Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern durch Paracetamol in der Schwangerschaft?7. Oktober 2022 Foto: © SkyLine – stock.adobe.com Die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft kann zu Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen bei Kleinkindern führen. Das schlussfolgert ein Forschungsteam der Pennsylvania State University in einer Studie, die in dem Fachjournal „Plos One“ erschienen ist.1 Die Forschenden haben die Daten von insgesamt 2422 Mutter-Kind-Paaren untersucht, indem sie die Paracetamol-Einnahme der werdenden Mütter abfragten. Davon gaben 41,7 Prozent an, das Schmerzmittel während der Schwangerschaft eingenommen zu haben. Anschließend wurde das Verhalten der Kinder im Alter von drei Jahren anhand eines Elternfragebogens bewertet. Erfasst wurden sieben Problemskalen, darunter beispielsweise die emotionale Reaktivität, körperliche Beschwerden, Aufmerksamkeitsprobleme, aggressives Verhalten sowie Schlafprobleme. Nach einer Anpassung der Ergebnisse um potenzielle Störfaktoren, insbesondere einer übermäßigen Belastung von Mutter und Kind während der Schwangerschaft (pränataler Stress), stellten die Forscher eine signifikant erhöhte Chance für das Auftreten von Schlaf- und Aufmerksamkeitsproblemen bei einer pränatalen Paracetamol-Exposition fest. Paracetamol, in den USA auch als Acetaminophen geläufig, gilt in Deutschland als sicheres Schmerzmittel während der Schwangerschaft. Dennoch wird die Eignung zur Behandlung von Schwangeren immer wieder in Frage gestellt. Verschiedene Studien beschreiben erhöhte Risiken für das Auftreten von beispielsweise Asthma2, Aufmerksamkeitsproblemen3 und Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern4, deren Mütter Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen haben. Die Aussagekraft dieser Studien wird jedoch vielseitig diskutiert. So werde beispielweise nicht berücksichtigt, welche Rolle die Auslöser der Medikamenteneinnahme bei den Auffälligkeiten der Kinder spielt. Ebenso seien Faktoren wie etwa pränataler Stress oder Vorbelastungen der Eltern mit verhaltensneurologischen Auffälligkeiten häufig nicht mitberücksichtigt. In der vorliegenden Studie1 wird zwar pränataler Stress als Störfaktor mit eingerechnet, die Forschenden weisen dennoch auf eine Reihe von Limitationen hin. Zum einen beruhen die Daten zur Einnahme auf einem einmaligen Telefoninterview in der 35. Schwangerschaftswoche. Außerdem wurden weder die Dosis und die Häufigkeit noch der Zeitpunkt der Einnahme des Schmerzmittels während der Schwangerschaft berücksichtigt. Ebenso wurde das Verhalten der Kinder nicht von Lehrern und Lehrerinnen oder Ärztinnen und Ärzten beurteilt, sondern von den Müttern. „Die Daten der vorliegenden Studie stammen aus der First Baby Study (FBS), einer Längsschnitt-Kohortenstudie, die Erstgebärende in Pennsylvania rekrutierte. Das primäre Ziel der FBS war es, den Zusammenhang zwischen Entbindungsart und nachfolgender Geburt zu untersuchen. Das Studiendesign war also gar nicht für die Erfassung der Auswirkungen von Paracetamol auf die Nachkommen angelegt”, beurteilte Dr. Wolfgang Paulus, Oberarzt und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie am Universitätsfrauenklinik Ulm, die Studienergebnisse. Bei den Telefoninterviews sei nach der Einnahme von bis zu zehn Medikamenten in den vorausgegangenen Monaten gefragt worden, nach Dosis und Einnahmedauer sei nicht differenziert worden. “Vermutlich ließen sich diese Angaben auch nicht mehr retrospektiv erheben. Angesichts der unterschiedlichen Stadien der Sensibilität in der kindlichen Entwicklung wäre auch die Einnahmephase während der Schwangerschaft von Bedeutung. Dazu fehlen jedoch auch entsprechende Informationen”, erklärte Paulus. „Betrachtet man die Ergebnisse im Detail, bleiben nach Adjustierung für pränatalen Stress und andere Störfaktoren nur Schlafprobleme (adjustierte Odds Ratio (aOR) = 1,23; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,01–1,51) und Aufmerksamkeitsprobleme (aOR = 1,21; 95 %-KI 1,01–1,45) übrig. Und hier liegen die unteren Grenzen der Konfidenzintervalle mit 1,01 nur minimal über der Grenze zur Nichtsignifikanz. Damit besteht auch statistisch nur ein marginaler Zusammenhang. Eine kausale Verknüpfung zwischen Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft und neurologischen Defiziten der Kinder ist damit keinesfalls nachgewiesen.“ Paracetamol sei ein gut dokumentiertes, sicheres Analgetikum während der Schwangerschaft. Die Alternativen wie NSAIDs, die zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus und einer verminderten fetalen Nierendurchblutung führen, und Opioid-Analgetika, die mit postpartaler Sedierung und einem Opioid-Entzugssyndrom beim Neugeborenen verbunden sind, wiesen keine entscheidenden Vorteile auf, erklärte Paulus. „Insofern sollte man sich bis zum Vorliegen weiterer wissenschaftlicher Daten auf folgende Hinweise beschränken. Erstens: Der Einsatz von Paracetamol sollte in der Schwangerschaft so kurz und moderat dosiert wie möglich erfolgen. Zweitens, sollte stattdessen nicht zwangsläufig auf potentere Analgetika mit noch problematischerem Wirkungsprofil ausgewichen werden. Drittens: Die beobachteten Veränderungen in der Verhaltens- und Geschlechtsentwicklung sind in der Größenordnung nicht vergleichbar mit Schädigungen durch bekannte Teratogene (fruchtschädigende Stoffe; Anm. d. Red.) wie zum Beispiel Contergan. Viertens: Die vermehrte Aufklärung in medizinisch-pharmazeutischen Fachkreisen aber auch bei Laien sollte das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Paracetamol in der Schwangerschaft stärken.“
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