Situation psychisch Erkrankter in der Pandemie: “Die stille Katastrophe”

Der pandemiebedingte Rückzug in die eigenen vier Wände hat bei vielen Depressionspatienten den Erkrankungsverlauf verschlechtert. (Foto: ©zinkevych – stock.adobe.com)

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zufolge ist nicht der Lockdown, sondern die Pandemie an sich für die zuletzt beobachtete Zunahme psychischer Störungen verantwortlich. Der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Prof. Ulrich Hegerl, will dies nicht so stehen lassen und weist auf die deutlich verschlechterte Situation von Depressionspatienten hin.

Tatsächlich seien die Pandemie und die Gegenmaßnahmen eine Quelle von Stress, Sorgen, gedrückter Stimmung und Ängsten, erklärte Hegerl. Dies seien jedoch nichtkrankhafte Reaktionen auf schwierige Lebenssituationen, die in der Regel nicht zu einer depressiven Erkrankung führten. Depressionen seien hingegen eigenständige Erkrankungen, die weniger von äußeren Belastungsfaktoren abhängig sind, als oftmals vermutet werde. Es sei deshalb auch nicht davon auszugehen, dass die Pandemie und die Coronamaßnahmen zu einer drastischen Erhöhung der Depressionsraten führen, erklärte der Inhaber der Senckenberg-Professur an der Universität Frankfurt/Main.

So habe die Stiftung Deutsche Depressionshilfe vor und während der Pandemie wiederholt mehr als 5000 Erwachsene zu ihrer psychischen Verfassung befragt. Die Ergebnisse bestätigten: Der Anteil der Befragten, die angaben, dass bei ihnen bereits einmal eine Depression diagnostiziert worden sei, zeigte keine sehr deutliche Steigerung während der Pandemie (2017: 23 %, 2019: 21 %; 2020: 21 %, 2021: 23 %).

Ganz anders stelle sich die Situation jedoch für die mehr als fünf Millionen Menschen dar, die in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, erkärte Hegerl in einer Stellungnahme. So gaben im September 2021 im Deutschland-Barometer Depression von den sich in einer depressiven Krankheitsphase befindlichen Befragten 72 Prozent an, dass sich ihre Erkrankung durch die Maßnahmen gegen Corona in den zurückliegenden sechs Monaten deutlich verschlechtert habe (Rückfall erlitten: 29 %, Suizidgedanken entwickelt: 20 %, Zunahme der Depressionsschwere: 35 %). “Hochgerechnet betrifft dies mehr als zwei Millionen Menschen und in Anbetracht der Schwere dieser Erkrankung ist dies eine stille Katastrophe. Wie schwer die Erkrankung ist, zeigt sich daran, dass Menschen mit der Diagnose Depression im Schnitt knapp zehn Jahre weniger leben”, erklärte der Psychiater.

Der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zufolge stehen diese Verschlechterungen in einer signifikanten Beziehung zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgungsqualität durch Absagen stationärer Behandlungen, verringerten Angeboten in Ambulanzen, Ausfall von Facharzt- und Psychotherapietermine. So hätten im September vergangenen Jahres 23 Prozent der Betroffenen in einer depressiven Krankheitsphase von ausgefallenen Facharzt-Terminen berichtet, 17 Prozent von ausgefallenen Terminen bei Psychotherapeuten und 18 Prozent angegeben, gar keinen Termin zu bekommen. “Insgesamt erlebten 48 Prozent der Betroffenen in einer depressiven Phase eine Verschlechterung ihrer medizinischen Versorgung”, erklärte die Stifung.

Diese Daten legten nahe, “dass auch durch die Maßnahmen gegen Corona bei Depressionspatienten immenses Leid ausgelöst wurde”, erklärte Hegerl. Dies werde bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei sei das systematische, prospektive und kontinuierliche Erfassen von Leid und Tod, die durch die Maßnahmen gegen Corona ausgelöst werden, Voraussetzung jeder Nutzen-Risiko-Bewertung derartiger Maßnahmen. Die Daten zu depressiv Erkrankten seien in diesem Prozess nur ein Baustein. “Die meist still leidenden Menschen mit Depressionen dürfen durch eine Blickverengung auf COVID-19 nicht unberücksichtigt bleiben”, forderte Hegerl.