„Volksleiden“ Migräne: Ein Update

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Eine aktuelle Serien-Publikation in der Fachzeitschrift „The Lancet“ gibt eine Übersicht über das aktuelle Wissen zur Migräne. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hin.

Trotz des zunehmenden Wissens über die Krankheit und deren Therapie ist das Bewusstsein dafür beziehungsweise das Management sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Politik unzulänglich. Nur durch gemeinsame Bemühungen der Gesundheitsdienstleister, d. h. durch integrierte koordinierte Versorgungssysteme, in denen sowohl Hausärzte als auch Spezialisten komplementär zusammenarbeiten, werde sich die Versorgung von Migränepatienten verbessern lassen, betonen die Autoren.1 Für Patienten mit Therapieresistenz, atypischen Verläufen oder bestimmten Komorbiditäten (wie Depressionen, Angststörungen, zusätzlicher Schmerzproblematik) ist die Zusammenarbeit beziehungsweise Überweisungsmöglichkeit flächendeckend sicherzustellen.

Künftig sollen epidemiologische Studien Wissenslücken schließen. Nur eine standardisierte, konsensbasierte Methodik kann künftig eine „best clinical practice“ definieren und die Effektivität von Maßnahmen (auch gegenüber den Kosten) und Vernetzungsstrategien erfassen – oder auch Vergleiche zwischen Ländern ermöglichen.

Zahlreiche Therapien stehen heute zur Therapie der Migräne zur Verfügung. Zu unterscheiden ist zwischen der Behandlung akuter Migräneattacken und der Migräneprophylaxe. In der zweiten Publikation der Reihe werden Effektivität und Sicherheit dieser Medikamente diskutiert – auch bei Kindern und Jugendlichen, in der Schwangerschaft und im Alter. Als „Goldstandard“ der Akutbehandlung (bei Nichtansprechen auf nicht steroidale Analgetika wie ASS und Ibuprofen) gelten heute Triptane (z. B. Sumatriptan). Bei Übelkeit und Erbrechen werden ergänzend Antiemetika empfohlen.2

Wenn die Akutbehandlung der Migräneattacken allein nicht ausreicht (Häufigkeit, Dauer oder Stärke bzw. nach Leidensdruck und Einschränkung der Lebensqualität oder bei Risiko eines Medikamentenübergebrauchs), kann eine Migräneprophylaxe erfolgen. Ziel ist es, Frequenz, Stärke und/oder Dauer der Attacken zu reduzieren. Die Wahl der Medikamente richtet sich nach Faktoren wie Verträglichkeit/Nebenwirkungen, individuellen Begleiterkrankungen, Effektivität, aber auch Verfügbarkeit und Kosten. In Frage kommen Beta-Blocker (Metoprolol, Propranolol), Amitriptylin, Valproat, Topiramat, Flunarizin und OnabotulinumtoxinA. Wenn auch „Botox” nicht zum Erfolg führt, gibt es bereits eine kausal am Krankheitsmechanismus angreifende Therapie (subkutan) mit monoklonalen Antikörpern gegen CGRP (Anti-CGRP, z. B. Fremanezumab, Galcanezumab) oder dessen Rezeptor (Anti-CGRP-R, z. B. Erenumab). Gerade bei der Migräneprophylaxe spielen aber auch nicht medikamentöse, multidisziplinäre Verfahren eine bedeutende Rolle. Die beste Evidenz gibt es dabei für die kognitive Verhaltenstherapie, Biofeedback und Entspannungstechniken. Weniger gut gesichert ist die Wirksamkeit von physikalischen Therapien, Schlafmanagement, Akupunktur und Ernährungstherapien.2

Der dritte Teil der Publikationsreihe befasst sich mit Biomarkern und einer entsprechenden Präzisionsmedizin.3 Die Diagnose wird normalerweise anhand klinischer Kriterien gestellt, was jedoch der Heterogenität der Erkrankung, einschließlich genetischer und neurobiologischer Faktoren, nicht gerecht wird. Die Biomarker-Forschung hat zum Verständnis der komplexen Pathogenese der Migräne und ihrer Unterformen, zur Diagnostik und Behandlung bereits viel beigetragen. Dabei kommen Biochemie/Labordiagnostik, Genetik, modernste Bildgebung sowie Provokationstestung zum Einsatz.

„Ziel ist nicht nur, neue medikamentöse Ansatzpunkte zu finden“, erklärt Prof. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN, „sondern auf diesem Weg auch eine personalisierte, zielgerichtete Therapie und den passgenauen Einsatz, beispielsweise der (kostspieligen) Antikörper-Therapien zu ermöglichen.“

Originalpublikationen:
1. Ashina M et al. Migraine: epidemiology and systems of care. Lancet 2021;397(10283):1485–1495.
2. Ashina M et al. Migraine: integrated approaches to clinical management and emerging treatments. Lancet 2021;39 (10283):1505–1518
3. Ashina M et al. Migraine: disease characterisation, biomarkers, and precision medicine. Lancet 2021; 397(10283):1496–1504.
Originalpublikation: