Risikofaktoren für Neonatizid identifiziert13. Februar 2019 In Fällen von Neonatizid wollen Frauen in der Regel ihre Schwangerschaft nicht wahrhaben. Die Geburt trifft sie dann unvorbereitet. (Foto © Fotolia.com) Beim Neonatizid spielen soziodemographische Faktoren wie Alter der Frau oder Ausbildungsstatus eher eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist die Negierung der Schwangerschaft, und zwar nicht nur durch die Betroffene selbst, sondern auch durch ihr soziales Umfeld, wie eine aktuelle Studie zeigt. In einer nun im Themenheft der „Archives of Women’s Mental Health“ zum Thema „Kindstötung“ publizierten Studie konnte Claudia Klier von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Wien erstmals gemeinsam mit finnischen Experten aus Helsinki und Turku Risikofaktoren von einmaligen und wiederholten Neugeborenentötungen identifizieren. Das etwas überraschende Ergebnis: Die 28 untersuchten Fälle von einmaligen und wiederholten Neonatiziden unterscheiden sich nur in einzelnen soziodemographischen Variablen, wie dem Alter der Frau, der Gesamtzahl an Kindern sowie des Ausbildungsstatus und der Lebenssituation. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist hingegen, dass die Negierung der Schwangerschaft durch die betroffenen Frauen und ihr soziales Umfeld den wichtigsten Risikofaktor darstellt. „Generell konnte gezeigt werden, dass wiederholte Neonatizide nicht so selten sind, wie angenommen. Im Zeitraum von 1995-2005 war überraschenderweise jeder dritte getötete Säugling auf einen vorher noch nicht entdeckten Wiederholungsfall zurückzuführen“, sagt Klier, Leiterin der Pädiatrischen Psychosomatik an der Universitätsklinik. Was versteht man unter Neonatizid – und wie kommt es dazu? Neonatizid ist die Tötung eines Kindes in den ersten 24 Stunden nach der Geburt. Der Tötung geht ein monatelanger Prozess von „Negierung“ voraus: Die Frau kann aufgrund verschiedener Traumata und/oder einer Persönlichkeitsstörung die Schwangerschaft nicht wahrhaben, negiert sie, und ihr soziales Umfeld hat – unabhängig von der Lebenssituation – häufig keine Kenntnis der Schwangerschaft. Eine Auseinandersetzung mit der ungewollten Schwangerschaft findet folglich nicht statt. Klier: „Auch das Wort Schwangerschaft wird nicht benutzt. Die Frau erklärt bei Nachfragen die Gewichtszunahme durch zu viel Essen, Blähungen und andere Gründe, wodurch also eine Uminterpretation der Symptome stattfindet. Die Frauen haben keinen Kontakt zum Gesundheitssystem, die Geburt, von der die Frauen meist überrascht werden, erfolgt unassistiert und heimlich, was ein hohes Risiko für die Gebärende und das Kind birgt. Denn das Neugeborene wird entweder nicht versorgt oder aktiv getötet, da es in dieser Situation zu Panik und dissoziativen Zuständen bei der Gebärenden kommen kann. Prävention ist möglich Sowohl in Österreich als auch in Deutschland gibt es für Frauen die Möglichkeit, anonym zu entbinden. „Die anonyme Geburt und Schwangerschaftsbegleitung ist ein sehr effektives Mittel, um diesen Frauen in ihrer schwierigen Situation zu helfen und sie vor, während und nach der Geburt medizinisch und psychosozial zu betreuen“, so Klier.
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