VITAL-Studie: TIVA und volatile Anästhetika bei großen OPs gleichwertig

Symbolfoto: ©Anna Shvets/pexels

Bei großen nicht kardialen Operationen ist es für Überleben, Komplikationen und Kosten offenbar gleichgültig, ob die Narkose intravenös (TIVA) oder mit volatilen Anästhetika aufrechterhalten wird. Das zeigt die britische VITAL-Studie.

Die offene randomisierte Studie VITAL wurde von Forschenden der University of Warwick und dem Royal Marsden NHS Foundational Trust geleitet. Sie umfasste mehr als 2500 Patienten in 49 Krankenhäusern des National Health Service (NHS) und verglich die Narkoseaufrechterhaltung mittels totaler intravenöser Anästhesie (TIVA) und volatilen Anästhetika. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „JAMA“ veröffentlicht.

Hintergrund ist, dass die TIVA in Verdacht steht, eine sanftere Erholung mit weniger Übelkeit und Schmerzen zu bieten. Andererseits werden mit ihr auch seltene Risiken in Verbindung gebracht, wie beispielsweise das kurzzeitige Wiedererlangen des Bewusstseins eines Patienten während der Operation. Bei VITAL handelt es sich den Forschern zufolge um die bisher größte Studie, die die beiden Verfahren hinsichtlich der nachfolgenden Patientenergebnisse sowie der Kosten für das britische Gesundheitswesen verglich.

TIVA und balancierte Anästhesie schneiden im Wesentlichen gleich gut ab

An der Studien nahmen 2508 Patienten ab 50 Jahren teil, die sich einer geplanten größeren, nicht kardialen Operation unterziehen mussten (Durchschnittsalter 67 Jahre; 55 % männlich). Nach dem Zufallsprinzip wurden sie entweder der TIVA-Gruppe zugewiesen, bei der eine kontinuierliche Propofol-Infusion zur Aufrechterhaltung der Narkose erfolgte, oder der Gruppe mit klassischer balancierter Anästhesie, in der die Narkose mit volatilen Gasen wie Sevofluran oder Isofluran aufrecht erhalten wurde (jeweils 1254 Patienten pro Gruppe). Die Ergebnisse zeigten keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen hinsichtlich der Anzahl der Tage, an denen die Patienten 30 Tage nach der Operation noch am Leben und nicht mehr im Krankenhaus waren – dem primären Studienendpunkt.

Auch die Raten schwerer Komplikationen, Delirium und Todesfälle nach 30 Tagen, 90 Tagen und sechs Monaten waren in beiden Gruppen ähnlich. Allerdings berichteten Patienten, die eine TIVA erhalten hatten, am Tag nach ihrer Operation über geringere Raten von Durst, Heiserkeit, Übelkeit und Erbrechen, was auf eine leichte Verbesserung der frühen postoperativen Genesung und des Wohlbefindens hindeutet.

Eine separate wirtschaftliche Bewertung, die in der Fachzeitschrift „Anaesthesia“ veröffentlicht wurde, ergab, dass die beiden Techniken den NHS ähnlich viel kosteten und den Patienten über einen Zeitraum von sechs Monaten eine ähnliche Lebensqualität verschafften.

Wahl des Narkoseverfahrens sollte Patienten- und Ärztepräferenz folgen

Zusammengenommen deuten die beiden Studien darauf hin, dass TIVA und die klassische balancierte Anästhesie bei Erwachsenen, die sich einer größeren nicht kardialen Operation unterziehen, klinisch und wirtschaftlich gleichwertig sind. Das Forschungsteam erklärt, dies spreche dafür, den Ärzten weiterhin die Wahl der für den jeweiligen Patienten am besten geeigneten Technik zu überlassen – basierend auf Faktoren wie Patientenpräferenz, klinischer Expertise und den vor Ort verfügbaren Möglichkeiten –, anstatt einen einheitlichen Ansatz vorzuschreiben.

Prof. Joyce Yeung von der Warwick Clinical Trials Unit und leitende Forscherin der VITAL-Studie sagt: „Seit Jahren diskutieren Anästhesisten darüber, welche Technik den Patienten den besten Start in die Genesung ermöglicht. Unsere Studie zeigt, dass für die meisten Patienten, die sich einer größeren Operation unterziehen, beide Methoden gleichermaßen geeignet sind. Das ist beruhigend für die Patienten und bedeutet, dass Ärzte diese Entscheidung weiterhin danach treffen können, was für den jeweiligen Patienten am besten ist, und nicht aufgrund des Drucks, auf eine neuere oder vermeintlich überlegene Technik umzusteigen.“

Die Forscher weisen auf einige Einschränkungen hin: Die Studie war nicht verblindet, was die von den Patienten berichteten Ergebnisse wie Schmerzen und Übelkeit beeinflussen könnte. Zudem wurden die Teilnehmer alle im Rahmen des NHS behandelt, sodass sich die Ergebnisse möglicherweise nicht direkt auf andere Gesundheitssysteme übertragen lassen. Schließlich untersuchte die Studie weder die längerfristigen Krebsergebnisse noch die Umweltauswirkungen der verschiedenen Techniken – ein Bereich von wachsendem Interesse, da flüchtige Anästhesiegase starke Treibhausgase sind.

(ah/BIERMANN)