Seltene Erkrankungen im Verdauungstrakt: Fortschritte in der Therapie25. Februar 2020 Foto: © H_Ko/Adobe Stock Darauf, dass es auch gastrointestinale Erkrankungen gibt, die in die Kategorie der seltenen Erkrankungen fallen, macht die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) anlässlich des Tages der Seltenen Erkrankungen aufmerksam, der dieses Jahr am 29. Februar stattfindet. Auch weil Erforschung und Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten für seltene Erkrankungen national und auf EU-Ebene seit einigen Jahren besonders gefördert werden, gebe es zunehmend Fortschritte und Erfolge in der Therapie, so die DGVS. Erkrankungen, an denen nur sehr wenige Menschen leiden, stellen für die Betroffenen, ihre Angehörigen und für Ärzte eine besondere Herausforderung dar. Denn oft wird die Krankheit erst spät erkannt, es gibt nur wenige Spezialisten und manchmal kaum Therapiemöglichkeiten. In der EU gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. Zwar betrifft jede einzelne der seltenen Erkrankungen nur wenige Menschen. Weil es jedoch mehr als 6000 solcher Krankheiten gibt, sind seltene Erkrankungen dennoch ein Massenphänomen: Die Zahl der Betroffenen wird allein in Deutschland auf rund vier Millionen geschätzt. Und obwohl die Erkrankungen sehr unterschiedlich sind, gibt es einige Gemeinsamkeiten: Die meisten seltenen Erkrankungen verlaufen chronisch und sind meist genetisch bedingt oder haben zumindest eine genetische Komponente. Erste Symptome müssen sich aber nicht schon im Kindesalter bemerkbar machen, in vielen Fällen wird die Erkrankung erst bei Erwachsenen oder gar im höheren Alter entdeckt. Gemeinsam ist vielen der seltenen Erkrankungen auch, dass es nur wenige oder gar keine Therapiemöglichkeiten gibt. „Weil die Krankheiten so einzigartig sind, müssen zum Teil völlig neue Behandlungswege gesucht werden“, sagt DGVS-Experte Prof. Christoph Schramm, wissenschaftlicher Leiter des Martin Zeitz Centrums für Seltene Erkrankungen im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dennoch ist Schramm zuversichtlich, was künftige Therapiemöglichkeiten anbelangt. Denn bei vielen Krankheiten sei heute bekannt, auf welche genetischen, immunologischen oder stoffwechselbedingten Ursachen sie zurückgehen – und es stehen zunehmend modernste Techniken zur Verfügung, die eine zielgerichtete Entwicklung neuer Wirkstoffe ermöglichen. Akute intermittierende Porphyrie Im Bereich der Gastroenterologie wurde eine solche maßgeschneiderte Substanz gerade erfolgreich in einer ersten klinischen Studie zur akuten intermittierenden Porphyrie getestet. Bei dieser seltenen, genetisch bedingten Erkrankung der Leber sammelt sich ein giftiges Stoffwechselprodukt im Körper an. Die Erkrankung kann symptomlos verlaufen, aber auch mit heftigen, wiederkehrenden Bauchschmerzen oder psychischen Symptomen wie Reizbarkeit und Depressionen sowie Nervenschäden einhergehen. Der neue Wirkstoff Givosiran kann Studien zufolge Schmerzattacken bei der akuten intermittierenden Porphyrie um fast 80 Prozent senken. Das Mittel gehört zu einer neuen Wirkstoffklasse, die auf RNA-Interferenz beziehungsweise „Gen-Stilllegung“ beruht: Givosiran schaltet gezielt eines der Enzyme in der Leber aus, das für die Entstehung des giftigen Stoffwechselprodukts notwendig ist. Aktuell steht der Arzneistoff Betroffenen noch nicht zur Verfügung, könnte jedoch demnächst zugelassen werden, wenn sich die positiven Studienergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigen. Primär biliäre Cholangitis Als Glücksfall kann es gelten, wenn ein bereits für ein anderes Leiden zugelassenes Medikament sich auch bei einer seltenen Erkrankung als wirksam erweist. Dies scheint bei der Therapie der primär biliären Cholangitis (PBC) der Fall zu sein, einer seltenen autoimmun bedingten chronischen Gallengangentzündung, die zu einem Gallenstau und – unbehandelt – letztlich zur Leberzirrhose führen kann. Sprechen Betroffene nicht auf die Standardtherapie mit Ursodesoxycholsäure an, so könnte einer aktuellen französischen Studie zufolge ein bereits seit 40 Jahren zugelassener Lipidsenker – Bezafibrat – helfen. „Bezafibrat bremst die Produktion von Gallensäuren, wirkt entzündungshemmend und kann so dem Fortschreiten der primär biliären Cholangitis entgegenwirken“, sagt Schramm. Bei immerhin einem Drittel der in der Studie untersuchten Patienten hatten sich alle Laborwerte normalisiert, bei zwei Dritteln zumindest ein Teil. Auch der für Patienten sehr belastende Juckreiz, eine der Hauptbeschwerden bei PBC, verbesserte sich durch das Medikament deutlich. Aktuell wird Bezafibrat zunehmend „Off-Label“ eingesetzt. Zudem wird es aktuell auch in Kombination mit anderen zugelassenen Substanzen untersucht. Doch auch die beste Therapie nützt nichts, wenn die Krankheit, für die sie entwickelt wurde, gar nicht erst erkannt wird. „Es ist daher ein zentrales Anliegen der DGVS, das Bewusstsein für die seltenen Erkrankungen weiter zu schärfen“, sagt Prof. Heiner Wedemeyer, Mediensprecher der DGVS und Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsklinikum Essen. Vor allem Haus- und Kinderärzte – meist die ersten Ansprechpartner bei neu auftretenden Gesundheitsproblemen – benötigen Unterstützung, damit auch ungewöhnliche Krankheiten berücksichtigt und Verdachtsfälle frühzeitig an Spezialisten oder ein Zentrum überwiesen werden. Oft betreffe eine seltene Erkrankung auch nicht nur ein Organsystem, sondern erfordere eine Betreuung durch Mediziner mehrerer Fachbereiche – hier müsse im Sinne der Patienten über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt und früh die interdisziplinäre Zusammenarbeit gesucht werden. An vielen Universitäten gibt es daher Zentren für seltene Erkrankungen, bei denen Gastroenterologen eine wichtige Rolle spielen.
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