Übersichtsarbeit hinterfragt gängige Praktiken zum Stillbeginn13. August 2026 Symbolbild © HillLander/stock.adobe.com Eine internationale Übersichtsarbeit stellt drei verbreitete Annahmen zum Stillbeginn auf den Prüfstand. Die Auswertung legt nahe, dass einige etablierte Empfehlungen in den ersten Tagen nach der Geburt nicht durch die aktuelle Evidenz gestützt werden. Eine Auswertung internationaler Forschungsergebnisse deutet darauf hin, dass weit verbreitete Fehlvorstellungen in der medizinischen Fachwelt – etwa zur frühen Milchbildung, zur Verwendung von Schnullern und zum Einsatz von Milchpumpen – den Stillerfolg in den entscheidenden ersten Tagen nach der Geburt beeinträchtigen könnten. Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift „Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine“. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass einige gängige klinische Praktiken und Ansichten rund um das Stillen in den ersten Tagen nach der Geburt nicht durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Die unter der Leitung von Experten der Universität Sapienza in Rom durchgeführte Studie stellt letztlich drei weit verbreitete Fehlannahmen infrage, denen man auf Entbindungsstationen während der kritischen 48 bis 72 Stunden nach der Geburt häufig begegnet: die Ansicht, die frühe Milchbildung reiche nicht aus, was oft zu einer vorzeitigen Zufütterung mit Säuglingsmilchnahrung führt; die routinemäßige Einschränkung der Schnullernutzung; sowie die frühe Einführung elektrischer Milchpumpen. Die Forschenden stellten fest, dass diese etablierten klinischen Praktiken den Aufbau des Stillens bei gesunden, reif geborenen Säuglingen unbeabsichtigt behindern könnten. „Auf der Station erlebte ich immer wieder Mütter, die sich von der Angst überwältigt fühlten, nicht genug Milch zu haben – trotz ihres enormen Engagements“, erklärt die Hauptautorin der Studie, Maria Di Chiara, Kinderärztin an der Universität Sapienza in Rom und Spezialistin für Neonatologie (die medizinische Versorgung, Entwicklung und Behandlung von Neugeborenen). „Mein oberstes Ziel war es schon immer, zunächst die Mutter und damit auch das Baby zu unterstützen. Diese Mütter brauchen eine konsistente, evidenzbasierte Beratung und keine widersprüchlichen Aussagen; genau das hat mich dazu bewogen, die wissenschaftliche Beweislage genauer zu untersuchen.“ „Unsere Auswertung legt nahe, dass Kolostrum – die erste, hochkonzentrierte Milch nach der Geburt – in der Regel ausreicht, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken; dass die Verwendung eines Schnullers weder die Dauer noch die Exklusivität des Stillens beeinträchtigt; und dass elektrische Milchpumpen in den ersten Tagen nach der Geburt nicht routinemäßig eingesetzt werden sollten.“ Die Ergebnisse dieser Übersichtsarbeit liegen zu einem Zeitpunkt vor, an dem die Stillraten weiterhin unter den weltweiten Zielvorgaben liegen. Die WHO empfiehlt, Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich zu stillen. Weltweit werden jedoch weniger als die Hälfte der Säuglinge so lange ausschließlich gestillt; in vielen einkommensstarken Ländern ist dieser Anteil sogar noch deutlich geringer. Di Chiara ergänzt: „Da diese ersten Tage für die Etablierung des Stillens so entscheidend sind, könnte eine Beratung und Unterstützung der Eltern, die auf der besten verfügbaren Evidenz basiert, dazu beitragen, die Stillergebnisse zu verbessern.“ Um diese bestmögliche Evidenz zu ermitteln, wertete Di Chiara – unterstützt durch den Ko-Autor Prof. Gianluca Terrin vom Institut für Mutter- und Kindesgesundheit derselben Universität – 78 veröffentlichte Quellen aus. Diese stammten aus verschiedenen Ländern, darunter die USA, Italien, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko. Zu den untersuchten Studien gehörten randomisierte kontrollierte Studien, systematische Übersichtsarbeiten, Meta-Analysen und Beobachtungsstudien (Kohortenstudien). Jede der Arbeiten befasste sich mit Diskrepanzen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und klinischer Praxis in den ersten 48 bis 72 Stunden nach der Geburt. Dabei ging es um folgende Themen: die Physiologie der Kolostrumproduktion und die Diskrepanz zwischen den normalen Mengen und den Erwartungen von Müttern oder Fachpersonal; die Auswirkungen der Schnullernutzung auf den Stillerfolg bei reifgeborenen Säuglingen; sowie den Einfluss des Einsatzes von Milchpumpen in den ersten Lebenstagen auf die Dauer und Exklusivität des Stillens. Die Ergebnisse der Übersichtsarbeit deckten eine Reihe von Mythen auf, die in verschiedenen Gesundheitssystemen weit verbreitet sind: Mythos 1: Kolostrum reicht für Neugeborene nicht aus Ein häufiger Grund für die Einführung von Säuglingsanfangsnahrung in den ersten Tagen nach der Geburt ist die Annahme, Kolostrum reiche nicht aus, um den Bedarf eines Neugeborenen zu decken. Die Übersichtsarbeit ergab jedoch, dass die Kolostrumproduktion bei gesunden, reifgeborenen Säuglingen physiologisch genau auf das Magenvolumen und den Nährstoffbedarf des Neugeborenen abgestimmt ist. „Die subjektive Wahrnehmung einer unzureichenden Milchmenge ist weltweit der am häufigsten genannte Grund für die frühe Einführung von Säuglingsanfangsnahrung und das vorzeitige Abstillen“, sagt Di Chiara. „Doch in den meisten Fällen spiegeln diese Bedenken eher unrealistische Erwartungen wider als ein tatsächliches Problem bei der Milchproduktion.