AMD-Netz-Forum: Versorgungsforschung – eine 360°-Sicht

Das AMD-Netz richtete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sein 8. Forum aus. Das Thema lautete diesmal: „Versorgungsforschung und AMD – eine 360°-Sicht: Theorie, Praxis und gelungene Beispiele“.

Das medizinisch-soziale Netzwerk AMD-Netz fasst wesentliche Aspekte aus den Vorträgen seines Forums im folgenden Bericht zusammen:
 
Prof. Martin Spitzer, Direktor der Augenklinik des UKE,  begrüßte zum 8. Forum des AMD-Netz Gäste aus Medizin, Wissenschaft sowie aus den Bereichen Rehabilitation und Selbsthilfe. Prof. Heribert Meffert stellte einleitend Meilensteine in der Entwicklung und Projekte des AMD-Netz bis heute vor. Partner und Akteure bewegen sich mit ihren Angeboten in einem Versorgungsnetz in einem Aktionsfeld zwischen Werten und Zielen, Daten, Verhalten und Rahmenbedingungen. „Das AMD-Netz ist heute auch gelebte Versorgungsforschung“, so sein Fazit, welches das Potenzial und zugleich die Motivation auch für diese Veranstaltung beschreibt.

Erfahrungen aus der Versorgungsforschung in der Dermatologie
Prof. Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie bei Pflegeberufen (IVDP), UKE Hamburg, berichtete über Erfahrungen aus der Dermatologie. Während klinische Forschung unter kontrollierten Bedingungen ablaufe, handele es sich in der Versorgungsforschung um Beobachtungsstudien unter Realbedingungen. Zentrale Fragen und Schwerpunkte der Versorgungsforschung beträfen daher die Prävalenz, Ursachen und Auswirkungen von Unter-, Über- und Fehlversorgung, die Interaktionen zwischen Diagnostik und Therapie, transsektorale Verläufe und komplexe Interdependenzen der Versorgung.
Augustin beschrieb den folgenden Datenbedarf zu Häufigkeit, Relevanz für Patienten/Krankheitslast, klinische Relevanz, ökonomische Bedeutung, Potenzial für Prävention, Qualität der Versorgung, leitliniengerechte Versorgung, Zugang zu Versorgung, Nutzen der Therapien, Wirtschaftlichkeit, Versorgungslücken und Fehlversorgungen. Bei Projekten zur Versorgungsforschung von Wunden wurden beispielsweise Daten aus Pflegeeinrichtungen, Kliniken und Praxen, Versorgungsnetzen, Internet und Medien, von Krankenkassen und KVen, aus Umfragen, Apotheken-Netzwerken sowie Betrieben und aus der Bevölkerung erhoben. Dermatologen sollten durch die Datenbeschaffung und die Datenkommunikation unterstützt werden, sodass Versorgung mitgestaltet und auch einzelne Praxen und Kliniken profitieren könnten. Am Praxisbeispiel Psoriasis in Deutschland erläuterte Augustin die Koordination von regionalen Netzen. Der Weg zu innovativen diagnostischen Verfahren, neuen operativen Techniken, neuen Arzneimitteln und Medizinprodukten und Telemedizin/eHealth könne in einer starken Versorgungsforschung, in der Beteiligte Geschlossenheit zeigten, vorangetrieben werden. Für die Facharztmedizin bedeute dies Versorgungsdaten und Argumentationshoheit zu haben, Leistungsfähigkeit belegen und die Qualität sichern sowie mitgestalten zu können. Es gehe um Zukunftssicherung und Patientenorientierung.

Benchmark für die AMD-Therapie
Das vorgestellte Modell aus der Dermatologie könne als Benchmark und Vorlage für die Augenheilkunde und die AMD im Speziellen dienen, so Prof. Daniel Pauleikhoff vom Augenzentrum am St.-Franziskus-Hospital Münster, der die Beziehung zwischen experimenteller Grundlagenforschung, klinischer Grundlagenforschung und Versorgungsforschung darlegte. Die Versorgungsforschung solle unter anderem dazu beitragen, Versorgungsprobleme aufzuzeigen, Verbesserungsmodule zu entwickeln und diese in die Umsetzung und kassenrechtliche „Implementierung“ zu begleiten. Es gehe um eine Zukunftsentwicklung, aber auch um das eigene Qualitätsmanagement.
Bei der Anti-VEGF-Therapien der exsudativen AMD erfolgen zum einen institutionsspezifische Analysen und Datenaustausch mit Zuweisern. Zum anderen tragen Versorgungsanalysen sowie „Best-practice“- Modelle bei, in die auch „Case-Management“-Module des AMD-Netzes einbezogen werden wie beim Q-Vera-Pilotprojekt der KVWL. Als Erfolgsfaktoren für eine gute Compliance nannte Pauleikhoff Betreuung und Beratung durch geschulte MFA sowie kontinuierliche Informationen und Hilfen für Patienten und Angehörige. Die Wichtigkeit der Versorgungsforschung belegten Beobachtungen unter Realbedingungen wie die ORCA/OCEAN-Studie, die über Fehlindikationen, tatsächlich durchgeführte Injektionen, OCT-Untersuchungen und Non-Compliance, sprich „Patientenverluste“, Auskunft geben könnten.

