Studienautorin beklagt toxische Debatte in England um Transsexualität

Minderjährige werden als Spielball in einem Kulturkrieg benutzt, meint eine britische Forscherin. Foto (Symbolbild mit Modell): SB Arts Media – stock.adobe.com

Auch wegen kritischer Aussagen von Prominenten wie J.K. Rowling wird in Großbritannien scharf über Fragen geschlechtlicher Identität gestritten. Eine Studie zu staatlichen Angeboten für transsexuelle Jugendliche in Großbritannien mahnt zu einem wissenschaftlichen Ansatz.

Die Autorin des lange erwarteten Untersuchungsberichts hat eine vergiftete Diskussion durch Kulturkriege beklagt. „Die Debatte ist so toxisch geworden, dass Menschen Angst haben, in diesem Bereich zu arbeiten“, sagte die pensionierte Kinderärztin Hilary Cass der Zeitung „Guardian“ vom 10.04.2024. Zudem sei die Gefahr groß, dass Eltern und Ärzte, die sich gegen eine Geschlechtsanpassung aussprechen, in sozialen Netzwerken vorschnell als transphob verurteilt werden.

Der am 10.04.2024 veröffentlichte Bericht untersucht Angebote des staatlichen Gesundheitsdiensts National Health Service (NHS) für Minderjährige, die sich in ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht wohlfühlen. Die Studie war 2020 vom NHS in Auftrag gegeben worden. Anlass war ein starker Anstieg der Fälle. In den vergangenen
15 Jahren nahm die Zahl der an den NHS überwiesenen jungen Patienten von etwa 50 auf mehr als 3000 pro Jahr zu. Mittlerweile gehe es vor allem um Jugendliche, die bei ihrer Geburt als Mädchen identifiziert wurden, sagte Cass.

Verantwortlich für die zugespitzte Lage seien die Erwachsenen. „Die Minderjährigen werden als Spielball benutzt, und dieser Gruppe sollten wir mehr Mitgefühl entgegenbringen.“ Jugendliche seien im Stich gelassen worden, weil die Wissenschaft nicht gut genug sei und keine guten Daten vorhanden seien, sagte Cass. Das bisherige System habe versagt.

Gesundheitsdienst will alle Behandlungsangebote überprüfen

NHS England kündigte eine umfassende Überprüfung aller Behandlungen an. Der Gesundheitsdienst hatte bereits im März die Verschreibung von Pubertätsblockern an Minderjährige gestoppt. Die Medikamente, die das Einsetzen von Pubertätsmerkmalen wie Menstruation, Brustwachstum und Stimmbruch verhindern, dürfen nur noch bei klinischen Studien zum Einsatz kommen.

Die Regierung begrüßte den Bericht. „Wir kennen die langfristigen Auswirkungen einer medizinischen Behandlung oder eines sozialen Übergangs auf sie einfach noch nicht und sollten daher äußerste Vorsicht walten lassen“, sagte der britische Premierminister Rishi Sunak. Die in den Umfragen führende Labour-Partei versicherte, sie wolle im Falle eines Wahlsieges die Empfehlungen umsetzen.

Kulturkrieg um geschlechtliche Identität

Die gesellschaftliche Debatte um geschlechtliche Identität wird in Großbritannien vor allem von konservativen Kreisen zunehmend als Kulturkrieg geführt. Kommentatoren sehen darin einen Versuch, angesichts des enormen Rückstands in den Umfragen noch Stimmen vor der für dieses Jahr geplanten Parlamentswahl zu gewinnen. Für Aufsehen sorgen auch Stellungnahmen von Prominenten wie „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling, die Transfrauen stets als Männer bezeichnet.

Die Regierung hatte unter anderem reinen Mädchen- und Jungenschulen genehmigt, transsexuelle Schülerinnen beziehungsweise Schüler abzulehnen, ohne dass juristische Folgen wegen Diskriminierung drohen. Lehrkräfte können sich weigern, Schülerinnen und Schülern mit selbst gewählten Pronomen zu bezeichnen. Als Transmenschen oder Transgender werden Personen bezeichnet, die sich dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde, nicht zugehörig fühlen.

Mentale Gesundheit soll berücksichtigt werden

Der knapp 400 Seiten lange „Cass Report“ enthält 32 Empfehlungen zur Funktionsweise sogenannter Gender-Dienste für Minderjährige. Dazu gehören Überlegungen zu medizinischen Eingriffen, weiterer Forschung und Schutzmaßnahmen. Cass plädierte für eine bessere Erforschung der Charakteristika junger Menschen, die eine Behandlung anstreben, sowie einen individuellen, ganzheitlichen Ansatz. Dabei solle auch die mentale Gesundheit untersucht werden, da viele Jugendliche an ADHS, Autismus, Angstzuständen oder Depression litten.

(dpa)