Stammzelltransplantation bei MS – eine Option?6. März 2019 Foto: © Elroi – Fotolia.com Die Stammzelltransplantation galt in der Behandlung der Multiplen Sklerose bislang als Ultima Ratio. In einer neuen Studie erwies sie sich nun als wirksame Therapieoption mit vertretbaren Risiken, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie berichtet. Mit Antikörpern, die gezielt in die Entzündungskaskade eingreifen und sie unterbrechen, oder auch Immuntherapeutika wird derzeit versucht, bei der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (RRMS) die Zeitspanne bis zum nächsten Schub zu verlängern und auch die Schwere eines Schubs zu mildern. Diese Therapien sind wirkungsvoll, bekämpfen aber letztlich nicht die Ursache, die Fehlsteuerung des Immunsystems, das die eigenen Nervenzellen als fremd einstuft und wie Krankheitserreger bekämpft. Eine Art „Reboot“ des Immunsystems wird konzeptionell durch die Stammzelltransplantation ermöglicht: Dafür wird eine autologe Blutstammzelltransplantation durchgeführt. Die Behandlung ist nebenwirkungsreich und auch nicht risikofrei, in seltenen Fällen kann es passieren, dass der Aufbau eines neuen Immunsystems misslingt und die Patienten dann schutzlos allen Erregern ausgesetzt sind – eine lebensgefährliche Komplikation. Eine jüngst publizierte Studie1 verglich nun die Wirksamkeit des Verfahrens mit der von medikamentösen verlaufsmodifizierenden Therapien bei 110 Patienten mit hochaktiver RRMS. Sie wurden randomisiert (50:50) und einer Stammzelltransplantation unterzogen oder erhielten eine intensivierte verlaufsmodifizierende Therapie, d.h. sie erhielten eine andere Medikamentenklasse bzw. potentere Medikamente als vor Beginn der Studie. Das konnten sowohl immunsuppressive Wirkstoffe wie Cyclophosphamid oder Antikörpertherapien wie Rituximab sein. Die Wirkstoffe Ocrelizumab und Alemtuzumab wurden in der Studie nicht eingesetzt – ersterer war zu Studienbeginn noch nicht zugelassen, der zweite war wegen des Nebenwirkungsprofils und möglicher statistischer Schwierigkeiten ausgeschlossen worden. Im Ergebnis zeigte sich, dass bei Patienten, die eine Stammzelltransplantation erhalten hatten, die Erkrankung deutlich weniger fortschritt als in der Gruppe, die medikamentös behandelt worden war. In der „Stammzellgruppe“ kam es nur bei drei Patienten zu einer Krankheitsprogression, bei der medikamentös behandelten Gruppe bei 34 Patienten. In dieser Gruppe dauerte es im Median sechs Monate, bis ein Patient einen neuen Schub erlitt. In der Transplantationsgruppe war die Fallzahl so gering, dass sich keine mediane Dauer berechnen ließ. In beiden Gruppen gab es keine Todesfälle. „Es handelt sich um eine erste Studie mit einer Art Randomisierung, in der die Stammzelltransplantation mit anderen Therapiemöglichkeiten verglichen wurde. Allerdings ist die Patientenzahl insgesamt zu gering, um auf Basis dieser neuen Daten die bisherige Standardtherapie zu verändern. Wir brauchen zu dieser Fragestellung weitere und vor allem größere Studien mit einer sicheren statistischen Aussagekraft“, erklärte Prof. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie des Universitätsklinikums Münster. „Es muss außerdem bedacht werden, dass zwei potente Wirkstoffe, die heute als Therapien der ersten Wahl bei hochaktiven MS- Verlaufsformen eingesetzt werden, in der Studie nicht zum Einsatz kamen. Die medikamentöse Therapie, die in der vorliegenden Studie mit der Stammzelltherapie verglichen wurde, entspricht somit nicht dem State-of-the-art.“ Prof. Hans Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ergänzte: „In der vorliegenden Studie kam es zu keinen lebensbedrohlichen Nebenwirkungen der Stammzelltransplantation. Dies ist nicht selbstverständlich und wäre bei einem häufigeren therapeutischen Einsatz dieser Methode wahrscheinlich. Für den klinischen Alltag bedeuten die Ergebnisse, dass Patienten mit einer aggressiven MS zunächst die neueren hochwirksamen immunmodulatorischen Therapien erhalten sollten. Nur wenn diese entweder nicht ausreichend wirksam sind oder wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen beendet werden müssen, sollte eine Stammzelltransplantation in Betracht gezogen werden.“ Originalpublikation: Burt R.K. et al.: Effect of Nonmyeloablative Hematopoietic Stem Cell Transplantation vs Continued Disease-Modifying Therapy on Disease Progression in Patients With Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis: A Randomized Clinical Trial. JAMA 2019; 321(2):165-174.
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