Unterschiedliche Mechanismen beeinflussen das Demenzrisiko bei Depression

Ältere Frau testet ihre kognitiven Fähigkeiten. (Foto: © Microgen – stock.adobe.com)

Spätmanifeste depressive Symptome erhöhen nachweislich das Risiko für kognitive Einbußen und Demenzerkrankungen im Alter. Zwei Arbeiten aus China liefern nun unabhängig voneinander unterschiedliche biochemische Erklärungsansätze für diesen Zusammenhang.

Forschende um Erstautor Shuai Chen von der Zhengzhou-Universität hatten im Rahmen einer populationsbasierten Querschnittsstudie die Rolle von Alzheimer-assoziierten Plasma-Biomarkern beim Zusammenspiel von depres­siven Symptomen und Kognition untersucht.1 Die Arbeitsgruppe analysierte hierzu die klinischen Daten und biochemischen Profile von 11.059 älteren Erwachsenen der ­chinesischen ASAP-Kohorte (Alzheimer‘s Disease Screening and Prediction). Bei diesen wurden die depressiven Symptome mit dem Patient Health Questionnaire-2 (PHQ-2) erfasst, die Kognition mit der Memory-and-Executive Screening(MES)-Skala bestimmt und die Plasmaspiegel von p-Tau217, GFAP und der Neurofilament-Leichtkette (NfL) gemessen.

Die statistische Auswertung zeigte, dass höhere PHQ-2-Werte unabhängig mit schlechteren kognitiven Leistungen assoziiert waren (beta = -0,83; 95 %-KI -1,16 bis -0,49; p < 0,001) und eine depressive ­Symptomatik das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen deutlich erhöhte (OR 1,63; 95 %-KI 1,33–1,99; p < 0,001).

Obwohl alle drei Plasma-Biomarker signifikant mit kognitiven Defiziten korrelierten, stand keiner von ihnen in einer direkten Beziehung zur depressiven Symptomatik. Auch ein vermittelnder Effekt der Biomarker ließ sich in Mediationsanalysen nicht nachweisen. Inter­aktionsanalysen identifizierten jedoch den loga­rithmisch transformierten Wert des Astrozytenmarkers saures Gliafaserprotein (lnGFAP) als starken Krankheitsmodifikator: Bei höheren ­lnGFAP-Werten war die Assoziation zwischen depressiven Symptomen und kognitiven Defiziten signifikant (ORInteraktion 1,14; 95 %-KI 1,04–1,24; p = 0,005). Der Inter­aktions­effekt wurde ab einem ­lnGFAP-Schwellenwert von 4,17 statistisch signifikant. Entsprechend könnte GFAP im Plasma als potenzieller Biomarker zur Identifizierung von Hochrisikogruppen unter Personen mit Depressionen dienen, die anfälliger für ­kognitiven Verfall sind, resümieren die Autoren.

p-Tau217-Spiegel deuten auf pathophysiologische Relation

Auf einen direkt vermittelnden biologischen Erklärungsansatz für den Zusammenhang zwischen Depres­sionen und kognitivem Verfall deutet hingegen eine Untersuchung von Yuhan Chen und Kollegen von der Hebei Medical University in Shijiazhuang hin.2 Die Forscher hatten die Daten von 615 Teilnehmern der ­US-amerikanischen ADNI-Kohorte (Alzheimer‘s Disease Neuroimaging Initiative) analysiert, von denen 374 an minimalen depressiven ­Symptomen (MDS) litten. Als blut­basierte Biomarker wurden ebenfalls p-Tau217, das Aβ42/Aβ40-Verhältnis, NfL und GFAP heran­gezogen.

Im direkten Vergleich wiesen Personen mit MDS signifikant erhöhte Plasma-p-Tau217-Spiegel (mittlere Differenz = 0,105; 95 %-KI 0,046–0,163; p < 0,001) sowie ein reduziertes Aβ42/Aβ40-Verhältnis auf (mittlere Differenz = -0,024; 95 %-KI -0,041 bis -0,006; p = 0,007). Diese Effekte zeigten sich vor allem bei noch nicht dementen Teilnehmern und hingen von Alter, Geschlecht sowie dem APOE-ε4-Status ab. Mediationsanalysen ergaben eine pathophysiologische Verknüpfung: Plasma-p-Tau217 vermittelte 41,6–42,2 % des Zusammenhangs zwischen minimaler Depression und kognitiver Beeinträchtigung, während das Aβ42/Aβ40-Verhältnis 7,13–8,45 % dieser Assoziation erklärte. (ej/BIERMANN)