Umgebung und Sensibilität eines Kindes bestimmen sein ADHS-Risiko

Studienleiterin Prof. Andrea Berger (Foto: Dani Machlis/BGU)

Kinder mit einem erhöhten Risiko für ADHS profitieren von einem unterstützenden häuslichen Umfeld. Das geht aus einer Langzeitstudie israelischer Wissenschaftler hervor. Die Forschenden sehen hierin eine Möglichkeit für frühzeitige präventive Interventionen.

Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass manche Kinder empfindlicher auf ihr Betreuungsumfeld reagieren als andere. Die Langzeitstudie der Ben-Gurion-Universität des Negev (Israel) untersuchte daher die Rolle der Umweltsensibilität bei der Entwicklung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und konzentrierte sich dabei auf die frühzeitige Erkennung während der Neugeborenenphase.

Die in „Infant and Child Development“ veröffentlichte Studie begleitete 95 israelische Jungen, die sich aufgrund der ADHS-Symptome ihrer Eltern in ihrer Wahrscheinlichkeit, ADHS zu entwickeln, unterschieden, von der Geburt bis zum Alter von 7 Jahren.

Risikofaktoren wirken sich nicht auf alle Kinder gleich aus

Unter der Leitung von Prof. Andrea Berger und Prof. Judith G. Auerbach (BGU) sowie Dr. Tzlil Einziger fanden die Forscher heraus, dass sowohl das Temperament des Neugeborenen als auch die ADHS-Symptome der Eltern die Korrelation zwischen dem frühen häuslichen Umfeld (gemessen im Alter von 54 Monaten) und den exekutiven Funktionen des Kindes (EF; gemessen im Alter von 7 Jahren) mit mittleren Effektstärken moderierten (doppelte Moderation; ΔR2 = 0,12, β = 0,32 bzw. 0,28). Bei Kindern mit erhöhten Werten sowohl bei den ADHS-Symptomen der Eltern als auch bei der Neugeborenen-Impulsivität war ein reichhaltiges und unterstützendes häusliches Umfeld ein starker Prädiktor für eine bessere kognitive Funktion im Alter von sieben Jahren, was wiederum mit weniger ADHS-Symptomen im späteren Kindes- und Jugendalter verbunden war. Aufgrund dieser Sensibilität profitierten sie am meisten von einem unterstützenden Umfeld – und wurden durch ein weniger bereicherndes Umfeld stärker negativ beeinflusst.

Chance für frühzeitige präventive Maßnahmen

„Es gibt nicht einfach nur ‚empfindliche‘ und ‚unempfindliche‘ Kinder“, erklärte Berger. „Sensibilität existiert auf einem Kontinuum, das durch die Interaktion zwischen dem Temperament des Kindes und den Eigenschaften der Eltern geprägt ist.“

„Dieses Verständnis kann dabei helfen, das frühe Umfeld so zu gestalten, dass es Kinder, die es am meisten brauchen, besser unterstützt“, schließt Auerbach.

Eine sehr frühzeitige und genaue Erkennung der Empfindlichkeit gegenüber der Umgebung kann frühzeitige präventive Maßnahmen zur Abschwächung der Entwicklung von ADHS-Symptomen erleichtern.