Teufelskreis bei Arbeitsstress wird von Burn-out weiter angetrieben9. November 2020 Foto: ©Kaspars Grinvalds – stock.adobe.com Arbeitsstress und Burn-out schaukeln sich gegenseitig auf. Allerdings ist der Effekt von Arbeitsstress auf Burn-out viel kleiner als der umgekehrte Effekt von Burn-out auf den Arbeitsstress, wie eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zeigt. Stress und Überlastung am Arbeitsplatz nehmen weltweit zu und werden häufig als Ursache von Burn-out betrachtet. Tatsächlich zeigt eine neue Studie, dass sich Stress bei der Arbeit und Burn-out gegenseitig aufschaukeln. Entgegen der allgemeinen Auffassung wirkt sich Burn-out jedoch viel stärker auf den Stress am Arbeitsplatz aus als umgekehrt. „Das bedeutet, je weiter sich Burn-out entwickelt, umso mehr Stress, wie zum Beispiel Zeitdruck, nehmen die Menschen bei der Arbeit wahr“, erklärt Prof. Christian Dormann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Dieser Effekt ist viel stärker als der umgekehrte Effekt, den Arbeitsstress auf Burn-out ausübt. Daher sollten Beschäftigte, die unter Burn-out leiden, rechtzeitig eine angemessene Unterstützung erhalten, um zunehmenden Arbeitsstress zu vermeiden und damit den Teufelskreis von Stress und Burn-out zu durchbrechen. Als Symptome für Burn-out gelten Erschöpfung, Zynismus sowie geminderte Leistungsfähigkeit. „Das wichtigste Burn-out-Symptom ist tatsächlich das Gefühl, erschöpft zu sein und zwar in einem Ausmaß, das sich nicht durch die normalen Erholungsphasen am Abend, am Wochenende oder im Urlaub beheben lässt“, sagt Dormann. „Um sich vor weiterer Erschöpfung zu schützen, versuchen manche Betroffene, eine psychische Distanz zu ihrer Arbeit aufzubauen, das heißt sich von der Arbeit und damit verbundenen Personen zu entfremden und zynischer zu werden“, ergänzt Dr. Christina Guthier. Sie hat die Studie im Rahmen ihrer Doktorarbeit, für die sie 2020 den Dissertationspreis der Alfred Teves-Stiftung erhielt, in der Arbeitsgruppe von Dormann durchgeführt. Guthier hat 48 Längsschnittstudien zu Burn-out und Arbeitsstress ausgewertet. In diesen Studien waren insgesamt 26.319 TeilnehmerInnen befragt worden. Der Altersdurchschnitt betrug knapp 42 Jahre bei der Erstbefragung, 44 Prozent der Probanden waren Männer. Die Längsschnittstudien aus den Jahren 1986 bis 2019 stammten aus verschiedenen Ländern, darunter überwiegend europäische Länder, Israel, die USA und Kanada, Mexiko, Südafrika, Australien, China und Taiwan. Die Abwärtsspirale stoppen Die Ergebnisse stellen die übliche Sichtweise, dass Arbeitsstress die treibende Kraft bei Burn-out ist, infrage oder relativieren sie zumindest. „Burn-out kann, muss aber nicht von der Arbeitssituation angestoßen werden“, so Dormann. Aber sobald der Prozess angeschoben wurde, entwickelt er sich schleichend und schaukelt sich allmählich auf. Schließlich führt Burn-out dazu, dass die Arbeit zunehmend als stressig empfunden wird: Die Arbeitsmenge ist zu viel, die Zeit zu knapp, der Arbeitsstress zu groß. „Bei Erschöpfung nimmt die Belastbarkeit für gewöhnlich ab. Dadurch können bereits kleinere Aufgaben als deutlich anstrengender wahrgenommen werden“, erklärt Guthier. „Wir haben einen Effekt von Burn-out auf Arbeitsstress erwartet, jedoch die Stärke des Effektes war sehr überraschend“, erklärt die Erstautorin des Beitrages. Etwas abgemildert werden kann der Effekt, den Burn-out auf den empfundenen Arbeitsstress hat, wenn die Beschäftigten mehr Kontrolle über ihre eigene Arbeit haben und Unterstützung aus dem Kreis der Kollegen oder von Vorgesetzten erhalten. Laut Dormann eröffnet sich aufgrund dieser bisher einzigartigen Datengrundlage ein neues Forschungsfeld, weil dieser starke Rückkopplungseffekt von Burn-out auf den Arbeitsstress bisher noch nicht untersucht wurde. Die Fragen sind: Wie werden die Auswirkungen von Burn-out auf den wahrgenommenen Arbeitsstress verringert? Wie wird der Teufelskreis verhindert? Dormann und Guthier schlagen vor, Interventionen beim Führungsverhalten anzusetzen. Beschäftigte sollten die Möglichkeit haben, jederzeit Rückmeldung zu ihrem Arbeitsstress zu geben, und wertgeschätzt werden. Außerdem könnte – vielleicht nicht zuletzt – auch richtige Erholung helfen, die Abwärtsspirale zu stoppen. Originalpublikation: Guthier C et al. Reciprocal Effects Between Job Stressors and Burnout: A Continuous Time Meta-Analysis of Longitudinal Studies. Psychological Bulletin, 29. Oktober 2020
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