Sex matters11. Dezember 2024 Dr. med Justus de Zeeuw Würden Sie Ihrer Tochter raten, Medizin zu studieren? Falls ja, sind Sie damit in guter Gesellschaft. Das Geschlechterverhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren gedreht: 2002 lag der Anteil der Frauen beim medizinischen Personal noch bei knapp 35%, 2021 hingegen waren 73,1% der Erstsemester im Studiengang Humanmedizin Frauen [1]. Studien, die sich mit der Frage befassen, ob sich Patienten lieber von einer Ärztin oder einem Arzt behandeln lassen, kommen zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Eine 1997 in den Niederlanden veröffentlichte Befragung zeigte, dass Ärztinnen eine einfühlsamere Kommunikation zugesprochen wird, was insbesondere bei psychosozialen und den Intimbereich betreffenden Gesundheitsstörungen von Bedeutung sei könnte und die Bevorzugung weiblicher Mediziner bei diesen Fragestellungen begründete [2]. Geschlechtern zugeordnete Merkmale wie Geschicklichkeit, Fachwissen, Effizienz oder Behandlungsdauer spielten bei dieser Einschätzung keine Rolle. In eher als „technisch“ angesehenen Fachgebieten wie Chirurgie oder Anästhesie war hingegen keine Präferenz für ein bestimmtes Geschlecht zu erkennen. Eine 2020 publizierte Erhebung kam zu einem anderen Ergebnis: Bei der Wahl der Hausärztin bzw. des Hausarztes bevorzugten die meisten der Befragten eine Person gleichen Geschlechts [3]. Diese Präferenz war in diesem Kollektiv bei Männern deutlicher vorhanden. Die Autoren der Studie führen in der Diskussion an, dass in anderen Studien mal eher bei Frauen und mal eher bei Männern die Tendenz, das gleiche Geschlecht zu wählen, beobachtet worden war. Ein homogenes Bild ergibt sich also nicht. Eine nähere Begründung für die beobachtete Präferenz zum eigenen Geschlecht kann die Studie nicht liefern, hier verweisen die Autoren auf die Ergebnisse der oben zitierten niederländischen Befragung. In bestimmten Fächern ist allerdings zu beobachten, dass Ärztinnen systematisch ungleich behandelt werden. Für die Wirbelsäulenchirurgie beschreibt eine griechische Arbeitsgruppe die im März 2024 veröffentlichte Beobachtung, dass Patienten zwar angaben, mit Ärztinnen angenehmere Gespräche führen zu können, ihnen allerdings gleichzeitig weniger Kompetenz bei operativen Eingriffen an der Wirbelsäule zutrauten und deshalb lieber einen männlichen Neurochirurgen zu wählen [4]. Die in anderen Studien beschriebene Bevorzugung von Ärzten gleichen Geschlechts war hier nicht zu beobachten. Interessanterweise liefert der Blick auf das Geschlecht des Mediziners überraschende Erkenntnisse im Hinblick auf den Behandlungserfolg. So fand eine 2018 veröffentlichte Erhebung heraus, dass Frauen, die wegen eines Herzinfarktes von männlichen Ärzten therapiert wurden, eine geringe Überlebensrate hatten, als wenn die Behandlung von einer Frau durchgeführt wurde [5]. Könnte man aus dieser Beobachtung noch folgern, dass die Geschlechtergleichheit zwischen Patient und Arzt hier ausschlaggebend sein könnte, so zeichnen 2 weitere Arbeiten ein anderes Bild. Eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2016 sah einen Überlebensvorteil, wenn die Behandlung durch eine Ärztin erfolgte, auch bei älteren Patienten unabhängig von deren Geschlecht [6]. Vorherige Beobachtungen, dass Frauen eher leitlinientreu seien, öfter präventive Ansätze verfolgen und patientenorientierter kommunizieren als männliche Ärzte, wurden als mögliche Gründe für dieses Ergebnis diskutiert. Zwei im Jahr 2023 in „JAMA Surgery“ veröffentlichte Studien aus Kanada und Schweden beobachteten, dass von weiblichen Chirurgen durchgeführte Operationen