Viel trinken!2. August 2022 Dr. med Justus de Zeeuw Die betagte Patientin aus dem Pflegeheim wirkte verlangsamt und eingetrübt, als sie im heißen Sommer stationär aufgenommen wurde. Nach intravenöser Flüssigkeitssubstitution besserte sich der Allgemeinzustand, und innerhalb weniger Tage konnte die Dame mit der Hauptbehandlungsdiagnose „Exsikkose“ aus dem Krankenhaus entlassen werden. Was so einfach schien, hatte dann allerdings ein Nachspiel: Der Hausarzt rief an und beklagte sich, dass durch die Diagnose einer Exsikkose der Eindruck entstehe, er habe die in seiner Obhut stehende Dame nicht sorgfältig genug betreut, und auch das Pflegeheim werde sich melden, denn aus der Diagnose könne sich ein Pflegefehler ableiten lassen. Er bat deshalb um Übermittlung der Befunde, mit denen die Exsikkose gesichert worden sei. Das Problem war, dass es diese nicht gab. Hämatokrit, Harnstoff/Kreatinin-Quotient und andere Parameter waren kaum wegweisend verändert, der klinische Eindruck nicht mittels standardisierter Methoden dokumentiert und somit auch für den Medizinischen Dienst nicht valide nachvollziehbar. Am Ende blieb den Krankenhausärzten nur übrig, die Diagnose einer Exsikkose zurückzunehmen – auch wenn diese augenscheinlich tatsächlich bestanden hatte. Die ausreichende Flüssigkeitszufuhr wird regelmäßig in Laienmedien thematisiert. Nicht nur bei heißen klimatischen Verhältnissen, fieberhaften Infekten und durch körperliche Aktivität vermehrter Schweißbildung wird geraten, „das Trinken nicht zu vergessen“. Auch das allgemeine Wohlbefinden, gute Laune, Schönheit und Gesundheit werden mit dem Trinkverhalten attribuiert. Insbesondere wird dabei die Empfehlung ausgesprochen, schon etwas zu trinken, bevor ein Durstgefühl eintritt. Junge Großstädterinnen tragen deshalb gerne stets eine große Flasche Wasser mit sich herum, und die mahnend auf dem Tisch positionierte Wasserflasche gehört zum Bild in Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen. Ist also das Durstgefühl ein Alarmzeichen, das einen bereits eingetretenen, manifesten und letztendlich schädlichen Flüssigkeitsmangel anzeigt? Die Empfehlung, auch ohne Durst zu trinken, ist in Online- und Printmedien gerade im Sommer omnipräsent. Unterstützt werden die entsprechenden Inhalte oft von Getränkeherstellern oder deren Interessensverbänden, die diese zum Beispiel als Lehrmaterial für Schulen aufbereiten [1]. Der Glaube, dass Durst erst ein (zu) spätes Warnsignal des Körpers sei, ist entsprechend weit verbreitet. Evidenz gibt es dafür keine, eher im Gegenteil: Über das Durstgefühl hinaus zu trinken, führt zu Abwehrreaktionen des Körpers, beispielsweise einer Hemmung des Schluckreflexes [2]. Einer Diät oder Kur, die als sogenanntes Heilfasten ausschließlich auf Flüssigkeiten basiert, werden zahlreiche positive Gesundheitseffekte zugeschrieben. Die beim Hungern freigesetzten Stresshormone und Endorphine dienen im Hinblick auf die Erhaltung der Art in erster Linie dazu, den hungernden Organismus zu aktivieren und zur rastlosen Nahrungssuche anzutreiben. In der heutigen Zeit werden diese Effekte allerdings fehlinterpretiert und mit Begriffen wie „vital“ oder „energiegeladen“ assoziiert. Dass es sich dabei tatsächlich um „das letzte Aufbäumen“ vor dem vermeintlichen Hungertod handelt, wird übersehen. Mit einer Fasten- oder Trinkkur ist die Annahme verbunden, diese führe zur Entschlackung. Die Vorstellung, dass sich Schlacke im Körper, insbesondere im Darmrohr, ablagern, geht auf Buchingers sinnbildlichen Vergleich des Körpers mit einem Ofenrohr zurück. Diese mechanistische Sicht hält sich – unter Umdeutung des Begriffes Schlacke – bis heute und findet ihren Ausdruck in Geschäftsmodellen, die auf sogenannter Entgiftung oder Detox-Behandlung basieren. Die Frage, welchen Nutzen die Flüssigkeitszufuhr hat, wird auch im Zusammenhang mit zähem, schwierig zu mobilisierendem Bronchialsekret diskutiert. Einer vermehrten Trinkmenge wird dabei ein Sekret verflüssigender Effekt zugeschrieben. Mancherorts hört man sogar den Spruch, dass die schleimlösende Wirkung von Mucolytoka in Form von Brausetabletten vor allem durch das Wasser, in dem diese aufgelöst werden, zu erklären sei. Richtig ist, dass die Evidenz für Acetylcystein hinsichtlich des Nutzens bei chronischer Bronchitis oder COPD negativ ist [3]. Dies gilt jedoch nicht für Ambroxol oder Cineol. Die Empfehlung, viel zu trinken, ist allerdings im Hinblick auf die Viskosität des Bronchialsekrets wirkungslos [4]. Dies gilt ebenso bei akuten Atemwegsinfekten [5]. Im Tierversuch sind sogar ungünstige Effekte beobachtet worden [6]. „Ertrinken wir in Trinkempfehlungen“ fragte passend dazu ein umfassender Review [7]. Die ärztliche Empfehlung, viel zu trinken, basiert tatsächlich selten auf wissenschaftlicher Evidenz. Die in der Gesellschaft weit verbreitete Annahme, der körpereigenen Wahrnehmung misstrauen zu müssen und stattdessen einer Aufforderung zur vermehrte Flüssigkeitszufuhr zu glauben, hält sich jedoch hartnäckig. Dr. med. Justus de Zeeuw Literatur https://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=1569&edit=0 (abgerufen am 04.07.2022) Saker P et al. Overdrinking, swallowing inhibition, and regional brainresponses prior to swallowing. PNAS 2016;113(43):12274–12279 Decramer M et al. Effects of N-acetylcysteine on outcomes in chronic obstructive pulmonary disease (Bronchitis Randomized on NAC Cost-Utility Study, BRONCUS. Lancet 2005;365(9470):1552–1560 Shim C et al. Lack of effect of hydration on sputum production in chronic bronchitis. Chest 1987;92:679–682 Guppy MP et al. Advising patients to increase fluid intake for treating acute respiratory infections. Cochrane Database Syst Rev 2011;(2):CD004419 Marchette LC et al. The e!ect of systemic hydration on normal and impaired mucociliary function. Pediatr Pulmonol 1985;1(2):107-111 Cotter JD et al. Are we being drowned in hydration advice? Thirsty for more? Extreme Physiology & Medicine 2014;3:18
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