Therapiesynergie beim weiblichen Deszensus

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Vor allem anteriore und apikale Prolapsoperationen bessern die Symptome einer überaktiven Blase (overactive bladder, OAB). Dies berichten finnische Forschende jetzt im „International Urogynecology Journal“.

Eine operative Behandlung von Prolapsbeschwerden bessert zwar in jedem Fall auch die Symptome einer überaktiven Blase (overactive bladder, OAB). Besonders groß erweist sich der Nutzen solcher Eingriffe jedoch dann, wenn es sich um einen anterioren und apikalen Deszensus im vorderen und mittleren Kompartiment handelt. Das ist auch plausibel, da diese Kompartimente nachweislich eher mit OAB-Beschwerden assoziiert sind als eine Senkung im posterioren, hinteren Kompartiment. 

Obwohl ein Zusammenhang zwischen Senkungsbeschwerden und OAB bereits länger vermutet wird, sind die Mechanismen noch nicht klar. Es könnte eine Detrusorüberaktivität aufgrund einer Ausfluss-obstruktion oder aufgrund der Wanddistension bei Stimulation der Dehnungsrezeptoren und nicht zuletzt ein Zug (plus Öffnung) der Urethra schuld sein. Das würde erklären, warum Strukturen, die anatomisch eher vorne und in der Mitte gelegen sind, auch häufiger mit OAB-Symptomen vergesellschaftet sind.

Die Wissenschaftler um Dr. Päivi K. Karjalainen von der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie am Neuen Krankenhaus von Zentralfinnland in Jyväskylä teilten 2933 deszensuschirurgische Eingriffe aus einer prospektiven bevölkerungsbasierten Kohorte in 2 Gruppen ein: Bei 2091 Frauen wurde eine Operation des anterioren und/oder apikalen Kompartiments durchgeführt – mitunter wurde auch im posterioren Kompartiment saniert, aber nicht stets. In der anderen Gruppe erfolgte bei 478 Frauen einzig eine posteriore Reparatur. Die Miktionsfrequenz und die Dranginkontinenz wurden mittels des Pelvic Floor Disability Index (PFDI-20; belastendes Symptom: Score 3–4) beurteilt.

Anfangs gaben 40% der Frauen ≥1 belastendes Symptom an. Nach 6 Monaten waren es noch 14% der Frauen und nach 12 Monaten 19%. Vor dem Eingriff mussten die Teilnehmerinnen umso häufiger ihre Blase entleeren, je stärker der Ausprägungsgrad des anterioren und apikalen Deszensus ausfiel. Bei der Dranginkontinenz sei zu diesem Zeitpunkt lediglich ein statistischer Zusammenhang mit dem Deszensus im anterioren Kompartiment erkennbar gewesen, so Karjalainen und seine Kollegen.

Frauen, die sich einem operativen Eingriff am anterioren/apikalen Kompartiment unterzogen, hatten zu Beginn zwar schlimmere OAB-Symptome, bei ihnen kam es aber auch zu einer größeren Verbesserung. Mehr als 4/5 der Patientinnen (82%) empfanden ihre Miktionshäufigkeit nach der anterioren/apikalen Operation nicht mehr als belastend. Nach dem Eingriff am posterioren Kompartiment war dies bei signifikant weniger Frauen der Fall (63%).

Die belastende Dranginkontinenz ging nach der anterioren/apikalen Operation bei 75% und nach der Operation am posterioren Kompartiment bei 61% zurück. Nach dem chirurgischen Eingriff war die OAB-Symptomschwere in beiden Gruppen vergleichbar.

Zu einem erneuten Auftreten von belastenden Symptomen kam es bei lediglich 1–3% der Frauen. Dies bedeutet, dass unabhängig vom Kompartiment operative Deszensuseingriffe auch die Symptome einer überaktiven Blase positiv beeinflussen können.

(nec/ms)