Urin-Biomarker könnten Auswahl von Spendernieren verbessern1. September 2026 Ein Urintest könnte dabei helfen, den Zustand von Spendernieren schneller und besser zu beurteilen. Bildquelle: Blue Rain/stock.adobe.com Eine Studie der Johns Hopkins University zeigt, dass die Kombination aus drei Urin-Biomarkern und dem etablierten Kidney Donor Profile Index (KDPI) die Prognose der langfristigen Transplantatfunktion verbessern kann. Dadurch könnten möglicherweise mehr Spendernieren transplantiert und unnötige Organbiopsien vermieden werden. Mehr als 92.000 Menschen in den USA warten derzeit auf eine Nierentransplantation1. In Deutschland warteten nach Angaben von EuroTransplant im Juli 2026 immerhin 5.620 Menschen auf eine Spenderniere2. Gleichzeitig wird jedes Jahr fast eine von vier entnommenen Spendernieren nicht transplantiert, weil die behandelnden Teams die Qualität des Organs nicht sicher einschätzen können. Bei der Beurteilung von Spendernieren spielt der Kidney Donor Profile Index (KDPI) eine maßgebende Rolle. Der Index schätzt das Risiko eines Spenderorgans vor allem anhand des Alters und der Krankengeschichte des verstorbenen Spenders. Seine Fähigkeit, den langfristigen Erfolg einer Transplantation vorherzusagen, gilt jedoch seit Längerem als begrenzt. Eine neue Studie der Johns Hopkins Medicine deutet nun darauf hin, dass Biomarker aus dem Urin zusätzliche Informationen über den tatsächlichen Zustand der Spenderniere liefern könnten. Dadurch könnten möglicherweise mehr Spenderorgane transplantiert werden. Die Ergebnisse wurden jüngst im „Journal of the American Society of Nephrology“ veröffentlicht. Drei Biomarker verbessern die Prognose In der multizentrischen Beobachtungsstudie untersuchten die Forschenden verstorbene Nierenspender, die zwischen 2010 und 2013 über fünf Organisationen zur Organbeschaffung erfasst worden waren. Insgesamt analysierten sie 474 Spender, deren Nieren jeweils zwei unterschiedlichen Empfängern transplantiert wurden. Die Empfänger wurden über einen Zeitraum von drei Jahren nachbeobachtet. Ziel der Wissenschaftler war es, genauer zu bestimmen, welchen Einfluss die Qualität der Spenderniere auf die langfristige Transplantatfunktion hatte. Das Ergebnis: Die Kombination des KDPI mit drei Urin-Biomarkern – Uromodulin, Osteopontin und YKL-40 – verbesserte die Vorhersage, welche Spendernieren langfristig gut funktionieren würden. Die Genauigkeit stieg von 80 Prozent bei Verwendung des KDPI allein auf 86 Prozent bei Einbeziehung der Biomarker. Auch die Identifizierung von Nieren mit voraussichtlich günstigem Verlauf verbesserte sich um zehn Prozentpunkte. Dabei blieb die Spezifität bei 78 Prozent. Urin-Biomarker liefern schnelle Zusatzinformationen „Bisher haben wir Spendernieren fast ausschließlich anhand der Krankengeschichte des Spenders bewertet – anhand seines Alters, seiner Diagnosen und eines einzelnen Kreatininwerts“, erklärt Dr. Chirag R. Parikh, Direktor der Abteilung für Nephrologie an der Johns Hopkins University School of Medicine und Seniorautor der Studie. „Die drei Biomarker können uns eine Information liefern, die der KDPI nicht erfasst: ob sich die Niere selbst aktiv regeneriert. Das erweist sich als deutlich besserer Prädiktor dafür, wie die Niere bei einem Patienten funktionieren wird“, so Parikh. Ein wichtiger Vorteil des Verfahrens: Die drei Biomarker lassen sich nach Angaben der Forschenden mit kostengünstigen Urintests bestimmen, die ähnlich funktionieren wie Schwangerschaftstests für den Heimgebrauch. Die Point-of-Care-Tests liefern innerhalb von etwa 30 Minuten ein Ergebnis und könnten deshalb unmittelbar während der zeitkritischen Organentnahme eingesetzt werden. Denn wie die Studie zeigt, behielt die Biomarker-Kombination unabhängig davon eine gute prognostische Aussagekraft, ob klassische immunologische Labortests oder schnelle Lateral-Flow-Verfahren verwendet wurden. Weniger Biopsien, mehr verfügbare Spendernieren Anhand von Daten von mehr als 1.500 verstorbenen Spendern modellierten die Forschenden, welche Auswirkungen die Integration der drei Biomarker in die Beurteilung von Spendernieren haben könnte. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine biomarkergestützte Bewertung unnötige Nierenbiopsien bei etwa 20 Prozent der Spender vermeiden könnte. Zudem könnte bei rund sieben Prozent der Spender mindestens eine Niere wieder für eine Transplantation zur Verfügung gestellt werden, die andernfalls nicht verwendet worden wäre. Für Patientinnen und Patienten auf der Warteliste könnte dies einen erheblichen Vorteil bedeuten. „Jede gespendete Niere, die nicht transplantiert wird, bedeutet, dass ein Patient weiterhin auf die Dialyse angewiesen ist“, sagt Parikh. „Wenn ein kostengünstiger Test, der nur wenige Minuten benötigt, auch nur einen Teil dieser Organe wieder für Transplantationen verfügbar machen kann, ist das für die Menschen, die auf eine Niere warten, von enormer Bedeutung.“ Wichtiger Schritt in Richtung Präzisionsmedizin Die Integration von Urin-Biomarkern in die routinemäßige Spenderdiagnostik könnte damit zu besseren Transplantationsentscheidungen, weniger ungenutzten Spendernieren und letztlich zu mehr lebensrettenden Nierentransplantationen beitragen. Die Ergebnisse sind aufgrund des beobachtenden Studiendesigns allerdings noch nicht ausreichend, um das Verfahren unmittelbar zum Standard zu machen. Als nächsten Schritt wollen die Forschenden den Ansatz deshalb prospektiv und in Echtzeit direkt am Ort der Organspende untersuchen. Dennoch sehen die Forschenden in ihren Ergebnissen einen wichtigen Schritt hin zu einer stärker personalisierten und präziseren Nierentransplantationsmedizin. Anstelle einer Bewertung, die sich überwiegend auf Alter und Krankengeschichte des Spenders stützt, könnten künftig auch aktuelle biologische Messwerte zum Zustand des Organs in die Entscheidung über dessen Verwendung einfließen. (mkl/BIERMANN) Referenzen: [1] American Kidney Fund. Transplant Waiting List[2] EuroTransplant. Monatliche Statistik, Juli 2026.
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