Schon der falsche Ort kann allergische Reaktionen auslösen5. Mai 2020 Schlaf verfestigt eine gelernte Assoziation zwischen Allergenen und der spezifischen Umgebung. Allein die Rückkehr in diese Umgebung kann eine konditionierte allergische Reaktion auslösen. Abbildung: Luciana Besedovsky Wie fehlangepasste allergische Reaktionen gelernt werden, haben Tübinger Forscher entschlüsselt. Sie konnten zeigen, dass Schlaf für den Mechanismus eine entscheidende Rolle spielt. Allergische Reaktionen können ohne das auslösende Allergen wie Gräser- oder Birkenpollen auftreten, wenn der Allergiker in die gleiche räumliche Umgebung zurückkehrt, in der er zuvor dem Allergen ausgesetzt war. Allerdings passiert eine solche Konditionierung – das Lernen einer bedingten Reaktion auf eine an sich neutrale und ungefährliche Situation – nur nach einer Schlafphase, die auf die Konditionierung folgt. Das hat eine neue Studie zum Einfluss psychologischer Faktoren auf allergische Reaktionen ergeben, die ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Luciana Besedovsky und Prof. Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen durchgeführt hat. Mit den Ergebnissen lässt sich zumindest teilweise erklären, warum allergische Beschwerden so häufig in einer Art Placebo-Reaktion ohne Vorhandensein des Allergens beobachtet werden. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Für seine Studie rekrutierte das Forschungsteam Probanden mit allergischem Schnupfen, die in einem neutralen Versuchsraum durch Verabreichung eines Nasensprays mit ihrem jeweiligen Allergen wie Gräser- oder Birkenpollen konfrontiert wurden. Die Stärke der bei allen Probanden auftretenden allergischen Reaktion wurde jeweils über die Menge eines bestimmten Enzyms im Nasensekret gemessen. Die Hälfte der Probanden ging nach diesem Experiment für acht Stunden schlafen, die zweite Hälfte musste bis zum kommenden Abend wach bleiben. Eine Woche darauf wurde das Experiment im selben Versuchsraum wiederholt – nur dass dieses Mal keine Allergene verabreicht wurden. „Die Probanden reagierten schon kurz nach Betreten des Versuchsraums mit allergischem Schnupfen. Allerdings nur die aus der Schlafgruppe“, sagt Besedovsky. Weder hätten die Versuchsteilnehmer der Wachgruppe allergisch auf die Rückkehr in den Versuchsraum reagiert noch hätte ein anderer Ort, an den die Probanden der Schlafgruppe in der zweiten Woche geführt wurden, eine solche Wirkung gehabt. Schneller Lernprozess „Wie bei klassischen Lernprozessen aus anderen Zusammenhängen spielte die Schlafphase in unserer Studie eine entscheidende Rolle. Nur so verknüpfte das Gehirn eine bestimmte Umgebung fest mit einer allergischen Reaktion“, sagt Born. Dies sei der erste Beleg dafür, dass allein ein bestimmter Ort eine allergische Reaktion auslösen kann. Die Forscher gehen davon aus, dass an der Konditionierung durch die Umwelt, wie bei vielen Gedächtnisprozessen, die Hirnstruktur des Hippocampus beteiligt ist. Dieser arbeite schlafabhängig. „Erstaunlich ist, wie schnell das Immunsystem die fehlangepasste Reaktion erlernt. Im Experiment genügte eine einzige Allergengabe, um die allergische Reaktion mit der Umgebung zu verknüpfen“, setzt Besedovsky hinzu. Dass dieser Lernmechanismus entschlüsselt werden konnte, helfe sowohl der Allergie- als auch der Schlafforschung. Jedoch seien einfache Schlussfolgerungen zur Verbesserung der Situation von Allergikern schwierig, da man auf Schlaf nicht verzichten könne – zumal dieser sich positiv auf andere, hilfreiche Immunreaktionen auswirke. Originalpublikation:Besedovsky L et al. Human sleep consolidates allergic responses conditioned to the environmental context of an allergen exposure. Proceedings of the National Academy of Sciences, 4. Mai 2020.
Mehr erfahren zu: "Kopf-Hals-Tumorzentrum Dresden setzt auf personalisierte und interdisziplinäre Krebsmedizin" Kopf-Hals-Tumorzentrum Dresden setzt auf personalisierte und interdisziplinäre Krebsmedizin Komplexe Fälle in der Kopf-Hals-Onkologie und veränderte Patientenprofile erfordern individuellere Therapie. Das Kopf-Hals-Tumorzentrum der Uniklinik Dresden setzt auf interdisziplinären Austausch mit Zuweisenden und Fachkollegen.
Mehr erfahren zu: "iGAS-Infektionen: Antibiotika bei Halsschmerzen ohne Effekt auf Inzidenz" iGAS-Infektionen: Antibiotika bei Halsschmerzen ohne Effekt auf Inzidenz Bei unkomplizierten Halsschmerzen haben Antibiotika nur einen sehr begrenzten Effekt auf die Ausbreitung von Streptokokken oder die Inzidenz invasiver Streptokokken-Infektionen (iGAS). Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie.
Mehr erfahren zu: "Mikroplastik verändert Reaktion des Körpers auf Allergene" Mikroplastik verändert Reaktion des Körpers auf Allergene Eine Studie am Mausmodell zeigt den Einfluss von Mikroplastik-Partikeln auf Immunantwort und Entzündungen der Atemwege: Die Partikel bleiben in der Lunge der Mäuse und kann die Allergie-Immunreaktion verändern.