Virtuelle Realität kann Schmerzen bei unangenehmen Eingriffen reduzieren

Die Patienten betrachteten während des Eingriffs per virtueller Realität den isländischen Skógafoss-Wasserfall. Foto: ©Fabian Engelhardt – stock.adobe.com

Das Eintauchen in eine als schön empfundene „virtuelle“ Landschaft kann die Schmerzen lindern, die durch unangenehme medizinische Verfahren verursacht werden. Das ergibt eine Studie, die am 11.07.2021 auf dem Online-Kongress der European Association of Urology (EAU) vorgestellt wurde.

In der Studie wurden die Patienten einer Zystoskopie mit einem starren Endoskop unterzogen, das bei dem Eingriff durch die Harnröhre in die Blase eingeführt wird. Die eine Gruppe trug ein Gerät zur Darstellung einer Landschaft mittels virtueller Realität (VR) auf dem Kopf, die andere nicht.

Blasenspiegelung – eine unangenehme Prozedur

Die Diagnose und Behandlung von Blasenkrebs erfordert in der Regel eine Kontrolle der Blase durch eine Zystoskopie, die von den Patienten als unangenehm und schmerzhaft empfunden wird. Einige Patienten vermeiden eine Nachuntersuchung und erleiden infolgedessen eine unkontrollierte und irreversible Entwicklung der Krankheit. Es ist möglich, eine flexible Zystoskopie durchzuführen, die weniger schmerzhaft ist, aber bestimmte Behandlungen können nur mit einer starren Zystoskopie durchgeführt werden. Eine starre Zystoskopie kann unter örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Sie kann auch unter Vollnarkose oder Spinalanästhesie erfolgen, aber diese Verfahren bergen ein zusätzliches Komplikationsrisiko.

In einigen Bereichen der Medizin hat sich VR als wirksames Instrument zur Schmerzlinderung erwiesen, so während des Verbandwechsels bei Patienten mit Verbrennungen. Bei diesen Anwendungen stehen die Patienten aufrecht gestalten die VR-Erfahrung interaktiv.

VR lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ansicht eines Wasserfalls

Dr. Wojciech Krajewski und Kollegen von der Medizinischen Universität Wrocław in Polen rekrutierten 103 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren, bei denen eine starre Zystoskopie mit nur lokaler, intraurethraler Anästhesie durchgeführt wurde. Einige kamen für eine erste Diagnose, andere zur Nachuntersuchung. Die Personen wurden randomisiert einer klassischen Zystoskopie oder dem Verfahren mit VR-Brille und Kopfhörern unterzogen, die ein Bild des Skógafoss-Wasserfalls in Island zeigten.

Die Patienten wurden nach ihrem Angstniveau befragt und sollten vor dem Eingriff einen Fragebogen zu Angst und Depression ausfüllen. Während der Zystoskopie maß das Team Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz bei den Patienten. Schmerzbezogene Beobachtungen wurden mit einem Score namens FLACC (face, legs, consolability and cry; Gesicht, Beine, Reaktion auf Zuwendung, Weinen) erfasst, der ursprünglich für Kinder entwickelt und hier für Erwachsene angepasst wurde. Nach dem Eingriff wurden die Patienten auch gebeten, das Schmerzempfinden und die Übelkeit im Zusammenhang mit der Zystoskopie zu bewerten.

Weniger Schmerzen, etwas mehr Schwindel

Die Punktzahlen auf der Schmerzskala waren in der VR-Gruppe niedriger als in der Kontrollgruppe, und obwohl Übelkeit und Schwindel bei Verwendung der Headsets und Brillen höher waren, empfanden die Patienten dies als erträglich und es mussten keine Verfahren abgebrochen werden.

Blutdruck und Herzfrequenz stiegen bei allen Patienten während des Eingriffs, jedoch weniger in der VR-Gruppe. Die Sauerstoffsättigung blieb stabil, aber diese Messungen sind weniger zuverlässig, da während der Studie zu Beginn der COVID-19-Pandemie Atemschutzmasken eingeführt wurden.

Die Ergebnisse waren bei männlichen und weiblichen Patienten sowie bei Erst- und Folgezystoskopien gleich, und die Forscher glauben, dass die Technologie für andere unangenehme oder schmerzhafte Verfahren verwendet werden könnte.

Krajewski sagte: „Die Zystoskopie ist für Patienten unangenehm und sie können sich Sorgen machen. Meine Kollegen und ich waren daran interessiert, neue Wege zu finden, um den Eingriff komfortabler zu machen, und hatten VR-Technologie gesehen, die bei jüngeren Patienten eingesetzt wurde, um Schmerzen auf interaktive Weise zu lindern. In diesem Fall wollten wir versuchen, ein beruhigendes Bild zu präsentieren, das für ältere Patienten besser geeignet ist, und sehen, ob wir sie bei ihren Eingriffen besser unterstützen können.“

Dies war der Fall, wie der Urologe erzählt: „Die Patienten berichteten über weniger Schmerzen, und dies spiegelte sich auch in unseren Beobachtungen wider. VR ist sicherlich eine Option zur Schmerzreduktion bei Zystoskopien und wir prüfen, ob sie bei anderen medizinischen Eingriffen wie der Lithotripsie zum Abbau von Nierensteinen oder der Prostatabiopsie den gleichen Effekt haben wird.“

EAU-Leitlinien-Chef regt größere Studie an

Prof. James N’Dow von der University of Aberdeen, Vorsitzender des EAU-Leitlinienbüros, sagte dazu: „Die Verbesserung der Erfahrung der Patienten mit der Versorgung, die sie erhalten, ist ebenso wichtig wie die Verbesserung der Behandlungsergebnisse. Während es sinnvoll ist, nach Möglichkeit auf eine Vollnarkose zu verzichten, können endoskopische Blasenuntersuchungen unter örtlicher Betäubung für manche Patienten sehr unangenehm und beängstigend sein. Diese Studie erweitert unser Verständnis dafür, wie VR Patienten ablenken und ihre Angst und Schmerzen reduzieren kann. Was jetzt benötigt wird, ist eine größere Studie, die auch eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen würde, um festzustellen, ob dieser Ansatz als Teil der klinischen Standardpraxis betrachtet werden sollte.“

(EAU/ms)