Praxisbeispiel Q-Vera-Projekt
Andrea Wauligmannvom AMD-Netz stellte als ein Praxisbeispiel das Projekt Q-Vera, das zusammen mit der KVWL durchgeführt wird, als einen Versorgungsnetzansatz für AMD-Patienten vor. Erfasst werden Patienten in verschiedenen Erkrankungsstadien, die spezifisch zusammengestellt Maßnahmenpakete erhalten. Ziele bestehen in der Bereitstellung von Informationen für Betroffene und Angehörige, der Koordination an Schnittstellen sowie in der Qualitätssicherung im Versorgungsprozess auch im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit. Patienten erhalten standardisierte und einfach zu generierende Patientenhandouts mit individualisierten Informationen in ihrer Augenarztpraxis. Informationsveranstaltungen für Patienten werden angeboten und medizinische Fachangestellte geschult. Bisher seien 1464 Patienten aus 12 augenärztlichen Praxen in Westfalen-Lippe eingeschlossen. Das Projekt startete im Januar 2017 mit geplanter zweijähriger Laufzeit.

Hamburg City Health Study
Dr. Robert Kromer, UKE Hamburg, berichtete über die Hamburg City Health Study (HCHS). Sie sei die größte lokale Gesundheitsstudie der Welt und fände auf Initiative des UKE statt. In diesem Projekt arbeiteten über 30 Kliniken und Institute des UKE zusammen, um interdisziplinär für die Medizin von morgen zu forschen. Die HCHS wurde von Hamburgern für Hamburger entwickelt, um die Gesundheit der Stadt zu stärken. Des Weiteren soll die HCHS wichtige Erkenntnisse liefern, mit deren Hilfe Erkrankungen künftig besser vorgebeugt und Menschen noch individueller behandelt werden können. Nach einer Pilotstudie startete die Hauptstudie im September 2015. 45.000 Hamburger im Alter von 45 bis 74 Jahren wurden untersucht mit einer Untersuchungsdauer von sechs Stunden ohne Wartezeit. Erste Ergebnisse wurden 2016 präsentiert; Längsschnitt-Erkenntnisse sind ab 2021 zu erwarten.

Projekt AMD-CARE
Anne Thier vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg präsentierte das von der Friebe Stiftung geförderte Projekt AMD-CARE. Ziel der Studie sei die Identifikation von Barrieren und Schwierigkeiten von älteren AMD-Patienten im Alltag und bei der Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten außerhalb des medizinischen Sektors. Dabei umfassen Forschungsfragen zum einen die Perspektive von Betroffenen, zum anderen wird der spezifische Wissensstand von Augenärzten und Augenoptikern über hilfsmittelbezogene und psychosoziale Versorgungsangebote geprüft. Erkenntnisse aus beiden „Armen“ sollen zu Strategien zur Verbesserung der Dissemination und des Wissens über Beratungsangebote führen. AMD-CARE werde aus diesen Forschungsergebnissen Strategien entwickeln, die die Verbreitung und das Wissen über hilfsmittelbezogene und psychosoziale Beratungsangebote durch Augenärzte, Augenoptiker, aber auch Allgemeinmediziner und andere im Gesundheitswesen Tätig fördern, so Thier zu dem noch bis 2020 laufenden Projekt.

Digitalisierung als Chance für die Versorgungsforschung
PD Klaus-Dieter Lemmen, der erste Vorsitzende des AMD-Netz, unterstrich abschließend die wertvollen Erfahrungen aus der Dermatologie und den großen Studien wie der Hamburg City Health Study. Es seien eine große Sinnhaftigkeit und gute Möglichkeiten für die AMD-Versorgungsforschung in Deutschland gegeben, Initiativen seien bereits gestartet und Strukturen geschaffen worden. Die Digitalisierung trage auch hier entscheidend zu den Zukunftsaussichten bei. Das AMD-Netz könne hierbei koordinieren und Prozesse unterstützen, so Lemmen.

Quelle: AMD-Netz (www.amd-netz.de)

 

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