Sepsisversorgung in Europa: Studien zeigen Defizite und dringenden Handlungsbedarf

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Zwei aktuelle Publikationen zeigen, wie groß der Verbesserungsbedarf in der Sepsisversorgung europäischer Krankenhäuser ist. Damit wird eine Grundlage für neue nationale und europäische Strategien zur Verbesserung der Sepsisversorgung gelegt.

Eine lebensrettende Sepsisbehandlung hängt stark davon ab, wie schnell Patienten mit Sepsis erkannt werden, um eine zielgerichtete Therapie einzuleiten. Wie gut die Versorgung innerhalb von Europa ist, untersuchten internationale Wissenschaftler der European Sepsis Care Study Group. Maßgeblich daran beteiligt waren auch Mediziner der Universitätsmedizin Greifswald. Ihre Erkenntnisse teilten sie nun in zwei Publikationen in internationalen Fachjournalen mit.

Sepsisscreening und -management in Europa

Eine der beiden Publikationen erschien im „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“. Sie beschreibt erstmals umfassend den Stand der Sepsisversorgung in mehr als 1000 Krankenhäusern aus 69 Ländern, ein Großteil davon (81 %) in Europa. Die Ergebnisse zeigen deutliche Defizite bei der Früherkennung und standardisierten Behandlung.

Nur in etwa der Hälfte der Notaufnahmen und Normalstationen sowie in 62 Prozent der Intensivstationen waren demnach standardisierte Vorgehensweisen zum Sepsisscreening vorhanden. Das Sepsismanagement war in 57,3 Prozent der Notaufnahmen, 45,2 Prozent der Normalstationen und 70,7 Prozent der Intensivstationen standardisiert.

Krankenhäuser mit strukturierten Qualitätsprogrammen erreichten hier deutlich bessere Werte als Kliniken ohne diese Programme. Allerdings verfügten nur 31,4 Prozent der Krankenhäuser über irgend eine Qualitätsverbesserungsinitiative, und nur wenige Krankenhäuser (9,8 %) hatten eine regelmäßiges strukturiertes Qualitätsprogramm im gesamten Krankenhaus eingeführt. Am niedrigsten war die Quote in Westeuropa (5 % für regelmäßige Schulungen), wozu auch Deutschland zählt. Universitätskliniken schnitten dabei nicht besser ab als allgemeine Krankenhäuser. Die besten Werte hinsichtlich Sepsisscreening und -management sowie der Umsetzung strukturierter Initiativen zur Qualitätsverbesserung erreichten meist die nordeuropäischen Länder.

„Unsere Ergebnisse zeigen klar: Sepsisversorgung ist ein Strukturproblem“, sagt Dr. Christian Scheer aus der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Er ist Erstautor beider Studien und zeigt die Defizite auf: „Die seit vielen Jahren in Leitlinien geforderten Maßnahmen zur Erkennung und Therapie der Sepsis sowie notwendige, regelmäßige Schulungen des Personals sind ungenügend etabliert. Hier besteht ein enormes Verbesserungspotential.“

Mikrobiologische Diagnostik der Sepsis in Europa

Für eine zielgerichtete Sepsistherapie ist die Erregerbestimmung sowie nachfolgende Tests auf Antibiotikaresistenzen entscheidend. Dem widmete sich die zweite Publikation der European Sepsis Care Study Group in „The Lancet Regional Health – Europe“. Darin wird deutlich, dass auch in der Organisation und Durchführung der mikrobiologischen Diagnostik Verbesserungsbedarf besteht.

Hierzu konnten 907 europäische Krankenhäuser in die Studie eingeschlossen und ausgewertet werden. Leitlinien zu Blutkulturen waren in fast 85 Prozent der Kliniken vorhanden. Dennoch zeigte sich: In vielen Einrichtungen wurden im Widerspruch zu den Empfehlungen zu wenige Blutkulturproben abgenommen. Seniorautor Prof. Evgeny A. Idelevich aus dem Friedrich Loeffler-Institut für Medizinische Mikrobiologie betont: „Ein ausreichendes Blutvolumen ist entscheidend, um einerseits die Erreger zu identifizieren und andererseits Kontaminationen zu bewerten. Dies ist wichtig um zielgerichtet zu behandeln und unnötige Therapien zu vermeiden.“

Obwohl ein wesentlicher Anteil an mikrobiologischen Laboren bereits Schnelldiagnostikverfahren zur Erregeridentifikation einsetzte, waren 90 Prozent der Labore nachts geschlossen. Die Studie zeigte auch, dass eine Kombination aus Schnelldiagnostik und mikrobiologischem 24/7-Service am effektivsten ist. Eine solche Infrastruktur war aber nur in weniger als acht Prozent der Labore vorhanden.

Prof. Karsten Becker, Direktor des Friedrich Loeffler-Institut für Medizinische Mikrobiologie, hebt hervor: „Kurze Transportzeiten der Proben und ihre schnelle Prozessierung im Labor durch leistungsfähige personelle und technische Strukturen entscheiden darüber, ob Patienten rechtzeitig die richtige Therapie erhalten.“

Politische und organisatorische Maßnahmen zu Verbesserung der Versorgung notwenig

Prof. Karlhans Endlich, Wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald, bewertet die Publikationen als wegweisende Grundlage für die nahe Zukunft: „An der Universitätsmedizin Greifswald ist eine hochqualitative und interdisziplinäre Sepsisversorgung schon seit vielen Jahren ein wesentlicher Schwerpunkt in Forschung und Krankenversorgung. Die Studien unterstreichen jedoch die Notwendigkeit politischer und organisatorischer Maßnahmen, um Sepsis auch europaweit frühzeitig zu diagnostizieren und wirksam zu behandeln.“

(ah/BIERMANN)