Vertrauen ist Kopfsache22. Oktober 2019 Foto: ©New Africa – stock.adobe.com Eine intakte basolaterale Amygdala ist notwendig, um einer Person Vertrauen zu schenken. Zu diesem Ergebnis ist ein Team von Psychologinnen und Psychologen der Universität Wien gekommen, nachdem sie die Vertrauensbildung bei Patientinnen mit dem seltenen Urbach-Wiethe-Syndrom erforscht hatten. Vertrauen ist ein Grundbaustein für unsere Beziehungen mit anderen. Ein naives Vertrauen führt zu Ausbeutungen; extremes Misstrauen manifestiert sich in psychischen Erkrankungen wie der paranoiden und der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Eine genaue Identifizierung der Bausteine des Gehirnnetzwerks, das die Vertrauensbildung reguliert, ist notwendig, um neue medizinische Behandlungen entwickeln zu können. Die Forscher hatten Patientinnen mit dem Urbach-Wiethe-Syndrom untersucht. Dieses ist eine genetisch bedingte, äußerst seltene Krankheit mit weltweit nur ungefähr 100 bekannten Fällen, von denen ein Großteil in Südafrika vorkommt. Für das Forschungsprojekt hat das Team dort bei fünf Patientinnen Daten erhoben. Die Gehirnschädigungen der Patientinnen sind ausschließlich auf eine Teilregion der Amygdala, die sogenannte basolateralen Amygdala, beschränkt – eine solche spezifische Gehirnschädigung ist einzigartig in der menschlichen Hirnforschung. In der Studie wurde ein Verhaltensexperiment durchgeführt – das sogenannte Vertrauensspiel, bei dem die Teilnehmerinnen bei ökonomischen Interaktionen lernen, dass einer großzügigen Mitspielerin zu vertrauen ist und einer selbstsüchtigen Mitspielerin nicht. Die Urbach-Wiethe-Patientinnen mit der basolateralen Amygdala-Schädigung konnten das nicht lernen und behandelten die großzügige und die selbstsüchtige Mitspielerin gleich. “Wir haben mithilfe von Kontrollmessungen gezeigt, dass die Schädigung der basolateralen Amygdala – und nicht etwa allgemeine Lernprobleme oder der sozioökonomische Status – für die Defizite bei der Vertrauensbildung der Probandinnen verantwortlich ist”, sagte Lisa Rosenberger. Durch die defekte basolaterale Amygdala wurden Informationen über die Vertrauenswürdigkeit der Mitspieler nicht an die notwendigen Regionen des involvierten Gehirnnetzwerkes weitergeleitet, wodurch die Patientinnen ihr Vertrauen gegenüber den Mitspielerinnen nicht verändern konnten. Die Ergebnisse der Studie erweitern die Kenntnisse über das Gehirnnetzwerk und die Mechanismen der Vertrauensbildung. Das ist eine wichtige Basis für die Entwicklung moderner, personalisierter Behandlungsmöglichkeiten von psychischen Störungen mit Vertrauensdefiziten. Gleichzeitig bestätigen die Ergebnisse, dass die Amygdala nicht als eine uniforme Gehirnregion betrachtet werden sollte, sondern dass Teilregionen unabhängige Funktionen haben.Originalpublikation: Rosenberger LA et al.: The human basolateral amygdala is indispensable for social experiential learning. Current Biology, 18. September 2019
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