Übergewicht interdisziplinär behandeln: Adipositasbehandlung erfordert ähnliche Strukturen wie in der Onkologie21. September 2021 Foto: © Africa Studio/stock.adobe.com Die wachsende Zahl adipöser Menschen betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch immer mehr Jugendliche. Wo eine Prävention mit ausgewogener Ernährung und Bewegung nicht ausreiche, benötigten Betroffenen eine effektive Therapie, betonte Prof. Wolf Otto Bechstein, Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) anlässlich des diesjährigen Kongresses Viszeralmedizin. Laut Daten des statistischen Bundesamts seien mehr als die Hälfte aller Deutschen übergewichtig, davon wiederum 21 Prozent adipös, berichtete der Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. Bereits vor mehr als zehn Jahren hätten die Daten der Swedish Obesity Study gezeigt, dass chirurgische Verfahren wie Magenbypass- und Schlauchmagen-Operationen innerhalb von zwei Jahren einen Gewichtsverlust von 25 bis 30 Prozent erzielen können, betonte der Chirurg bei der Kongress-Pressekonferenz. Die Vorteile einer solchen Gewichtsreduktion sind inzwischen gut bekannt: Sie führt im Vergleich zur rein konservativen Therapie zu einer langfristigen Reduktion der Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar zu niedrigeren Inzidenzen von Krebserkrankungen, wie der Experte betonte. Insbesondere Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus profitierten von diesen Operationen. Und: Es werde geschätzt, dass eine Zunahme um ein Prozent bei bariatrisch chirurgischen Eingriffen global zu einer potenziellen Zunahme von 5,1 bis 6,6 Millionen Lebensjahren führen würde. Im internationalen Vergleich bleibe Deutschland mit 8,8 Operationen pro 100.000 Einwohnern pro Jahr deutlich hinter den europäischen Nachbarn zurück, unterstrich Bechstein – sie liegen beispielsweise bei 107,2/100.000 in Belgien, bei 77,9/100.000 in Schweden und bei 56,5/100.000 in Frankreich. Der DGAV-Kongresspräsident nannte als Grund für die Situation in Deutschland bürokratische Hürden und fehlende Strukturen. Zwar seien die Indikationen für bariatrisch-chirurgische Eingriffen durch die S3-Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ aus dem Jahr 2018 gut definiert und aktuell bereits 96 Zentren für Adipositas- und metabolische Chirurgie durch die DAGV zertifiziert. Doch nach wie vor gebe es Defizite in der hausärztlichen Versorgung und fehlende Strukturen für Langzeitbetreuung. Die Behandlung der Adipositas erfordere eine interdisziplinäre Zusammenarbeit während des gesamten Zeitraumes, unterstrich der Experte. Analog zu anderen Behandlungsschwerpunkten wie onkologische Zentren oder Traumazentren sollte die Adipositasbehandlung zu zuschlagsfähigen Aufgaben stationärer Zentren anerkannt werden, so seine Meinung.
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