Übergewicht und Alkoholabhängigkeit: Semaglutid als neue Behandlungsoption?4. Mai 2026 Rund 4,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter einer Alkoholabhängigkeit. Symbolbild: yulanaom/stock.adobe.com Übergewichtige Personen mit einer Alkoholabhängigkeit profitieren möglicherweise doppelt von einer Behandlung mit Semaglutid: Eine neue Studie zeigt, dass der GLP-1-Rezeptoragonist neben einem Gewichtsverlust auch eine signifikante Reduktion des Alkoholkonsums und der Anzahl schwerer Trinktage bewirken könnte. Der klinische Nutzen von Semaglutid bei Diabetes und Übergewicht ist bekannt. Aktuelle Daten deuten nun auch auf eine relevante Wirkung bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit bei Personen mit Übergewicht hin. Beobachtungsstudien, Selbstauskünfte, Tierexperimente und eine erste kleine Studie an Menschen hatten bereits zuvor auf das Potenzial des Medikamentes zur Therapie von Suchterkrankungen hingewiesen1. Die bislang größte randomisiert, doppelt-verblindete klinische Studie zu Semaglutid bei Alkoholabhängigkeit wurde jetzt im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht. Diagnose: Alkoholabhängigkeit Je nach Klassifikationssystem unterscheidet sich die Bezeichnung der Diagnose: Das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) der American Psychological Association nutzt den Begriff „Alkoholkonsumstörung“. Dort gibt es je nach Anzahl der erfüllten Kriterien eine Abstufung in leicht, mittel und schwer. Im Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – dem „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (ICD) – lautet die Bezeichnung „Alkoholabhängigkeitssyndrom“ oder auch „Alkoholabhängigkeit“. Um in Deutschland eine Therapie zu erhalten, ist eine Diagnose nach dem ICD Voraussetzung. Schätzungen zufolge sind hierzulande rund 4,2 Prozent der Erwachsenen alkoholabhängig2. Die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie diagnostizierten die Teilnehmenden nach beiden Manualen. Insgesamt nahmen 108 Personen mit Übergewicht (BMI > 30 kg/m2) und mittlerer bis schwerer Alkoholkonsumstörung beziehungsweise Alkoholabhängigkeit teil. Die Hälfte der Teilnehmenden erhielt wöchentlich eine Injektion mit 2,4 Milligramm Semaglutid, die andere Hälfte bekam wöchentlich eine Kochsalzlösung injiziert (Kontrollgruppe). Begleitend nahmen alle Teilnehmenden an einer Psychotherapie teil. Signifikant weniger „Heavy Drinking Days“ Als Kernergebnis erfassten die Forschenden die Reduktion der „Heavy Drinking Days“, also der Tage, an denen Frauen mehr als 48 Gramm Alkohol und Männer mehr als 60 Gramm Alkohol zu sich nahmen. Mithilfe eines standardisierten Verfahrens, der sogenannten „Timeline Followback“-Methode, berichteten die Teilnehmenden tagesgenau ihre Trinkmenge. Im Schnitt zeigten die Personen, die Semaglutid erhielten, in den 26 Wochen der Studiendauer statistisch bedeutsam weniger „Heavy Drinking Days“. In der Semaglutid-Gruppe gab es eine Abnahme der „Heavy Drinking Days“ von 41,1 Prozentpunkten, in der Placebo-Gruppe von 26,4 Prozentpunkten – der Effekt von Semaglutid wird hier also auf 13,7 Prozentpunkte geschätzt. Demnach hat die Psychotherapie in der Placebo-Gruppe allerdings ebenfalls schon einen nicht zu vernachlässigenden Effekt. Ein Unterschied in den Mittelwerten ist allerdings nur bedingt aussagekräftig, da die Verteilung der „Heavy Drinking Days“ unter den Teilnehmenden nicht normalverteilt ist. Es gibt beispielsweise eine größere Gruppe unter den Teilnehmenden, die an besonders vielen Tagen stark trinkt. Ihr Einfluss auf die gemittelten Ergebnisse könnte damit hoch sein. Reduziert Semaglutid das Suchtverhalten? Auch insgesamt nahmen die Personen, die Semaglutid erhielten, weniger Alkohol zu sich (durchschnittlich 467,5 Gramm Alkohol weniger pro 30 Tage) und berichteten weniger „Craving“, also Verlangen nach Alkohol. Veranschaulicht: 60 Gramm Alkohol entsprechen etwa 2,5 Litern Bier oder einem Liter Wein. „Besonders bemerkenswert ist, dass unter Semaglutid nicht nur das Alkoholverlangen, sondern auch starker Alkoholkonsum und die Trinkmenge pro Trinktag reduziert wurden – und das, zusätzlich zu einer begleitenden kognitiven Verhaltenstherapie“, meint Dr. Sophia Khom-Steinkellner von der Universität Wien (Österreich). Das spreche dafür, dass diese Substanzklasse