Städte verändern das tierische Sozialverhalten21. Januar 2026 Papageien auf einer asphaltierten Straße. Foto: © Avery Maune Städte wirken massiv auf das soziale Miteinander von Tieren. Eine Übersichtsarbeit von Wissenschaftlerinnen der Universität Bielefeld zeigt: Urbanisierung verändert das tierische Sozialverhalten von der Wahl der Partner bis zum Zusammenleben in Gruppen. Die Ergebnisse sind hochrelevant für Naturschutz und Stadtplanung. Versiegelte Flächen, künstliches Licht und dazu ständiger Lärm: Was für Menschen zum Alltag gehört, stellt Tiere vor enorme Herausforderungen. Eine neue internationale Übersichtsarbeit von Wissenschaftlerinnen der Universität Bielefeld zeigt nun, wie tiefgreifend Städte das soziale Leben von Tieren verändern. Die Studie wurde im Fachjournal Biological Reviews veröffentlicht. „Städte greifen massiv in soziale Beziehungen von Tieren ein – viel stärker, als bisher angenommen“, sagt Avery L. Maune, Erstautorin der Studie und Forscherin an der Universität Bielefeld „Soziales Verhalten beeinflusst, ob Tiere sich fortpflanzen, Nahrung finden oder Fressfeinden entkommen. Veränderungen dieser Verhaltensweisen können weitreichende Folgen haben.“ Die Forscherinnen werteten 227 wissenschaftliche Studien aus. Das Ergebnis ist eindeutig: 92 Prozent der untersuchten Arbeiten zeigen einen signifikanten Einfluss der Urbanisierung auf das Sozialverhalten von Tieren. Die Studie ist die erste systematische Zusammenfassung dazu, wie urbane Lebensräume soziale Systeme über Artgrenzen hinweg beeinflussen. Städtisches Leben verändert Beziehungen Soziales Verhalten umfasst alle Interaktionen zwischen Individuen, zum Beispiel Kooperation oder Konkurrenz. In Städten wirken sogenannte urbane Stressoren auf Tiere ein. Damit sind menschengemachte Belastungen wie Verkehrslärm, künstliches Licht in der Nacht, wenige Rückzugsmöglichkeiten oder chemische Verschmutzung gemeint. Die Studie zeigt: Diese Stressfaktoren können verändern, wie Tiere miteinander kommunizieren, wie aggressiv sie sich verhalten oder wie stabil ihre sozialen Gruppen sind. Besonders gut untersucht ist der Einfluss von Lärm, der etwa Gesang, Warnrufe oder Balzsignale überdeckt. Andere Faktoren, wie Lichtverschmutzung oder neue Begegnungen zwischen Arten, sind bislang deutlich weniger erforscht. Große Wissenslücken trotz klarer Trends Die Übersichtsarbeit macht auch erhebliche Forschungslücken deutlich. Rund 62 Prozent aller untersuchten Studien konzentrieren sich auf Vögel, während andere Tiergruppen wie Reptilien oder Insekten deutlich unterrepräsentiert sind. Dabei reagieren Arten je nach Lebensweise sehr unterschiedlich auf urbane Umgebungen: Während mobile Arten Städten ausweichen können, sind andere dauerhaft an sie gebunden. Die Autorinnen zeigen zudem, dass Veränderungen im Sozialverhalten den Fortpflanzungserfolg direkt beeinflussen können. Neue Paarungsstrategien können entstehen, soziale Gruppen zerfallen oder werden instabil – Entwicklungen, die langfristig ganze Populationen gefährden können. „Unsere Ergebnisse sind nicht nur für die Biologie relevant“, betont die Letztautorin der Studie Dr. Isabel Damas-Moreira. „Sie liefern auch wichtige Folgerungen für Naturschutz und nachhaltig geplante Stadtentwicklung. Städte der Zukunft müssen Lebensräume sein, nicht nur für Menschen.“ Mit der fortschreitenden Urbanisierung weltweit wird klar: Kaum ein Tier bleibt unbeeinflusst vom menschlichen Lebensraum. Die Studie ist Teil der Forschung zur Individualisierung in sich wandelnden Umwelten am JICE – Joint Institute for Individualisation in a Changing Environment. An der Universität Bielefeld wird zu Individualisierung in sich verändernden Umwelten gebündelt im Fokusbereich InChangE geforscht.
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