Schwangerschaft und Reproduktionsgeschichte beeinflussen das Demenzrisiko

Foto: © Sondem – Fotolia.com

Forschungsergebnisse, die auf der Alzheimer’s Association International Conference 2018 (AAIC 2018) in Chicago präsentiert wurden, heben die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Zusammenhang mit Demenz und Alzheimer-Krankheit im Laufe des Lebens hervor.

Die Tatsache, dass mehr Frauen als Männer von Alzheimer oder anderen Demenzen betroffen sind, ist auf eine Reihe möglicher biologischer und sozialer Gründe zurückzuführen. Am häufigsten wird die Auffassung vertreten, dass Frauen im Durchschnitt länger leben als Männer und dass das Alter der wichtigste Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit ist. Einige Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, für Frauen aufgrund biologischer oder genetischer Variationen oder sogar unterschiedlicher Lebenserfahrungen und Umstände wie Ausbildung und Berufswahl oder Herzerkrankungen größer sein könnte.

Zusammenhang zwischen Reproduktionsgeschichte und Demenzrisiko bei Frauen

Wie auf der AAIC 2018 präsentiert, haben Paola Gilsanz, ScD, Staff Scientist, Kaiser Permanente Northern California Division of Research in Oakland, Kalifornien und Rachel Whitmer PhD, Professorin an der UC Davis und weitere Kollegen im Rahmen der ersten groß angelegten epidemiologischen Untersuchung in den USA zu verschiedenen Aspekten von Reproduktionsgeschichte und Demenzrisiko geforscht, und dabei einen Zusammenhang zwischen Demenzrisiko und der Zahl der Kinder, Anzahl der Fehlgeburten, Alter zum Zeitpunkt der ersten Regelblutung, Alter beim Eintritt der natürlichen Menopause und reproduktiver Phase (Anzahl der Jahre zwischen der ersten Regelblutung und der Menopause) ermittelt. Zur Auswertung kamen dabei Selbstauskünfte von 14.595 Frauen im Alter von 40-55 Jahren aus den Jahren 1964-1973.

Die Forscher stellten fest, dass Frauen mit drei oder mehr Kindern ein um 12 Prozent geringeres Demenzrisiko aufwiesen als Frauen, die nur ein Kind geboren hatten – und zwar selbst nach Bereinigung um zusätzliche Risikofaktoren wie Body-Mass-Index und Vorerkrankungen wie Schlaganfall.

Die Forscher erfassten ebenfalls Daten zu Fehlgeburten und Menstruation. Das Demenzrisiko stieg, im Vergleich zu den Frauen, die keine Fehlgeburten gemeldet hatten, mit jeder weiteren Fehlgeburt um neun Prozent. Das durchschnittliche Alter für die erste Regelblutung betrug 13 Jahre, das Durchschnittsalter für den natürlichen Übergang in die Wechseljahre lag bei 47 Jahren. Frauen, deren erste Regelblutung erst im Alter von 16 Jahren oder noch später einsetzte, waren um 31 Prozent stärker demenzgefährdet als Frauen, die mit 13 Jahren ihre erste Regelblutung hatten.

Verglichen mit den Frauen, deren natürlicher Übergang in die Menopause nach dem 45. Lebensjahr einsetzte, waren diejenigen, die mit 45 Jahren oder jünger in die Wechseljahre eintraten, mit einem 28 Prozent größerem Demenzrisiko behaftet. Die Zahlen wurden für demografische Zwecke bereinigt.

Durchschnittlich betrug die reproduktive Zeitspanne 34 Jahre. Im Vergleich zu den Frauen mit einer reproduktiven Phase von 38-44 Jahren wiesen Frauen mit einer reproduktiven Spanne von 21-30 Jahren demografisch bereinigt ein um 33 Prozent erhöhtes Demenzrisiko auf. Um den mechanistischen Weg zwischen reproduktiven Ereignissen und Gehirngesundheit zu evaluieren, ist weitere Forschungsarbeit notwendig.

