Sonderausstellung in Berlin zum Phänomen Scheintod

Wann ist ein Mensch tot? Hat sich die Definition der Grenzlinie zwischen Leben und Tod in der historischen Entwicklung verändert? Diesen Fragen geht die Sonderausstellung „Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“ im Berliner Medizinhistorischen Museum (BMM) der Charité nach. Die Ausstellung ist bis 18. November 2018 zu sehen.

Johann Gottfried Taberger entwickelte 1829 sein viel beachtetes System der Sicherheitsröhren. Eine Röhre wurde am Kopfende des Sarges verschraubt. An Kopf, Hände und Füße des scheinbar Toten wurden Schnüre geknotet, die mit einer Glocke am oberen Ende der Röhre verbunden waren. Die geringste Bewegung löste die Glocke aus.Gleichzeitig versorgte die Röhre den im Grab Erwachten mit frischer Luft und sicherte so sein Überleben. Auf die zweite Röhre am Fußende konnte
der Totenwächter einen Blasebalg ansetzen, der bis zur Rettung des fälschlich Begrabenen für Luftzirkulation innerhalb des Sarges sorgte. Taberger hoffte, die wiederverwendbaren Sicherheitsröhren würden zur Standardausstattung eines jeden Totengräbers. (aus: Taberger, Johann Gottfried:
Der Scheintod in seinen Beziehungen auf das Erwachen im Grabe…, Hannover 1829, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert galten die Abwesenheit von Herzschlag und Puls oder das Fehlen der Atembewegungen als klare Indizien für den Tod. Die Erweiterung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften während der Aufklärung brachten diese Gewissheiten ins Wanken und führten ab den 1750er Jahren zu einer weit verbreiteten Furcht der Menschen, scheintot zu sein und lebendig begraben zu werden. Die Sonderausstellung widmet sich diesem Phänomen. In sechs Themenräumen werden Geschichten rund um den Scheintod erzählt: Mithilfe von historischen Exponaten und Quellen, Installationen und Groß‐Projektionen wird die Scheintod‐Debatte erfahrbar gemacht und Fragen bis in die heutige Zeit thematisiert.

Die Ausstellung wurde von „h neun Berlin – Büro für Wissensarchitekturen“* entwickelt und erzählt beispielsweise von der Scheintod‐Debatte in Berlin, die dazu führte, dass vor Ort ab 1794 Leichenhäuser eingerichtet wurden. Ein wichtiger Befürworter war seinerzeit Christoph Wilhelm Hufeland, erster Dekan der Berliner Medizinischen Fakultät und Chef der Charité. Ein weiterer besonderer Schauraum ist dem Hirntod heute gewidmet. Gezeigt wird, wie auf einer Intensivstation der sogenannte irreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt und dokumentiert wird. Erst die gesicherte Diagnose „Hirntod“ erlaubt – bei Zustimmung etwa durch einen vorliegenden Organspende‐Ausweis und in Rücksprache mit den Angehörigen – eine Entnahme von Organen für eine Transplantation.

Die Ausstellung wurde am 19. April 2018 in der Hörsaalruine des BMM offiziell eröffnet. Während der Laufzeit wird ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Lesungen geboten.

*Die Ausstellung war über den Jahreswechsel 2016/17 im Kasseler Museum für Sepulkralkultur zu sehen. Für das BMM kamen noch zwei Themenbereiche hinzu.

Quelle
Berliner Medizinhistorisches Museum
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