Transplantationsexperte: „ALD ins Neugeborenen-Screening aufnehmen“3. August 2022 Das UKL ist eines der wenigen Zentren, an denen nicht nur Kinder, sondern auch an den Folgen der Adrenoleukodystrophie leidende Erwachsene behandelt werden können: Oberarzt Dr. Wolfgang Köhler (li.) von der Klinik und Poliklinik für Neurologie betreut die erwachsenen Patienten mit ALD und anderen Leukodystrophien. Privatdozent Dr. Jörn-Sven Kühl (re.) ist ein europaweit anerkannter pädiatrischer Experte für Stammzelltransplantation. (Foto: Stefan Straube/UKL) Ohne Screening sind frühe Diagnostik und rechtzeitiger Therapiebeginn der seltenen Erkrankung Adrenoleukodystrophie (ALD) kaum möglich. Der Leipziger Stammzell-Transplantationsexperte Dr. Jörn-Sven Kühl setzt sich daher dafür ein, ALD ins Neugeborenen-Screening aufzunehmen. Mindestens eines von 17.000 Neugeborenen ist von Adrenoleukodystrophie (ALD) betroffen, meistens Jungen. Unerkannt und unbehandelt führt sie in aller Regel zu Invalidität und Tod. Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) ist eines der wenigen Zentren in Deutschland, in dem die Erkrankung in interdisziplinärer Zusammenarbeit behandelt werden kann, unter anderem mit Stammzelltransplantation (SCT) und anderen modernen therapeutischen Ansätzen. “Leider wird die ALD jedoch häufig zu spät erkannt”, stellt PD Dr. Jörn-Sven Kühl, pädiatrischer SCT-Experte, fest: “Sie muss daher ins Neugeborenen-Screening aufgenommen werden. Dies würde die Chance bei vielen Betroffenen auf rechtzeitige Diagnose und Therapie stark verbessern.” ALD ist eine erbliche Stoffwechselkrankheit und gehört zur Gruppe der Seltenen Erkrankungen. Durch einen genetischen Fehler können bestimmte Fettsäuren nicht abgebaut werden. Sie schädigen das Gehirn und das Rückenmark sowie die Nebennieren. Dieser Gendefekt führt bei Jungen über eine akute Entzündung häufig zur Zerstörung der weißen Gehirnsubstanz. Unbehandelt ist die Krankheit oft tödlich, da im weiteren Verlauf wichtige Nervenfunktionen ausfallen können. In Deutschland gibt es nur wenige spezialisierte Zentren für eine ALD-Transplantation. “Pro Jahr transplantieren wir etwa zwei bis drei Kinder, im vergangenen Jahr sogar vier, und damit geschätzt zwei Drittel aller deutschlandweiten Transplantationen”, sagt Kühl, Leiter der pädiatrischen Stammzelltransplantation an der Abteilung für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Hämostaseologie des UKL. Inzwischen liegen bereits Erfahrungen bei 50 transplantierten Kindern vor. Die klinische Betreuung der Kinder in Leipzig erfolgt in Zusammenarbeit mit der UKL-Neuropädiatrie um Prof. Andreas Merkenschlager. Überregional besteht seit vielen Jahren eine enge Kooperation mit den Neurologen der Göttinger Universitätskinderklinik. Transplantation kann Verlauf der Entzündung stoppen Die schwere Verlaufsform trifft praktisch nur Jungen, weil es eine X-chromosomale Erkrankung ist. “Ein Drittel aller Jungen bis zum zehnten Lebensjahr entwickeln Merkmale, was wir die ‘kindlich zerebrale Verlaufsform der Adrenoleukodystrophie’ nennen”, beschreibt der UKL-Experte. “Es sind bis zum Ausbruch der Erkrankung in der Regel völlig unauffällige Kinder mit einer normalen Entwicklung”, so Kühl. Manchmal falle es auf, wenn bei Betroffenen Morbus Addison festgestellt wird. Doch auch diese Erkrankung sei schwer zu diagnostizieren und werde deshalb oft spät – zu spät – erkannt. “Werden bei betroffenen Kindern bestimmte Verhaltensauffälligkeiten festgestellt, ist es für eine Transplantation meistens schon zu spät, weil das Gehirn bereits großen Schaden genommen hat”, erläutert Kühl. “Denn die Transplantation von Stammzellen repariert nichts. Was im Hirn kaputt ist, bleibt kaputt. Aber sie kann die Entzündung stoppen, die zum Abbau von Gehirnsubstanz führt.” Da dieser Prozess aber Monate dauern kann, ist eine Transplantation bei fortgeschrittenen Patienten nicht mehr sinnvoll. Kein Spendenmangel “Wir bräuchten ein Neugeborenen-Screening”, betont Oberarzt Kühl und weiß, dass dies von vielen kritisch gesehen wird, weil nicht alle betroffenen Kinder erkranken. Es gebe so sichere Transplantations-Verfahren heutzutage, hebt er hervor. Wenn früh genug bei Erkrankungsbeginn transplantiert würde, sei es erwiesenermaßen eine wirksame Therapie mit sehr guten Chancen für die Patienten. “Aber wir können es viel zu Wenigen anbieten, weil ohne das Screening und regelmäßige MRT-Kontrollen eine rechtzeitige Diagnostik fast unmöglich ist”, verdeutlicht der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Die Folgen können dramatisch sein: “Innerhalb von fünf Jahren entwickeln sich Behinderungen schwersten Grades, Bettlägerigkeit, bei sehr vielen führt die Krankheit zum frühen Tod.” Ohne Screening von Neugeborenen komme daher für rund die Hälfte dieser Patienten eine mögliche Behandlung zu spät. Dabei besteht – ganz im Gegensatz zur Organspende – an gespendeten Stammzellen in Deutschland kein Mangel. “Obwohl Spenden weltweit gesucht werden, können wir in der Regel auf solche aus Deutschland zurückgreifen”, sagt Kühl Betreuung für alle Altersgruppen am UKL Am Leipziger Universitätsklinikum werden nicht nur Kinder, sondern auch an den Folgen der Erkrankung leidende Erwachsene behandelt. Oberarzt Dr. Wolfgang Köhler von der Klinik und Poliklinik für Neurologie betreut die erwachsenen Patienten mit ALD und anderen Leukodystrophien. In enger Zusammenarbeit mit Prof. Uwe Platzbecker, Direktor der UKL-Hämatologie und seinem Team ist im UKL ein Transplantations-Zentrum für Männer mit einer zerebralen ALD entstanden. “Die ersten Transplantationen bei erwachsenen wurden bereits 2018 im UKL begonnen – mit tatkräftiger Unterstützung von Prof. Dietger Niederwieser, der bis 2018 die Hämatologie am UKL führte”, betont Kühl, “inzwischen arbeiten wir gemeinsam an neuen gentherapeutischen Ansätzen und neuen Medikamenten um die Situation für die Patienten zu verbessern.”
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