Studie: Hilfsmittel-Reform verfehlt ihr Ziel10. August 2026 Foto: © Maria Sbytova – stock.adobe.com Im Mai 2025 traten Änderungen der Hilfsmittel-Richtlinie in Kraft, die die Versorgung von Menschen mit Behinderungen vereinfachen und beschleunigen sollten. Eine Studie der Universität Witten/Herdecke zeigt allerdings, dass viele Familien weiter um Rollstühle oder Orthesen für ihre Kinder kämpfen müssen. Ein Rollstuhl, eine Orthese oder eine Kommunikationshilfe entscheiden oft darüber, ob ein Kind mit Behinderung am Alltag teilhaben kann oder nicht. Genau deshalb sollte eine Gesetzesänderung die Hilfsmittelversorgung beschleunigen. Seitdem sollen Krankenkassen bei Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren auf zusätzliche Prüfungen weitgehend verzichten. So wollte der Gesetzgeber Doppelprüfungen vermeiden, Verfahren beschleunigen und Familien entlasten. Doch knapp 1,5 Jahre später zeigt eine Studie der Universität Witten/Herdecke (UW/H): Dieses Ziel wurde bislang kaum erreicht. Drei von vier befragten Eltern sehen durch die Reform keine Verbesserung der Hilfsmittelversorgung. Nur wenige berichten von schnelleren Genehmigungsverfahren. Gleichzeitig empfindet mehr als die Hälfte der Familien den Antragsprozess weiterhin als stark belastend. Rund drei Viertel organisieren Anträge selbst, verfolgen den Bearbeitungsstand nach oder legen Widerspruch ein. Ein Teil der übrigen Familien wird dabei von Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) unterstützt, die den Austausch mit den Krankenkassen übernehmen oder Widersprüche formulieren. Einige verzichten sogar darauf, notwendige Hilfsmittel zu beantragen, weil sie den bürokratischen Aufwand nicht mehr bewältigen können. Die Reform scheitert bislang an der Umsetzung Für die Studie haben Prof. Dr. Peter Borusiak, Professor am Lehrstuhl für Pädiatrie an der UW/H, und Fleming Caje, Student der Humanmedizin der UW/H, Mitarbeitende aus Sozialpädiatrischen Zentren, Eltern sowie weitere Beteiligte des Versorgungssystems befragt. Das Ergebnis: Nicht die Reform selbst bremst die Versorgung aus, sondern ihre Umsetzung. Kommunikationsprobleme, bürokratische Hürden und unklare Zuständigkeiten verhindern häufig, dass die gesetzlich vorgesehene Beschleunigung bei den Familien ankommt. „Die Versorgung darf nicht davon abhängen, wie hartnäckig Eltern für ihr Kind kämpfen können“, erklärt Borusiak. „Hilfsmittel schaffen Teilhabe. Deshalb müssen sie dort ankommen, wo sie gebraucht werden – ohne monatelange Verfahren.“ Bessere Kommunikation statt neuer Regeln Die Forschenden sehen die Ursachen nicht bei einem einzelnen Akteur. Vielmehr bremsen mehrere Probleme die Versorgung gleichzeitig. Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren sind für Krankenkassen oft nicht eindeutig erkennbar. „Es herrscht vielfach Unsicherheit darüber, wie die neue gesetzliche Regelung in der Praxis anzuwenden ist“, erklärt Borusiak. Hinzu kommen aufwendige Genehmigungsverfahren, fehlende Digitalisierung und personelle Engpässe in der Hilfsmittelversorgung. Auch die Zusammenarbeit zwischen Sozialpädiatrischen Zentren, Krankenkassen und weiteren Beteiligten verläuft den Studienergebnissen zufolge vielerorts nicht reibungslos. Die Forschenden empfehlen, Mitarbeitende der Krankenkassen flächendeckend über die neue Rechtslage zu informieren, Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren eindeutig zu kennzeichnen und feste Ansprechpersonen für die Hilfsmittelversorgung von Kindern und Jugendlichen einzurichten. Außerdem sollte das Bundesgesundheitsministerium die gesetzliche Regelung weiter präzisieren, damit sie bundesweit einheitlich umgesetzt wird.
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