Schwangerschaft beeinflusst bei Frauen möglicherweise das Alzheimer-Risiko

In einer Fall-Kontroll- und Querschnittsstudie an 133 älteren britischen Frauen haben Molly Fox, PhD, Assistant Professor für die Fachbereiche Anthropologie und Psychiatrie & Verhaltenswissenschaften an der University of California, Los Angeles und ihre Kollegen Informationen über die Reproduktionsgeschichte und den Schweregrad der Alzheimerdemenz gesammelt, um einen möglichen Zusammenhang zwischen Schwangerschaften und Alzheimer-Risiko zu bewerten und festzustellen, ob dies auf die Immunfunktion zurückgeführt werden kann.

Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Anzahl der Monate, die eine Frau schwanger war, und hier insbesondere die Monate des ersten Trimesters, ein signifikanter Indikator für das Alzheimer-Risiko ist. Die Forscher berichten, dass in dieser Studienpopulation Frauen, die 12,5 Monate länger als vergleichbar identische Frauen schwanger waren, ein rund 20 Prozent niedrigeres Alzheimer-Risiko aufwiesen.

“Wir sind fasziniert von der Möglichkeit, dass die Schwangerschaft den Körper der Mutter so umgestalten kann, dass sie in höherem Lebensalter womöglich vor Alzheimer geschützt ist”, sagte Fox. “Diese Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass da mehr im Spiel ist, und es vielleicht nicht einfach nur um Östrogenexposition geht, wie bisher in der Forschung vermutet wird”.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass anhaltende positive Effekte auf das Immunsystem, die während der frühen Phasen der Schwangerschaft zustande kommen, für die beobachtete Risikominderung verantwortlich sein könnten.

Hormontherapie muss nicht zwangsläufig mit kognitiver Schädigung einhergehen

Eine neue Studie, die auf der AAIC 2018 vorgestellt wurde, sollte untersuchen, inwiefern sich die Ergebnisse der maßgeblichen Studien WHIMS (Women’s Health Initiative-Memory Study) und WHISCA (WHI-Study of Cognitive Aging) von früheren Befunden unterschieden, die auf eine kognitive Verschlechterung im Zusammenhang mit Hormontherapien hindeuten.

Carey E. Gleason, PhD, Wisconsin Alzheimer’s Disease Research Center, University of Wisconsin School of Medicine and Public Health, Madison, und Forscher des Hartford Hospital, Hartford und der George Washington University, D.C. haben ihr Augenmerk dabei auf zwei separate Studien gerichtet, die nach WHIMS und WHISCA veröffentlicht wurden: einmal die Kronos Early Estrogen Prevention Study-Cognitive and Affective Study (KEEPS-Cogs), und zum anderen die Early v. Late Intervention Trial with Estradiol-Cognitive Endpoints (ELITE-Cog). Die Ergebnisse zeigten:

  • Es wurde kein negativer kognitiver Effekt bei Frauen festgestellt, die eine Hormontherapie im Alter von 50 – 54 Jahren begonnen hatten. Im Gegensatz dazu wiesen Frauen, die eine Hormontherapie im Alter von 65 – 70 Jahren erhielten, einen Rückgang der Wahrnehmungsfähigkeit global, des Arbeitsgedächtnisses und der exekutiven Gehirnfunktionen auf.
  • Frauen mit Typ-2-Diabetes, die mit einer Hormontherapie behandelt wurden, wiesen alterskontrolliert im Vergleich zu nicht diabetischen Frauen, denen eine Hormontherapie und diabetischen Frauen, denen eine Placebo-Behandlung verabreicht wurden, ein höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigung auf.

“Diese Erkenntnisse tragen zu unserem Verständnis der komplexen Wirkungen von Hormonen auf das Gehirn bei”, kommentierte Gleason. “Solche Daten werden dringend benötigt, um die Gesundheitsfürsorge während und nach der Menopause anzuleiten und Frauen dabei zu helfen, personalisierte und informierte Entscheidungen zur Behandlung ihrer Wechseljahresbeschwerden und zur Verhütung künftiger gesundheitlicher Beeinträchtigungen zu treffen”.