ein geringeres Komplikationsrisiko nach sich zogen als die Eingriffe männlicher Ärzte [7, 8]. Auch hier war das Ergebnis unabhängig vom Geschlecht der Patienten. Eine dieses Jahr publizierte Metaanalyse bestätigt, dass die Eingriffe von weiblichen Chirurgen zu besseren Resultaten führten als die ihrer männlichen Kollegen [9]. Auch aus Deutschland gibt es hierzu Daten: Eine aktuelle Analyse der Ergebnisse nach bronchoskopischer Kryobiospien brachte Interessantes zu Tage [10]. Die Untersuchungszeit war bei den Ärztinnen länger, sie setzten die Fluoroskopie häufiger ein und nahmen mehr Proben. Die Autorinnen und Autoren von der Thoraxklinik Heidelberg gingen nicht nur der Frage nach, wie sich die Prozeduren unterschieden, je nachdem, ob der Untersucher weiblich oder männlich war. Sie prüften auch, welchen Wert die Resultate der Kryobiopsie für das weitere Vorgehen hatten. Dabei zeigte sich, dass die von Frauen durchgeführten Kryobiopsien in 88% der anschließenden Tumorkonferenz eine Diagnosesicherung ermöglichten, während dies bei männlichen Untersuchern nur in 78% der Fall war. Die Erkenntnis zieht sich durch die gesamte Fachliteratur: Frauen sind die besseren Ärzte. Das Medizinstudium der Tochter kann unter diesem Aspekt also nur begrüßt werden: Der Trend zur weiblicheren Medizin hat einen überprüfbaren Nutzen für unsere Patienten. Was bleibt den männlichen Ärzten? Sie spielen besser Golf, wie eine Analyse der Daten von 1.000.000 US-amerikanischen Ärzten zeigt [11]. Na, immerhin etwas. Dr. med. Justus de Zeeuw Literatur Deutsche Krankenhausgesellschaft. Medizin wird immer weiblicher. Pressemittelung anlässlich des Internationalen Frauentages, 07.03.2024. Kerssens JJ, Bensing JM, Andela MG. Patient preference for genders of health professionals. Soc Sci Med 1997;44(10):1531–1540. https://doi.org/10.1016/s0277-9536(96)00272-9 Fink M et al. Objective Data Reveals Gender Preferences for Patients’ Primary Care Physician. J Prim Care Community Health 2020;11:1–4. https://doi.org/10.1177/2150132720967221 Nikova A et al. Women in spine surgery: can we change the society? Eur Spine J 20.03.2024. https://doi.org/10.1007/s00586-024-08187-9 Greenwood BN, Carnahan S, Huang L. Patient-physician gender concordance and increased mortality among female heart attack patients. PNAS 2018;115:8569-8574. https://doi.org/10.1073/pnas.1800097115 Tsugawa Y et al. Comparison of Hospital Mortality and Readmission Rates for Medicare Patients Treated by Male vs Female Physicians. JAMA Intern Med Medicine 2017;177(2):206–213. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2016.7875 Blohm M et al. Differences in Cholecystectomy Outcomes and Operating Time Between Male and Female Surgeons in Sweden. JAMA Surg 2023;158(11):1168–1175. https://doi.org/10.1001/jamasurg.2023.3736 Wallis CD et al. Surgeon Sex and Long-Term Postoperative Outcomes Among Patients Undergoing Common Surgeries. JAMA Surg 2023;158(11):1185–1194. https://doi.org/10.1001/jamasurg.2023.3744 Saka N et al. Comparison of Postoperative Outcomes Among Patients Treated by Male Versus Female Surgeons. A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Surg 2024;280:945–953. https://doi.org/10.1097/SLA.0000000000006339 Trudzinski FC et al. The influence of the interventionalist‘s sex on the outcome and complications of transbronchial lung cryobiopsy. Respir Med 2024;233:107772. https://doi.org/10.1016/j.rmed.2024.107772 Koplewitz G et al. Golf habits among physicians and surgeons: observational cohort study. BMJ 2018;363:k4859. https://doi.org/10.1136/bmj.k4859
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