“ Die Autoren weisen darauf hin, dass eine strukturierte, frühzeitige Zufütterung mit Säuglingsanfangsnahrung in Situationen mit eindeutiger medizinischer Notwendigkeit durchaus sinnvoll sein kann. Eine unnötige Zufütterung kann jedoch die Stimulation der Brust verringern, die Milchproduktion drosseln und die Sorge vor einer unzureichenden Versorgung verstärken – ein Teufelskreis, der die Etablierung des Stillens gefährden kann. Mythos 2: Schnuller beeinträchtigen das Stillen Viele Geburtsstationen schränken die Verwendung von Schnullern weiterhin ein, da die Sorge besteht, sie könnten das Stillen beeinträchtigen. Die Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien zeigen jedoch, dass die Verwendung von Schnullern bei gesunden, reifgeborenen Säuglingen weder die Dauer noch die Exklusivität des Stillens verringert. Während frühere internationale Leitlinien empfahlen, künstliche Sauger oder Schnuller zu vermeiden, konzentrieren sich neuere Empfehlungen eher auf eine informierte Entscheidung der Eltern als auf pauschale Einschränkungen. „Routinemäßige Einschränkungen bei der Schnullernutzung in Geburtskliniken sind durch die aktuelle Studienlage nicht gedeckt und sollten überdacht werden“, fügt Terrin hinzu. Mythos 3: Elektrische Milchpumpen sollten frühzeitig das Stillen unterstützen Elektrische Milchpumpen sind in der Wochenbettbetreuung weit verbreitet und werden häufig empfohlen, um die Milchbildung anzuregen, die Milchproduktion zu beurteilen oder Milchvorräte anzulegen. Die Übersichtsarbeit ergab jedoch kaum Belege, die den routinemäßigen Einsatz elektrischer Pumpen in den ersten Tagen nach der Geburt rechtfertigen würden. In einigen Fällen kann ein früher Einsatz der Pumpe die Stillergebnisse sogar verschlechtern, indem er den Eindruck einer unzureichenden Milchmenge verstärkt. Wenn Milch gewonnen werden muss – etwa aufgrund von Schwierigkeiten beim Anlegen oder einer vorübergehenden Trennung von Mutter und Kind –, ist das Ausstreichen von Hand (manuelle Gewinnung) im Allgemeinen die bevorzugte Methode. „Auch wenn elektrische Milchpumpen in bestimmten klinischen Situationen eine wichtige Rolle spielen, sollten sie in den ersten Tagen nach der Geburt nicht als routinemäßiges Hilfsmittel beim Stillen betrachtet werden“, erklärt Terrin. Evidenzbasierte Stillunterstützung Auf der Grundlage ihrer Ergebnisse schlagen die Autoren fünf Schwerpunkte für die Stillunterstützung bei gesunden, reifgeborenen Säuglingen in den ersten 72 Stunden nach der Geburt vor: Bereitstellung realistischer Informationen in der Schwangerschaft über Kolostrummengen, das Magenvolumen von Neugeborenen und den zu erwartenden Gewichtsverlust. Bevorzugung des Ausstreichens von Hand als erste Maßnahme, wenn Milch gewonnen werden muss. Einführung strukturierter Protokolle für die Zufütterung von Säuglingsmilchnahrung, sofern medizinisch notwendig. Ersetzung routinemäßiger Schnullereinschränkungen durch eine ausgewogene, evidenzbasierte Beratung. Gewährleistung eines frühen Zugangs zu professioneller Stillberatung innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Geburt. Den Forschenden zufolge stehen diese vorgeschlagenen Anpassungen der aktuellen Praxis nicht im Widerspruch zu den bestehenden WHO-Leitlinien für ausschließliches Stillen. Vielmehr adressieren diese Empfehlungen hartnäckige Missverständnisse, die den Beginn und die Fortführung des Stillens beeinflussen und besonders in Gesundheitssystemen einkommensstarker Länder verbreitet sind. „Am meisten hat mich überrascht, wie oft gut gemeinte Ratschläge, die routinemäßig erteilt werden, der wissenschaftlichen Evidenz vorausgreifen. Kleine Veränderungen in diesen ersten drei Tagen könnten für Familien einen echten Unterschied machen“, resümiert Di Chiara. „Unsere Ergebnisse stellen das Ziel des ausschließlichen Stillens in den ersten sechs Monaten nicht infrage. Vielmehr zeigen sie praktische Möglichkeiten auf, die postnatale Betreuung besser an die bestmögliche Evidenz anzupassen und Familien in den entscheidenden Tagen nach der Geburt zu unterstützen – was zu besseren Stillergebnissen führen könnte.“ (lj/BIERMANN) Mehr zum Thema Stillen: Stillen könnte vor ADHS-Symptomen schützen Nationale Stillkommission aktualisiert Definitionen zum Stillen
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