („extreme“) für das höchsten Risiko steht, an einem kardiogenen Schock zu sterben.

Risikoklassifikationen wie die SCAI-Schockklassifikation dienen nicht nur der exakten Beschreibung und der einheitlichen Bewertung eines Patientenzustandes, sondern auch zur die Wahl der idealen Behandlungsstrategie sowie als Ein- und Ausschlusskriterium für wissenschaftliche Studien. Sie sollten daher zum einen möglichst verlässlich zwischen Niedrig- und Hochrisikopatienten differenzieren und zum anderen auf möglichst viele unterschiedliche Patienten verschiedener Fachbereiche und Herkunftsregionen angewendet werden können. Aus diesem Grund werden Risikoklassifikationen auf ihre Vorhersagequalität und die Anwendbarkeit auf verschiedene Patientengruppen in wissenschaftlichen Studien geprüft. Die SCAI-Klassifikation wurde zwar für den internationalen und übergreifenden Einsatz in Kardiologie, Herzchirurgie, Notfallmedizin und Intensivmedizin konzipiert. Validiert wurde sie bisher allerdings überwiegend an kardiologischen Intensivpatienten in den USA.

Ob die SCAI-Schockklassifikation auch bei herzchirurgischen Patienten sinnvoll angewendet werden kann, untersuchte nun der Mediziner Röschl aus der DHZC-Arbeitsgruppe Clinical Data Science unter Leitung von Prof. Alexander Meyer. Hierzu ordnete er fast 27.000 Patienten, die sich im Zeitraum von 2012 bis 2022 am Deutschen Herzzentrum Berlin einem kardiochirurgischen Eingriff unterzogen hatten, nachträglich mittels eines Computeralgorithmus den entsprechenden SCAI-Schockklassen zu. Im Anschluss wurden die Mortalität und die Häufigkeit von postoperativen Komplikationen je nach SCAI-Schockklasse untersucht. Zur strukturierten und wissenschaftlich belastbaren Analyse derart großer Datenmengen kombinierte Röschl Methoden aus dem Bereich der Big Data Science, der klassischen Statistik und des maschinellen Lernens.

In dieser weltweit bisher umfangreichsten SCAI-Schock-Validierungsstudie konnte das DHZC-Team nachweisen, dass die SCAI-Schockklassifikation auch bei herzchirurgischen Intensivpatienten erfolgreich zur Risikoabschätzung eingesetzt werden kann. Konkret konnte unter anderem gezeigt werden, dass mit zunehmender SCAI-Schockstufe sowohl das Mortalitätsrisiko als auch das Risiko für postoperatives Nierenversagen, Lungenversagen, Blutarmut, Delir sowie eine notfallmäßige Reoperation zunahmen.

„Unseren Ergebnissen zufolge bietet die SCAI-Schockklassifikation auch in der Herzchirurgie eine zuverlässige Methode zur einheitlichen Bewertung des Schockzustands. Sie liefert damit eine wichtige Grundlage zur rechtzeitigen Wahl der optimalen Therapie und zur gezielten Patientenauswahl für zukünftige wissenschaftliche Studien“, bilanziert Röschl.