Verstärkung im Versuchstierschutz: Mit weniger Tieren und Leid zu besseren Aussagen

Eine vom BfR und der Freien Universität Berlin neu geschaffene Professur stärkt den Kompetenzbereich „Verminderung der Belastung und Verbesserung der Lebenssituation“ des Deutschen Zentrums für den Schutz von Versuchstieren (Bf3R).

Sind Tierversuche genehmigt, dann müssen – ohne die Aussagekraft des Experiments zu gefährden – das Leiden, die Schmerzen und die Zahl der notwendigen Tiere pro Versuch so weit wie möglich verringert werden. Dazu soll das Deutsche Zentrum für den Schutz von Versuchstieren (Bf3R), dessen Aufgaben das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wahrnimmt, in erheblichem Maße beitragen.

„Wir haben aus diesem Grund den Kompetenzbereich Verminderung der Belastung und Verbesserung der Lebenssituation von Versuchstieren etabliert“, sagt BfR-Präsident Prof. Andreas Hensel anlässlich der Berufung von Prof. Lars Lewejohann auf die gemeinsam von BfR und Freier Universität Berlin eingerichtete Professur für „Tierschutz mit dem Schwerpunkt Refinement in der Versuchstierkunde“.

Das Forschungsfeld des Kompetenzbereichs „Verminderung der Belastung und Verbesserung der Lebenssituation von Versuchstieren“, in dem Lewejohann tätig ist, umfasst alle Maßnahmen zur Reduzierung der Belastung bei Versuchstieren. Ermittelt werden fernerhin objektive Kriterien zur Einschätzung der Belastung von Tieren im Tierversuch.

Beim sog. „Refinement“ geht es insgesamt darum, diejenigen Tierversuche, die nicht durch Alternativmethoden zu ersetzen sind, zu verbessern. Eine Verbesserung bedeutet in diesem Fall zum einen eine Verbesserung der Haltungs- und Versuchsbedingungen für die Tiere, zum anderen aber auch eine Verbesserung des Versuchsdesigns. Nur Versuche, deren Ergebnisse nach hohen wissenschaftlichen Standards valide sind, rechtfertigen es, dass hierfür Tiere genutzt werden.

Zur Rechtfertigung von begründeten Tierversuchen gehört es bei der Antragstellung auch, dass von den Wissenschaftlern abgeschätzt wird, wie belastend der Versuch für das Tier vermutlich ist. Für diese Abschätzung gibt es allerdings derzeit nur wenige wissenschaftlich begründete Kriterien.

In einem Forschungsprojekt am BfR geht es aktuell darum, neue Kriterien für die Belastung von Versuchstieren wissenschaftlich zu erarbeiten. Grundlage dieser Kriterien sind neue Erkenntnisse aus der Verhaltensbiologie. Hierzu führen die Wissenschaftler Wahlversuche durch, in denen die Tiere „labormausrelevante“ Parameter selbst bewerten. So können sie zum Beispiel zwischen verschiedenen Futtersorten oder Einstreuvarianten wählen. In anderen Versuchen wird anhand der geleisteten Arbeit in Form von Hebeldrücken gemessen, wie wichtig den Tieren bestimmte Ressourcen, wie z.B. Nestmaterial, sind. Aus beiden Parametern kann man schließen, ob sich die Tiere wohlfühlen oder nicht. Durch die Kopplung vieler solcher Verfahren wird dann eine Skala erstellt, die in Zukunft das subjektive (Bauch-)Gefühl bei der Angabe der möglichen Belastung durch objektivere, beobachtbare und messbare Parameter ersetzen soll.

Lewejohann hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Fach Biologie das Thema „Refinement“ am Beispiel verschiedener Mäusestämme, die für Tierversuche eingesetzt werden, aus der Sicht der Verhaltensbiologie erforscht. Für das Refinement waren hierbei besonders automatisierte Datenaufnahmeverfahren und Studien zur Reproduzierbarkeit von Verhaltensuntersuchungen von Bedeutung. Neben der Leitung einer Fachgruppe im BfR wirdLewejohann sein Wissen und neue Erkenntnisse als Hochschullehrer für „Tierschutz mit dem Schwerpunkt Refinement“ an der veterinärmedizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin an Studierende und Doktoranden weitergeben.

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