mehr sein könnte als nur ein indirekter Effekt über Gewichtsreduktion oder verändertes Essverhalten, so die unbeteiligte Assistenzprofessorin. Nach ihrer Ansicht scheint die Substanzklasse direkt in suchtassoziierte Schaltkreise des Gehirns einzugreifen. „So gibt es Hinweise, dass die alkoholinduzierte Dopaminfreisetzung im Nucleus accumbens abgeschwächt wird, also in einem zentralen Belohnungszentrum des Gehirns. Gleichzeitig werden die Funktion von Hirnregionen wie dem präfrontalen Cortex oder der zentralen Amygdala moduliert, die für Impulskontrolle, Stressverarbeitung und Rückfallverhalten wichtig sind“, erklärt Khom-Steinkellner. Insgesamt spreche vieles dafür, dass GLP-1-Signalwege wie eine Art natürliches Bremssystem für belohnenden Substanzkonsum wirken. Eine Wirkung auf Abhängigkeitserkrankungen jenseits von Alkohol halten die Wissenschaftler:innen deshalb für plausibel. Vielversprechende präklinische Daten gebe es bereits unter anderem auch für Nikotin-, Opioid- und Kokainkonsum im Tiermodell, so Khom-Steinkellner. Nur begrenzte Generalisierbarkeit Die Lancet-Studie ist die bislang Größte ihrer Art. Eine ihrer Stärken sei, dass die selbstberichtete Trinkmenge durch den objektiven Biomarker Phosphatidylethanol überprüft wurde, erklärt Prof. Patrick Bach. Er ist Leiter der Arbeitsgruppen Verhaltenssüchte und Neuroenhancement am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim und ordnete die Studienergebnisse unabhängig ein. Dennoch seien das monozentrische Design mit nur 108 Teilnehmenden sowie das BMI-Einschlusskriterium wesentliche Einschränkungen. „Sie begrenzen die Generalisierbarkeit auf die Gesamtpopulation der Personen mit Alkoholabhängigkeit stark beziehungsweise lassen lediglich Aussagen für Personen mit gleichzeitig vorliegendem Übergewicht zu“, so Bach. „Zudem mussten fehlende Werte für den primären Endpunkt für 18 Prozent der Teilnehmer geschätzt werden, da diese die Studie vorzeitig beendeten.“ Denn das Nebenwirkungsprofil von Semaglutig entsprach zwar den bisherigen Beobachtungen. Allerdings lag die Rate an Nebenwirkungen in der Semaglutid-Gruppe somit deutlich höher als in der Placebo-Gruppe. „Das birgt das Risiko einer funktionellen Entblindung. Das heißt, Teilnehmende können erkennen, in welcher Behandlungsgruppe sie sind. Das kann die Ergebnisse verzerren – ein Punkt, der von den Autoren selbst als Limitation benannt wird“, ergänzt Bach. Noch keine Daten zu Nachhaltigkeit und Abstinenz Unklar ist darüber hinaus, wie es den Teilnehmenden nach Studienende ergangen ist. Die Frage nach der Nachhaltigkeit der Effekte und nach potenziellen ,Rebound‘-Effekten, wie sie für die gewichtsreduzierende Wirkung beobachtet wurden, blieben somit unbeantwortet, betont Bach. Die bisher vorliegenden Daten seien ermutigend und zeigten signifikante und klinisch bedeutsame Effekte von Semaglutid auf Alkoholkonsum und Alkoholverlangen. Bach: „Das ist klinisch relevant, besonders weil für die bisher zugelassenen Medikamente – wie Acamprosat und Naltrexon – lediglich kleine bis moderate Effekte beobachtet wurden.“ Ob GLP-1-Rezeptoragonisten aber wirklich bessere Effekte erzielen, müsse sich erst in Head-to-Head-Vergleichsstudien bestätigen. Die medizinische Leitlinie befindet sich derzeit in Überarbeitung, möglicherweise könnte Semaglutid eine neue Behandlungsoption bieten. „Es fehlen allerdings Belege für eine Förderung beziehungsweise Aufrechterhaltung einer kompletten Abstinenz. Letztere ist für die meisten Patienten mit einer Alkoholabhängigkeit das primäre Behandlungsziel und auch das Behandlungsziel nach deutschen S3-Leitlinien3“, erklärt der Wissenschaftler weiter. Für eine breite Anwendung oder Off-Label-Empfehlung sei es daher noch zu früh. (mkl) Referenzen: [1] Science Media Center (2026): GLP-1-Analoga zum Abnehmen. Data & Facts. Stand: 22.04.2026. [2] Regina H et al. (2026): Kurzbericht Epidemiologischer Suchtsurvey 2024. Tabellenband: Trends des Alkoholkonsums in Deutschland unter Erwachsenen (18 – 64 Jahre) nach Geschlecht und Alter 2012-2024. FT Institut für Therapieforschung München. DOI: 10.5281/zenodo.18958709. [3] Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde: S3-Leitlinie Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen. Stand: 01.01.2021.
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