Virtueller DGU-Kongress im Zeichen neuer Technologien

DGU- und Kongresspräsident Jens Rassweiler. Foto: Solcher/DGU

Auch im Corona-Jahr findet der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) statt, sogar wie geplant in der Stadt Leipzig. Das Publikum der 72. Ausgabe wird jedoch vom 24.-26. September an den Bildschirmen sitzen, denn alle Veranstaltungen werden im Internet übertragen.

Diese durch die Pandemie aufgezwungene Form passt ungewollt zum Hauptthema des Kongresses: dem Fortschritt in der Urologie mithilfe moderner Technologie.

Der Kongress, erklärte DGU-Präsident Prof. Jens Rassweiler gegenüber den Urologischen Nachrichten, besteht aus vier Säulen: 1. den Live-Symposien, -Debatten und Crossfire-Sitzungen sowie besprochenen Powerpoint-­Präsentationen, welche die Vortrags­sitzungen ersetzen, 2. fünf Post-DGU-Wochen mit Semi-Live- und Arbeitskreisforen dienstags und donnerstags abends, 3. einer virtuellen Kongressplattform, auf der das Pflegeprogramm und die besprochenen Powerpoint-Präsentation bis Ende des Jahres abrufbar sind, und 4. einer virtuellen Industrieausstellung, die auch die Möglichkeit bietet, mit Industrie-Ansprechpartnern in Kontakt zu treten.

Fertigen Kongress in ein Online-Format umgemodelt

Die Entscheidung, die Präsenzveranstaltung abzusagen, fiel spät. Erst am 22. Juni erklärte die DGU per Pressemitteilung: „Ein ‚Best-of DGU 2020‘ geht als Live-Stream online.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten andere Fachgesellschaften ihre Kongresse schon bis weit in den Herbst hinein abgesagt. Laut Rassweiler hatten die Urologen trotz Angela Merkels Verbot von Großveranstaltungen bis Ende Oktober eine Zusage von der Landesregierung Sachsen, von den Gesundheitsämtern und vom Congress Center Leipzig, den Kongress durchführen zu können. In der Rolle der einsamen Kongress-Vorkämpferin fühlte die Fachgesellschaft dann aber doch unwohl: „Wir wären wirklich die einzigen im weiten Umfeld gewesen“, erklärte der DGU-Präsident gegenüber unserer Zeitung. „Aufgrund des großen Risikos – wir haben ja (…) gesehen, dass da jederzeit wieder etwas hochkommen kann, worauf man überhaupt keinen Einfluss hat –, haben wir dann entschieden, den Kongress in diese Online-Form zu überführen.“ Das angesprochene Risiko bestand sicher nicht allein darin, dass sich tatsächlich Infektionen ausgebreitet hätten, sondern auch in einem Image-Schaden, wenn ausgerechnet ein Ärztekongress sich im schlimmsten Fall als Superspreader-Event erwiesen hätte.

Die Programmkommission stand nun vor der Aufgabe, ein quasi fertiges Kongressprogramm in kurzer Zeit in das virtuelle Format zu überführen. „Der Kongress stand im Grunde schon fest, mit über 50 Foren, mit fast 50 Vortragssitzungen, mit Arbeitskreis­foren, mit Veranstaltungen fürs Pflegepersonal, Weiterbildungsforen und mehr. Es ist natürlich sehr schade, dass dies in dieser umfassenden Form nicht möglich ist“, so Rassweiler.

Die DGU versuchte, das Beste aus der Situation zu machen „und für unsere Mitglieder und die hoffentlich zahlreichen Teilnehmer ein interessantes Programm zusammenzustellen“, wie Rassweiler sagt. Natürlich mussten dabei auch einige Abstriche gemacht werden. „Die Online-Form kann natürlich nicht in vollem Umfang diesen großen Kongress darstellen, das ist klar.“ Doch es wird eine „vernünftige Eröffnungsveranstaltung“ und ein richtiges Abschlussplenum geben, kündigt er an, und Live-Diskussionen, die ergänzt werden durch einen Chat, in dem die Zuschauer Fragen stellen können. Dabei war es den Organisatoren wichtig, keine Webcam-Atmosphäre „aus dem heimischen Wohn- oder Arbeitszimmer“ zu bieten.

Die Themen: Vom Prostatakrebs-Screening bis zum “OR 4.0”

Inhaltlich stehen berufspolitisch sehr wichtige Themen auf der Agenda, wie das Prostatakrebs-Screening und die Prostatabiopsie, mit den konträren Ansichten der Fachgesellschaft und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Das Kongressmotto „Es ist Zeit“, mit dem Präsident Rassweiler, ohne es wissen zu können, schon vor dem Siegeszug von Corona-bedingten Online-Konferenzen und verbreitetem „Home Office“ den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, war eigentlich auf Themen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, virtuelle Realität, Roboter-Technologie und moderne OP-Konzepte gemünzt. Diese Themen sind auf dem Kongress breit vertreten. Beispielsweise lassen sich durch den Operationssaal der Zukunft, „OR 4.0“ laut dem Klinikdirektor aus Heilbronn „viele Dinge strukturieren, in eine Linie bringen, Netzstellenproblematiken verbessern und Algorithmen entwickeln, die die Eingriffe noch sicherer machen“. Innovative Marker-Track-Technologien mithilfe des I-Pads oder elektromagnetischen Trackings ermöglichen es, Punktionsstellen noch präziser zu finden. Dies alles wird auf dem Kongress präsentiert werden.

Präsident Rassweiler ist Technik-Optimist, doch er ist sich auch der Herausforderung und der Verantwortung dabei bewusst: „Diese Entwicklung wird weitergehen. Hoffentlich werden wir dann als Mediziner und Urologen auch in der Lage sein, das richtig einzusetzen.“

(ms)

Lesen Sie das vollständige Interview mit Prof. Rassweiler und 23 Fachbeiträge vom Kongress in der September-Ausgabe der Urologischen Nachrichten.