Verspätet gestartete Zugvögel legen einen Zahn zu6. November 2026 Zu den Vögeln, deren Flugdaten in die Studie einflossen, zählten auch Rubinkehlchen wie dieses Exemplar aus Sibirien. Foto: © Wieland Heim Im Jahreszyklus von Zugvögeln gibt es starke zeitliche Kopplungen. Das hat ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Oldenburg in einer groß angelegten Studie mit Daten von mehr als 2.000 Individuen aufgedeckt. Die Forschenden berichten in der Zeitschrift „Nature Ecology and Evolution“, dass es interessante Muster bei den Wanderzeiten gibt. Vögel, die etwa im Überwinterungsgebiet verspätet starten, kommen auch später im Brutgebiet an und brechen im Herbst ebenfalls mit Verzögerung auf. Die Erkenntnisse könnten dabei helfen, Zugvögel besser zu schützen, deren Bestände weltweit stark abnehmen. Wahrheit und Legendenbildung Nach der Ankunft der Mauersegler kann man fast die Uhr stellen. Jedes Jahr tauchen sie pünktlich am 1. Mai in Mitteleuropa auf, und am 1. August sind sie wieder verschwunden. So zumindest die Legende. In Wirklichkeit treffen im Frühjahr nicht alle Tiere gleichzeitig in den Brutgebieten ein. Und auch im Herbst fliegen manche Mauersegler etwas später als andere in die Überwinterungsgebiete. Wie die verschiedenen Ereignisse im Jahreszyklus von Zugvögeln generell zusammenhängen, hat nun ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Oldenburg untersucht.Die Forschenden unter Leitung von Dr. Vojtěch Brlík von der Karlsuniversität in Prag (Tschechien) berichten, dass die Wanderzeiten im Jahresverlauf zusammenhängen. Vögel, die im Überwinterungsgebiet verspätet starten, kommen auch später im Brutgebiet an und brechen im Herbst ebenfalls mit Verzögerung auf. „Es gibt starke zeitliche Kopplungen bei den Wanderzeiten der Zugvögel“, erklärt Hauptautor Brlík. Es sei wichtig, diese Zusammenhänge besser zu verstehen, um Zugvögel gezielter zu schützen, deren Bestände weltweit stark abnehmen. Daten von 2324 Tieren aus 83 Arten von sechs Kontinenten ausgewertet Die Forschenden trugen für die Studie Flugdaten von 2.324 Individuen zusammen. Die Tiere gehörten zu 83 unterschiedlichen kleinen Zugvogelarten auf sechs Kontinenten. Die meisten dieser Vögel waren mit sogenannten Helldunkelgeolokatoren ausgestattet, um ihre Wanderrouten und -zeiten aufzuzeichnen. Diese weniger als ein Gramm schweren Messgeräte registrieren die Lichtstärke und sind mit einer Uhr ausgestattet. Daraus lässt sich die Position des Vogels zu einem bestimmten Zeitpunkt ermitteln. „Geolokatoren übertragen keine Daten. Daher müssen wir Forschenden ein Individuum, das wir mit so einem Gerät ausgestattet haben, nach einem Jahr erneut fangen, um die Daten aus dem Gerät auszulesen“, erklärt Brlík.Prof. Heiko Schmaljohann vom Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg berichtet: „Um einen einzigen Datensatz zu gewinnen, muss man viele Stunden Feldarbeit investieren.“ Der Migrationsökologe war gemeinsam mit Prof. Miriam Liedvogel, Professorin für Ornithologie an der Universität Oldenburg und Direktorin des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven, sowie Dr. Wieland Heim, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften, an der Studie beteiligt. Die drei Oldenburger Forschenden trugen etwa Flugdaten von Mönchsgrasmücken in Europa zu der Studie bei. Außerdem sammelten sie unter anderem auch die Daten von Steinschmätzern in Alaska und Rubinkehlchen in Sibirien. Zeit zum Teil wieder reingeholt Der umfangreiche Datensatz machte es erstmals möglich, nach allgemeinen zeitlichen Mustern im Jahreszyklus des Vogelzugs zu suchen. Die Analyse zeigte, dass zeitliche Kopplungen weit verbreitet sind. „Dass ein Ereignis zeitlich mit einem anderen zusammenhängt, sehen wir sowohl bei Individuen innerhalb einer Population als auch bei verschiedenen Populationen der gleichen Art und bei verschiedenen Arten“, erklärt Brlìk. Die Forschenden fanden beispielsweise heraus, dass Vögel, die im Frühjahr oder Herbst verspätet zu ihrer Wanderung aufbrachen, einen Teil dieser Verspätung wieder aufholten. Im Durchschnitt konnten Tiere, die mit einer zehntägigen Verspätung im Herbst losflogen, sechs Tage wettmachen. Im Frühjahr war es ähnlich. So kamen sie allerdings immer noch nach den pünktlich gestarteten Artgenossen an. Dies könnte mögliche Nachteile bei der Suche nach den besten Brutplätzen oder Nahrungsgründen mit sich bringen.Ein weiteres Ergebnis: Die Forschenden stellten fest, dass zwischen dem Zeitpunkt der Ankunft im Überwinterungsgebiet und dem Abflug im nächsten Frühjahr kein zeitlicher Zusammenhang besteht. In den Überwinterungsgebieten verbrachten Zugvögel den größten Teil des Jahres, im Schnitt 161 Tage. „Unsere Daten zeigen, dass es dort gewissermaßen einen zeitlichen Neustart gibt“, erklärt Heim. Dafür könnten unterschiedliche Mechanismen verantwortlich sein, so der Forscher. Lokale Bedingungen wie Nahrungsverfügbarkeit, Wetter, die Konkurrenz zu anderen Zugvögeln oder ein Wechsel zwischen unterschiedlichen Überwinterungsgebieten könnten für den Abflug im Frühjahr eine größere Rolle spielen als die Ankunft einige Monate zuvor.Weitere Faktoren, die die Stärke der zeitlichen Kopplungen beeinflussten, waren etwa die Zugdistanz, das Geschlecht, oder das Körpergewicht der Tiere. Angesichts der rasch abnehmenden Zugvogelbestände weltweit halten es die Forschenden für unerlässlich, zu ermitteln, wie sich Störungen des jährlichen Wanderzyklus auf die Fitness der Zugvögel auswirken. Schmaljohann betont: „Um die Tiere zu schützen, müssen wir herausfinden, ob lokale Störungen möglicherweise das Überleben von Zugvögeln an weit entfernten Orten beeinträchtigen.“
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