Stillen könnte vor ADHS-Symptomen schützen

Symbolbild © Nicholas Felix/peopleimages.com/stock.adobe.com

Eine neue Studie der Universität Bergen zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Stillen bis zum Alter von sechs Monaten und einem verringerten Risiko für ADHS-Symptome im Alter von drei bis acht Jahren.

Muttermilch ist die wichtigste Nahrungsquelle für Säuglinge. Sie ist optimal auf das Kind abgestimmt und enthält zahlreiche Bestandteile, die das Wachstum und die Gehirnentwicklung fördern, darunter langkettige Fettsäuren, Aminosäuren, Antikörper und nützliche Bakterien.

„Es ist hinlänglich bekannt, dass psychiatrische Symptome und Störungen sowohl durch genetische als auch durch Umweltfaktoren beeinflusst werden können“, erklärt Berit Skretting Solberg, Psychiaterin und Forscherin am Institut für Biomedizin der Universität Bergen sowie Oberärztin am Betanien-Krankenhaus.

In der Wissenschaft besteht großes Interesse daran zu verstehen, wie sich Muttermilch und Stillen auf die Gehirnentwicklung und das Immunsystem des Säuglings auswirken. Gemeinsam mit ihren Koautoren untersuchte Solberg daher den Zusammenhang zwischen der Dauer des ausschließlichen Stillens (bis zu einem Alter von sechs Monaten) und dem Risiko des Kindes, ADHS-Symptome zu entwickeln. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ veröffentlicht.

Weniger ADHS-Symptome im Alter von drei, fünf und acht Jahren

Die Studie stützte sich auf Daten von 37.600 Familien, die an der norwegischen Kohortenstudie „Norwegian Mother, Father and Child Cohort Study“ (MoBa) teilnahmen. Die Mütter gaben sechs Monate nach der Geburt per Fragebogen Auskunft über die Dauer des ausschließlichen Stillens, des Teilstillens sowie den Zeitpunkt der Einführung anderer Flüssigkeiten oder fester Nahrung. Anhand dieser Daten wurde berechnet, wie viele Monate das jeweilige Kind ausschließlich gestillt wurde.

„Wir haben festgestellt, dass die Ausprägung von ADHS-Symptomen im Alter von drei, fünf und acht Jahren umso geringer war, je länger ein Kind ausschließlich gestillt wurde (bis zu sechs Monate)“, berichtet Solberg.

Dieser Zusammenhang zeigte sich sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen; er war im Alter von drei und fünf Jahren am stärksten ausgeprägt und im Alter von acht Jahren etwas schwächer. Jede Form des Stillens zeigte eine Wirkung, doch der Effekt verstärkte sich mit der Dauer und Intensität des Stillens und war bei ausschließlichem Stillen bis zu sechs Monaten am stärksten.

Deutlicher, aber moderater Effekt nach Bereinigung der Daten

ADHS ist teilweise auf genetische Faktoren zurückzuführen. So ist beispielsweise bekannt, dass Mütter mit ADHS-Symptomen seltener stillen als andere und eher Kinder mit ADHS-Symptomen haben. Gleichzeitig kann es schwieriger sein, Kinder mit ADHS-Symptomen zu stillen.

„Dies könnte den Zusammenhang zwischen kürzerer Stilldauer und verstärkten ADHS-Symptomen bei Kindern teilweise erklären“, sagt Solberg. Um mögliche ursächliche Zusammenhänge besser zu verstehen, berücksichtigte die Studie das bekannte genetische Risiko für ADHS sowie soziodemografische Faktoren. Zudem wurden Geschwisteranalysen durchgeführt, bei denen verschiedene Stillmuster innerhalb derselben Familie verglichen wurden.

„Selbst nach diesen Bereinigungen zeigte sich ein deutlicher, wenn auch moderater Schutzeffekt der Dauer des ausschließlichen Stillens auf spätere ADHS-Symptome“, erklärt Solberg.

Weitere Forschung zur Klärung der Kausalität erforderlich

Solberg weist darauf hin, dass die MoBa-Studie nicht vollständig repräsentativ für die norwegische Bevölkerung ist. Die Teilnehmenden verfügen tendenziell über einen höheren Bildungsstand; zudem stillen sie häufiger und länger als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Sie schließt daher nicht aus, dass der Effekt in Bevölkerungsgruppen, in denen das Stillen weniger verbreitet ist, sogar noch stärker ausfallen könnte. „Wie bei anderen Beobachtungsstudien ist es schwierig, eindeutige Schlussfolgerungen hinsichtlich der Kausalität zu ziehen“, sagt Solberg und betont die Notwendigkeit weiterer Forschung.

Gleichzeitig merkt sie an, dass die Ergebnisse darauf hindeuten, dass neben der Genetik auch andere Faktoren das ADHS-Risiko beeinflussen könnten: „In unserer Gesellschaft ist die Vererbung wahrscheinlich der stärkste Risikofaktor für ADHS. Da ADHS – wie andere neuroentwicklungsbedingte Störungen – jedoch von vielfältigen Faktoren beeinflusst wird, legen unsere Ergebnisse nahe, dass auch die Stilldauer dazu beitragen kann, kleine Kinder vor der Entwicklung von ADHS-Symptomen zu schützen.“

(lj/BIERMANN)

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

ADHS besser verstehen: Forscher entwickelt neues Erklärmodell EHDH

Bewegung, die Gehirn und Körper trainiert, hilft bei ADHS-Symptomen