Steigende Fallzahlen, begrenzte Budgets: HNO-Verband pocht auf Entbudgetierung4. März 2024 Foto: Alexander Raths/stock.adobe.com Nach Auswertung aktueller Abrechnungsdaten gehören Hals-Nasen-Ohren-Ärzte zu den Fachgruppen mit den deutlichsten Fallzahlzunahmen in den letzten Jahren. Gleichzeitig sei in vielen HNO-Praxen bereits jetzt das Quartalsbudget für Kassenpatienten aufgebraucht, so der Berufsverband der HNO-Ärzte. „Wegen der Budgetierung arbeiten in Hamburg und anderen Regionen die meisten HNO-Ärztinnen und -Ärzte bis Ende des Monats ohne Vergütung. Was in anderen Berufszweigen, zumal mit systemrelevanter Funktion, undenkbar wäre, ist in der vertragsärztlichen Versorgung ärgerlicher Alltag“, kritisiert Prof. Jan Löhler, Präsident des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte. Wenn die Politik nicht bald umlenke und die fachärztlichen Grundversorger, wie HNO-Ärzte, Gynäkologen oder Augenärzte, entbudgetiere, sei die künftige Patientenversorgung nicht mehr auf dem heutigen Niveau zu halten, warnt der Verband. Laut aktuellem Trendreport des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) seien die Patientenzahlen in HNO-Praxen zwischen 2021 und 2022 um 5,7 Prozent gestiegen. Die HNO-Heilkunde zähle damit zu den Fachgruppen mit den größten relativen Zuwächsen, zitiert Jan Löhler die Zi-Auswertung. Noch deutlicher werde die verstärkte Nachfrage nach HNO-ärztlichen Leistungen beim Vergleich des ersten Quartals 2022 mit dem ersten Quartal 2023. Auch hier gehöre die HNO-Fachgruppe mit einem Zuwachs von 11,4 Prozent zu den Spitzenreitern. Löhler: „Die Zahlen untermauern die Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen im gesamten Bundesgebiet. Die Wartezimmer sind voll und die Patientenzahlen nehmen kontinuierlich zu.“ Gleichzeitig fehle es an einer ausreichenden Gegenfinanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Steigende Patientenzahlen seien mit begrenzten Budgets, nicht unter einen Hut zu bringen, so Löhler. „Wir können die vielen Patienten für das begrenzte Geld schlicht und einfach nicht mehr versorgen. Daran ändert auch die ständige Schönrechnerei des angeblichen Ärzteeinkommens durch die Kassen-Lobby nichts.“ Auch beim Blick in die einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen verzeichne man steigende Patientenzahlen in der HNO-Fachgruppe. So spiegele sich der Bundestrend in Niedersachsen und Schleswig-Holstein nahezu eins zu eins wider, so Löhler. Im Vergleich zum dritten Quartal 2021 versorgten die HNO-Praxen im nördlichsten Bundesland im dritten Quartal 2023 5,4 Prozent mehr Patienten. Ähnliche Zahlen werden auch aus Niedersachsen gemeldet. Hier stieg die Fallzahl zwischen 2018 und 2023 im dritten Quartal ebenfalls um 5,4 Prozent. Noch deutlicher zeige sich der Zuwachs in Berlin. In der Hauptstadt wurden im Quartalsvergleich zwischen 2018 und 2022 im vierten Quartal 7,6 Prozent mehr Patienten von niedergelassenen HNO-Ärztinnen und -Ärzten behandelt. Im Vergleich zu anderen Fachrichtungen, wie unter anderem der Allgemeinmedizin, seien HNO-ärztliche Leistungen besonders gefragt. So sei die bundesweite Fallzahl bei Hausärzten lediglich um 3,3 Prozent nach oben geklettert. Bei fachärztlichen Internisten ohne Schwerpunkt sei die Patientenzahl sogar um 5,1 Prozent zurückgegangen, hebt HNO-Arzt Löhler mit Verweis auf die Zi-Statistik hervor. Die zunehmende Nachfrage nach HNO-ärztlichen Leistungen führe unter Budgetbedingungen zu erheblichen Problemen: „Um die vielen Patienten adäquat versorgen zu können, reichen die GKV-Einnahmen längst nicht mehr aus. Dies gilt umso mehr, da mit der Streichung der Neupatientenregel das entsprechende Vergütungselement von der Politik gestrichen worden ist“, kritisiert der HNO-Verbandschef. Zudem stünden die Praxen aktuell doppelt unter Druck: „Wir leiden nicht nur unter den schrumpfenden KV-Budgets. In Kombination mit den allseits steigenden Kosten bei Personal, Miete, Dienstleistern und Energie stehen viele Kolleginnen und Kollegen finanziell mit dem Rücken zur Wand.“ Unter diesen Bedingungen könne der Fallzahlzuwachs nicht länger bewältigt werden, sodass es zwangsläufig zu Leistungskürzungen kommen werde, prognostiziert Löhler. „Wir behandeln unsere Patienten aus Freude am Beruf und der Verantwortung für die Gesundheit der Menschen. Wir sind aber auch Unternehmer und haben Verantwortung für den Praxisbetrieb und für unsere Mitarbeiter.“ Vor dem Hintergrund der angespannten Finanzsituation sei die Zukunft der ambulanten HNO-ärztlichen Versorgung akut gefährdet, warnt Löhler. „Die Praxisinhaberinnen und -inhaber brauchen wirtschaftliche tragfähige Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Beides ist unter der aktuellen Bundesregierung nicht mehr gegeben, weswegen es immer schwieriger wird, Nachfolger für freiwerdende Praxissitze zu finden.“ Im Wettstreit um qualifizierte Fachkräfte haben die Krankenhäuser derzeit die Nase vorn, fährt Löhler fort. „Als angestellter Klinikarzt verdienen Sie, dank regelmäßig hoher Tarifabschlüsse, heute sehr gutes Geld. Das sei den Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken auch gegönnt. Wenn die Gehälter der Niedergelassenen nicht mindestens gleich schnell steigen, fehlt der nachrückenden Ärztegeneration allerdings der Anreiz, in die ambulante Versorgung zu wechseln.“ Daher brauche man dringend eine Entbudgetierung der HNO-Ärzte als grundversorgende Fachgruppe, unterstreicht Löhler. „Wenn wir das Netz aus über 2.300 HNO-Praxen und damit die niedrigschwellige und wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung erhalten wollen, muss die Politik jetzt handeln und die Budgetbeschränkungen aufheben. Die Krankenkassen müssen gesetzlich gezwungen werden, ihre Sparpolitik auf dem Rücken der Patienten zu beenden und alle erbrachten HNO-ärztlichen Leistungen voll zu bezahlen“, fordert der HNO-Präsident.
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