Tabakkontrolle? In Deutschland?

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

„Verschmutzte Außenluft fordert mehr Opfer als Rauchen“ fasste unlängst eine Pressemitteilung des Zentrums für Kardiologie an der Universitätsmedizin Mainz die Ergebnisse einer Studie zur kardiovaskulären Mortalität zusammen [1]. Ob intendiert oder nicht, solche Vergleiche sind für eine erfolgreiche Tabakkontrolle wenig hilfreich. Überspitzt gesagt kann dem ärztlichen Rat zur Rauchfreiheit nun entgegengesetzt werden, dass doch in erster Linie die Luftreinheit verbessert werden müsse, um etwas Gutes für die Gesundheit zu bewirken – ein Irrsinn.

Die Ärztezeitung titelte „Nach dem Rauchstopp steigt die Diabetes-Gefahr“ [2]. Man kann nur hoffen, dass die Aufmerksamkeit des Lesers, die durch eine solche Überschrift erregt werden soll, auch genügend lange anhält, um das Stück bis zum Schluss zu lesen: Natürlich reduziert ein Rauchstopp in der dargestellten Studie das Diabetesrisiko um 50–75%. Lediglich bei einer kleinen Gruppe von Personen, die nach dem Rauchstopp um mehr als 18 kg zunahmen, erreichte die Mortalität nach einigen Jahren wieder annähernd das Niveau von Menschen, die weiterhin rauchten.

Der Tabaklobby spielen solche Artikel in die Hände. Einerseits werden so die Risiken des Rauchens verharmlost, andererseits kann sich die Industrie als Retter darstellen, bereitet sie doch das „Ende der Zigarette“ vor [3]. Das ist zumindest die erklärte Absicht von Phillip Morris, dem weltweit größten Tabakkonzern. Statt der Verbrennungs­zigarette möchte man den Konsumenten ein neues Produkt näherbringen und dabei auch den Begriff „rauchen“ verlassen. Der Grund ist einfach: Zigaretten unterliegen der Tabaksteuer, das neue Produkt, das derzeit massiv an Tankstellen und auf Plakatwänden beworben wird, hingegen nicht. Dabei wird auch mit dem neuen Produkt Tabak erhitzt und das dabei entstehende Substanzgemisch inhaliert.

Deutschland bildet im europäischen Vergleich das Schlusslicht im Hinblick auf die Tabakkontrolle. Zwar ist die gesellschaftliche Entwicklung hin zur Denormalisierung des Rauchens auch hier schon weit fortgeschritten, die Umsetzung eines umfassenden öffentlichen Werbeverbotes für Tabakprodukte ist allerdings bis heute nicht erfolgt. Anstatt die 2004 auch von Deutschland ratifizierte Rahmenvereinbarung zur Tabakkontrolle der WHO und die entsprechende EU-Richtlinie 2003/337EG umzusetzen, hat die Bundesregierung unter Bundeskanzler Dr. Kohl gegen ein solches Werbeverbot geklagt. Die Klage wurde 2006 vom Europäischen Gerichtshof abgewiesen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war die Umsetzung der Normen geboten. Es geschah allerdings weiterhin nichts. In Bayern musste erst durch einen Volksentscheid die Rauchfreiheit in der Gastronomie erzwungen werden, die Landesregierung unter Horst Seehofer war bis dahin tatenlos geblieben.

Die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland bringen die erfolg­reiche Tabakentwöhnung in eine prekäre Situation: Es werden weder die Rahmenbedingungen im Sinne einer wirksamen Tabakontrolle geschaffen, um das Rauchverhalten zu verändern, noch werden die wissenschaftlich belegten Methoden der Tabakentwöhnung vergütet. In Großbritannien werden bei Patienten, die an Folge­erkrankungen des Rauchens leiden, ärztlich verordnete Medikamente vom Gesundheitssystem erstattet.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat sich für ein solches Vor­gehen auch in Deutschland ausgesprochen [4]. Davon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt. Eines der Argumente lautet, dass diese Erstattung zu einer nicht zu beherrschenden Kostensteigerung führe. Bedenkt man, dass der gesamte Markt für Produkte zur Tabakentwöhnung hierzulande ein Volumen von 40 Mio. € jährlich hat, so ist diese Sichtweise absurd: Alleine der Spitzenreiter unter den inhalativen COPD-Wirkstoffen macht einen Jahresumsatz von etwa 200 Mio. €. Die Folgekosten des Rauchens werden also akzeptiert, die medizinökonomisch dominante Strategie der Finanzierung einer wirksamen Tabakentwöhnung – und somit einer ursächlichen Therapie – wird gleichzeitig abgewiesen.

Mit dem Wechsel an der Spitze der CDU-Bundestagsfraktion kann sich nun etwas ändern. Zuvor hatte Volker Kauder über Jahre aktiv verhindert, dass der bereits vom Bundeskabinett verabschiedete Gesetzentwurf zum öffentlichen Tabakwerbeverbot dem Bundestag zur Entscheidung vorgelegt wurde.

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur
1. Pressemitteilung der Universitäts­medizin Mainz vom 12.03.2019: „Luftverschmutzung verkürzt das Leben der Europäer um rund zwei Jahre
2. „Ärztezeitung“ online vom 05.01.2019: „Nach dem Rauchstopp steigt Diabetes-Gefahr
3. „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 04.11.2018: „Das Ende der Zigarette ist nah
4. Gemeinsamer Bundesausschuss am 15.10.2009: „Aktualisierung des DMP für chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen – Strukturierte Raucher­entwöhnung im Fokus der Beratungen