Studie untersucht erweitertes OP-Verfahren bei bösartigen Hirntumoren

v. l. n. r.: Prof. Hartmut Vatter; PD Dr. Matthias Schneider und Prof. Ulrich Herrlinger wollen durch eine erweiterte Resektion die Lebenserwartung von Glioblastompatienten verlängern. (Quelle: © Rolf Müller | Universitätsklinikum Bonn)

Die Deutsche Krebshilfe fördert eine neurochirurgische Studie zum Glioblastom unter Federführung des Universitätsklinikums Bonn (UKB). Untersucht wird, ob ein chirurgisches Verfahren, das neben dem Tumor auch das umgebende Hirngewebe entfernt, die Lebenserwartung der Patienten verbessern kann.

Da sich Glioblastomzellen über den in der Bildgebung erkennbaren Bereich in das angrenzende gesunde Gehirngewebe ausbreiten, beginnt der Tumor auch nach der chirurgischen Entfernung wieder zu wachsen. „Indem wir zusätzlich Gewebe über den sichtbaren Tumorrand hinaus entfernen, könnte das Zeitfenster bis zum Wiederauftreten des Tumors verlängert und die Überlebenszeit der Patientinnen und Patienten verbessert werden“, erklärt PD Dr. Matthias Schneider, Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie und Leiter der interdisziplinären Brain Tumor Translational Research Group am UKB.

Nicht alle Betroffene kommen für einen solchen Eingriff in Frage

Die Entfernung von Hirngewebe, das an den Tumor grenzt, kann allerdings – abhängig von der Lokalisation im Gehirn – auch mit schweren neurologischen Ausfällen einhergehen. Deshalb eignet sich ein solches erweitertes Operationsverfahren nicht für jede Tumorlokalisation. Glioblastome im vorderen Schläfenlappen könnten jedoch für dieses Vorgehen infrage kommen, da für den Schläfenlappen erweiterte Resektionen bereits erprobt sind. So ist die vordere Schläfenlappenresektion, bei der sogar der gesamte vordere Schläfenlappen entfernt wird, ein gängiges Verfahren in der Epilepsiechirurgie.

„Wir möchten unsere Erfahrungen aus der Epilepsiechirurgie nutzen, um zu erforschen, ob eine vordere Schläfenlappenresektion auch bei Patienten mit einem im Schläfenlappen gelegenen Glioblastom geeignet sein könnte”, erläutert Prof. Hartmut Vatter, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am UKB. „Mit diesem Ansatz würden wir nicht nur den im MRT sichtbaren Tumor entfernen, sondern auch weitreichendere Bereiche des Schläfenlappens, die schon von Tumorzellen befallen sind.“

Die Studie geht auch der Frage nach, inwieweit die Lebensqualität beeinflusst wird. „Lebensverlängernde Effekte durch eine solch erweiterte Resektion von Glioblastomen im Schläfenlappen sind zwar beschrieben, jedoch bis dato nicht systematisch in Studien untersucht worden. Unklar ist bisher auch, ob die Entfernung des vorderen Schläfenlappens mit kognitiven Einbußen einhergeht, die die Lebensqualität der operierten Patientinnen und Patienten einschränkt“, ergänzt Prof. Ulrich Herrlinger, Direktor der Klinik für Neuroonkologie des UKB.

Die ATLAS/NOA-29-Studie soll deshalb auch klären, ob durch die Entfernung des gesamten vorderen Schläfenlappens die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigt wird. Dazu sollen in den kommenden drei Jahren insgesamt 170 Glioblastompatienten in 23 deutschen Zentren sowie jeweils in einem Zentrum in der Schweiz und in Österreich in der Studie einbezogen werden. Das Projekt erfolgt in Kooperation mit der Studienzentrale des Studienzentrums Bonn (SZB).

„Sollte sich ein Überlebensvorteil bei erhaltener Lebensqualität zeigen, würden die aus dieser Studie gewonnen Ergebnisse das chirurgische Vorgehen bei einem im Schläfenlappen gelegenen Glioblastom womöglich verändern. Betroffene könnten dann routinemäßig mit einer Entfernung des vorderen Schläfenlappens effektiver behandelt werden“, erhofft sich Schneider. Zudem könnten diese Erkenntnisse dann darauf hindeuten, dass eine erweiterte Resektion auch bei Glioblastomen in anderen ausgewählten Bereichen des Gehirns vorteilhaft sein könnte.