Studie: Weniger Sozialkontakte und Gefühl tiefer Einsamkeit in der Depression9. November 2023 Foto: © Engin Akyurt – Pixabay Jeder vierte Bundesbürger fühlt sich sehr einsam. Dieses Gefühl ist oft auch unabhängig von der Zahl der tatsächlichen Sozialkontakte. Bei Menschen mit Depression berichtet sogar jeder Zweite vom Gefühl großer Einsamkeit. Das zeigt das 7. Deutschland-Barometer Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Die Befragung untersucht jährlich Einstellungen und Erfahrungen zur Depression in der erwachsenen Bevölkerung. Befragt wurde im September 2023 ein repräsentativer Bevölkerungsquerschnitt aus 5196 Personen zwischen 18 und 69 Jahren. Die Studie wird von der Deutsche Bahn Stiftung gGmbH gefördert. Jeder vierte Bundesbürger ist sehr einsam Danach berichteten 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, sich sehr einsam zu fühlen. Dieses subjektive Erleben ist zu einem großen Teil unabhängig von der tatsächlichen Zahl der Sozialkontakte. Deutlich wird dies besonders bei älteren Menschen: 40 Prozent der Älteren (60–69 Jahre) geben an, nur wenige Sozialkontakte (0–4 Sozialkontakte an einem durchschnittlichen Wochentag) zu haben. Bei den Jüngeren (18–59 Jahre) fällt der Anteil der Befragten mit so wenigen Sozialkontakten mit 22 Prozent deutlich geringer aus. Trotz der geringeren Zahl an Sozialkontakten berichten ältere Menschen seltener, sich sehr einsam zu fühlen (21% der Älteren vs. 26 % der Jüngeren). Insgesamt haben 86 Prozent aller befragten Bundesbürger das Gefühl, dass heute mehr Menschen einsam sind als vor zehn Jahren. Menschen mit Depression fühlen sich doppelt so häufig einsam Besonders eng verknüpft ist das Gefühl der Einsamkeit mit der Erkrankung Depression. Bei Menschen, die gerade an Depression erkrankt sind, geben doppelt so viele wie in der Allgemeinbevölkerung an, sich sehr einsam zu fühlen (53 % der depressiv Erkrankten vs. 25 % in der Allgemeinbevölkerung). Ein Großteil der Erkrankten (84 %) beschreibt auch das Gefühl, in der Depression wie abgetrennt von der Umwelt zu sein. In einer depressiven Krankheitsphase berichten mehr als die Hälfte der Betroffenen (58 %), nur sehr wenige Sozialkontakte (0–4 Sozialkontakte an einem durchschnittlichen Wochentag) zu haben, in der Gesamtbevölkerung sind es nur halb so viele (26 %). Dies ist jedoch keine Erklärung für das Gefühl tiefer Einsamkeit in der Depression, denn auch depressiv Erkrankte mit guten Sozialkontakten (>4 Sozialkontakte/Tag) berichten deutlich häufiger, sich sehr einsam zu fühlen (43 % der Depressionspatienten vs. 21 % in der Gesamtbevölkerung). „Sogar im Kreise der Familie oder Freunde haben viele Menschen in der depressiven Krankheitsphase das quälende Gefühl, von Umwelt und Mitmenschen abgeschnitten zu sein. Sie fühlen sich isoliert wie hinter einer Milchglasscheibe und können bei schweren Depressionen keine Liebe oder Verbundenheit empfinden“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Die geringere Zahl der Sozialkontakte in der Depression sind oft eine Folge des sozialen Rückzugs, über den 82 Prozent der betroffenen Befragten berichten. Als Gründe dafür werden Kraftlosigkeit/Erschöpfung (89 %), Sehnsucht nach Ruhe (85 %) und das Gefühl, eine Belastung für andere zu sein (68 %), angegeben. Zudem berichtete bereits im Deutschland-Barometer 2018 fast ein Viertel (23 %) aller Befragten mit Depression, dass im Zuge der Erkrankung die Beziehung in die Brüche gegangen sei. Freunde und Familie wichtige Hilfe für Menschen mit Depression Trotz der empfundenen Einsamkeit gibt ein Großteil (82 %) der Erkrankten an, Unterstützung bei der Bewältigung der Depression im privaten Umfeld zu bekommen. Freunde und Angehörige geben diesen erkrankten Menschen dann vor allem das Gefühl, nicht alleine zu sein (96 %) und hören zu, wenn die Betroffenen jemanden zum Reden brauchen (95 %). Darüber hinaus verhindert das Umfeld auch, dass sich eine Person völlig zurückzieht (87 %) und ermutigt den Betroffenen, sich professionelle Hilfe zu holen (81 %). Hegerl rät Angehörigen: „Informieren Sie sich über die Erkrankung – denn wer nicht weiß, was eine Depression ist, wird den Rückzug des erkrankten Partners oder Freundes falsch einordnen. Es ist keine Lieblosigkeit, kein ‚Sich-gehen-lassen’ oder gar böser Wille, sondern Folge der Erkrankung.“ Am besten können Angehörige unterstützen, indem sie einen Termin beim Arzt organisieren und den Betroffenen gegebenenfalls dorthin begleiten. Denn in der Depression fehlen den Betroffenen oft Kraft und Hoffnung, sich Hilfe zu suchen. „Auch zu gemeinsamen Aktivitäten wie einem Spaziergang können Sie Betroffene einladen. Angehörige sollten aber nicht enttäuscht sein, wenn der Betroffene das nicht schafft. Manchmal ist es aufgrund der Erkrankung einfach nicht möglich, sich aufzuraffen“, so Hegerl weiter. Einsamkeit: Folge und nicht Ursache der Depression Fast alle Bundesbürger (94 %) glauben, Einsamkeit und soziale Isolation sei ein Auslöser der Depression. „Oft wird übersehen, dass Depressionen mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände sind, sondern eine eigenständige Erkrankung. Das Gefühl der Einsamkeit ist ein Symptom der Depression und weniger deren Ursache“, erklärt Hegerl. Hierzu passt, dass die Älteren trotz geringerer Sozialkontakte weniger häufig berichten, sich in einer depressiven Krankheitsphase zu befinden. So gaben fünf Prozent der älteren Befragten zwischen 60 und 69 Jahren an, aktuell in einer depressiven Krankheitsphase zu sein, bei den Befragten bis 59 Jahre lag der Anteil der Depression mit sieben Prozent höher. „Entscheidend für das Auftreten einer Depression ist die Veranlagung. Diese kann vererbt oder durch Traumatisierungen in der frühen Kindheit erworben sein“, betont Psychiater Hegerl.
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