Risikofaktoren für eine Störung der Mutter-Kind-Bindung

Forschende der Universität Toyama (Japan) haben drei Faktoren identifiziert, die Schwierigkeiten bei der Mutter-Kind-Bindung ohne das Vorliegen einer postpartalen Depression vorhersagen.

Eine stabile emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind ist in der frühen Säuglingszeit essenziell. Dennoch erleben einige Mütter Gleichgültigkeit, emotionale Distanz oder auch Ärger im Kontakt mit ihrem Kind. Dieses Phänomen wird als Schwierigkeiten in der Mutter-Kind-Bindung (mother-to-infant bonding difficulties, MIBD) bezeichnet. Es ist mit inadäquatem Fürsorgeverhalten sowie Entwicklungsverzögerungen beim Kind assoziiert. Entsprechend kommt einer frühzeitigen Intervention durch medizinisches Fachpersonal eine hohe Bedeutung zu.

MIBD auch ohne postpartale Depression häufig

Es ist seit Langem bekannt, dass postpartale Depressionen ein starker Prädiktor für MIBD sind. Allerdings machen Mütter ohne postpartale Depression einen sehr großen Anteil der von MIBD betroffenen Mutter-Kind-Paare aus. „Die Prävalenz von MIBD wird mit 11 bis 12 Prozent angegeben, doch unseres Wissens nach gibt es relativ wenige Berichte über die Häufigkeit von MIBD ohne gleichzeitige postpartale Depression“, berichtet Hitomi Inano vom Fachbereich Pflegewissenschaften der Graduate School of Medicine and Pharmaceutical Sciences an der Universität Toyama (Japan). „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bindungsschwierigkeiten der Mutter eine Rolle bei der in den letzten Jahren stetig zunehmenden Häufigkeit von Kindesmisshandlung und Entwicklungsstörungen spielen“, fügt sie hinzu.

Inano leitete eine Studie zu MIBD bei Müttern ohne postpartale Depression. Unterstützt wurde die Studie von Dr. Akiko Tsuchida, Dr. Hidekuni Inadera und Professor Tomomi Hasegawa von der Medizinischen Fakultät der Universität Toyama sowie von Dr. Kenta Matsumura von der Aomori University of Health and Welfare. Unter Verwendung von Daten der „Japan Environment and Children’s Study“ (JECS) untersuchten die Forschenden die Gesamtprävalenz von MIBD sowie Faktoren, die mit einem erhöhten MIBD-Risiko einhergehen. Ihre Ergebnisse wurden online in der Fachzeitschrift „Archives of Women’s Mental Health“ veröffentlicht.

Risikofaktoren und Schutzfaktoren

Das Forschungsteam stellte fest, dass MIBD bei 11,6 Prozent aller Mutter-Kind-Paare im JECS-Datensatz vorlag; dieses Ergebnis deckte sich mit früheren Studien. Während die MIBD-Prävalenz bei Mutter-Kind-Paaren, deren Mütter keine postnatale Depression aufwiesen, lediglich 7,7 Prozent betrug, machte diese Gruppe dennoch fast die Hälfte aller MIBD-Fälle im Datensatz aus. Anschließend untersuchte das Team die Häufigkeit der beiden MIBD-Komponenten: Mangel an Zuneigung (LA – lack of affection) sowie Wut und Ablehnung (AR – anger and rejection). 38,2 Prozent der Mütter gaben mindestens eine bejahende Antwort auf Fragen zur Kategorie LA, verglichen mit 51,8 Prozent bei Fragen zur Kategorie AR.

Welche Aspekte der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt erhöhen das MIBD-Risiko? Das Team analysierte 30 Variablen aus sechs Bereichen: kindbezogene Faktoren, körperliche Faktoren bei der Mutter, Lebensstil der Mutter, psychische Faktoren, sozioökonomische Faktoren sowie Faktoren im Zusammenhang mit der Gesundheitsversorgung oder medizinischen Interventionen. Drei dieser Variablen zeigten den stärksten Zusammenhang mit MIBD.

Der stärkste Prädiktor waren Schwierigkeiten beim Halten des Babys einen Monat nach der Geburt, wenn dieses weinte, quengelte oder den Rücken durchbog; bei diesen Müttern war die Wahrscheinlichkeit, ein Jahr nach der Geburt unter MIBD zu leiden, um das 3,45-Fache erhöht. Der zweitstärkste Prädiktor war die Angabe einer anderen Emotion als Freude bei der Bestätigung der Schwangerschaft: Gefühle wie Verwirrung, Bestürzung oder Neutralität waren mit einem 2,42-fach erhöhten MIBD-Risiko verbunden. Umgekehrt wiesen Mütter, die von starker sozialer Unterstützung während der Schwangerschaft berichteten, eine um 55 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für MIBD auf.

Klinische Relevanz von Früherkennung

Inano betont die Notwendigkeit einer frühzeitigen Erkennung und Intervention. „Mütter mit Bindungsschwierigkeiten, bei denen kein Screening-Befund für eine postnatale Depression vorliegt, werden von medizinischem Fachpersonal oft nicht erkannt und daher häufig als potenzielle Empfängerinnen von Unterstützung übersehen“, erklärt sie. Klinisches Personal sollte insbesondere dann aufmerksam werden, wenn Mütter Schwierigkeiten im Umgang mit einem unruhigen Säugling berichten, auch ohne Hinweise auf eine Depression.

Inano hofft, dass diese Ergebnisse dazu beitragen, dass mehr Mütter rechtzeitig Unterstützung erhalten, um so ihr eigenes Wohlbefinden und die gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu gewährleisten.

(lj/BIERMANN)