Vorhersage der Krebsmortalitätsraten in der EU: Rauchen immer noch ein entscheidender Faktor

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Laut den Autoren einer neuen Studie, die gerade in den „Annals of Oncology“ veröffentlicht wurde, ist Tabakkonsum nach wie vor die Hauptursache für die Krebssterblichkeit in Europa und für rund 20 Prozent aller prognostizierten Krebstodesfälle verantwortlich. Untersucht wurden Krebserkrankungen des Magens, des Darms, des Pankreas, der Lunge, der Brust, der Gebärmutter (einschließlich Gebärmutterhals), Ovarien, Prostata, Blase sowie Leukämien bei Männern und Frauen. 

Dem Bericht zufolge wird die Sterblichkeitsrate durch Prostatakrebs in der EU im Jahr 2020 voraussichtlich sinken, was laut den Autoren hauptsächlich auf eine bessere Diagnose und Behandlung zurückzuführen ist.

Prostatakrebs: Mortalitätsrate sinkt in ganz Europa – außer in Polen

In den jüngsten Prognosen für Krebstodesfälle in der EU für 2020 zeigen Forscher unter der Leitung von Dr. Carlo La Vecchia, Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand (Italien), dass die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einem Prostatakarzinom seit 2015 um sieben Prozent gesunken ist; dabei liege die prognostizierte altersstandardisierte Rate für 2020 bei zehn Männern pro 100.000 Einwohner. In diesem Jahr werden der Analyse zufolge voraussichtlich 78.800 Männer an der Erkrankung sterben.

Dabei ist Polen das einzige EU-Land, in dem die Sterberaten im Zusammenhang Prostatakrebs nicht sinken. Stattdessen prognostizieren die Forscher dort einen Anstieg von 18 Prozent seit 2015: Eine altersstandardisierte Sterblichkeitsrate von 15 pro 100.000 Männer, von der 6100 Männer bis Ende 2020 versterben. La Vecchia sagt: „Polen begann mit der niedrigsten Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit Prostatakrebs zwischen 1970 und 1974, verzeichnete dann aber bis zum Jahr 2000 einen Anstieg. Es folgte eine Stabilisierung für eine gewisse Zeit, darauf folgte ein Wiederanstieg bis 2020. Die prognostizierten Mortalitätsraten in Verbindung mit Prostatakrebs sind nun also in Polen am höchsten. Dies ist schwer zu erklären. Es ist möglich, dass die jüngsten, relativ hohen Raten auf die verzögerte Einführung moderner Diagnostik und Behandlung zurückzuführen sind.“

„Für die EU insgesamt lautet die Kernbotschaft dieser Sterblichkeitsraten bei Prostatakrebs, aktuelle Operations- und Strahlentherapie-Techniken einzuführen, zusammen mit einer aktuelleren Androgendeprivationstherapie einzuführen. Dies kann selbst ohne Heilung relevanten Einfluss auf die Prostatakrebs-Mortalität haben, da ein Teil der älteren Männer möglicherweise lang genug überleben, dass sie an anderen Ursachen versterben. Der Test auf prostataspezifisches Antigen (PSA) kann ebenfalls eine Rolle spielen, wobei es jedoch derzeit schwierig ist, diese zu quantifizieren. Er hat erhebliche Auswirkungen auf die Inzidenz, aber eine nicht quantifizierte Auswirkung auf die Sterblichkeitsraten“, erklärt La Vecchia.

Obwohl die Mortalitätsrate bei Prostatakrebs sinkt, wird erwartet, dass die tatsächliche Zahl der an der Krankheit versterbenden Männer aufgrund der alternden Bevölkerung in der EU zunimmt. Im Jahr 2015 verstarben 74.998 an dieser Erkrankung, verglichen mit 78.800 im Jahr 2020.

Todesfälle im Zusammenhang mit Krebs zwischen 1970 und 2016 untersucht

Dieses Muster der prognostizierten Sterblichkeitsraten und der tatsächlichen Anzahl der Todesfälle zeichnet sich für alle Krebsarten in der EU sowie für die zehn Krebserkrankungen ab, die im Detail untersucht wurden. Die Forscher sagen voraus, dass die die Mortalitätsraten für alle Krebsarten zwischen 2015 und 2020 bei Männern um fünf Prozent und bei Frauen um vier Prozent sinken wird, was einer Sterblichkeitsrate von 130 pro 100.000 bzw. 82 pro 100.000 entspricht. Die prognostizierte Zahl der Todesfälle werde jedoch um fünf Prozent zunehmen und bis Ende dieses Jahres 1.428.000 erreichen: 798.700 bei Männern und 630.100 bei Frauen.

Die Forscher untersuchten die Krebssterblichkeitsraten in den 28 EU-Mitgliedstaaten* insgesamt sowie für die sechs größten Länder – Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien – für alle Krebsarten und gesondert für Krebserkrankungen des Magens, des Darms, des Pankreas, der Lunge, der Brust, der Gebärmutter (einschließlich Gebärmutterhals), Ovarien, Prostata, Blase sowie Leukämien bei Männern und Frauen.** Dies ist das zehnte Jahr in Folge, in dem die Forscher diese Prognosen veröffentlicht haben.

La Vecchia und seine Kollegen sammelten Daten zu Todesfällen von 1970 bis 2016 bei der Weltgesundheitsorganisation.

Balkendiagramm mit altersstandardisierten Sterblichkeitsraten pro 100.000 Menschen pro Jahr für 2015 und prognostizierten Raten für 2020 für alle Krebsarten und zehn Hauptkrebserkrankungen bei Männern und Frauen in der EU. (Grafik: © “Annals of Oncology”)

La Vecchia sagt: „Die Gesamtmortalitätsrate bei Krebserkrankungen in Polen wird voraussichtlich 28 Prozent über dem EU-Durchschnitt für Männer und 21 Prozent über dem für Frauen liegen. Diese Kluft zwischen Mittel- und Osteuropa einerseits und Westeuropa andererseits ist auf die Konsummuster in Bezug auf Tabakprodukte zurückzuführen, aber auch auf die langsamere Einführung einer Prävention, eines Krankheitsmanagements und einer Therapie nach modernen Maßstäben.“

„In der EU insgesamt sinken die Raten der Krebsmortalität bei Männern. Mehr als die Hälfte davon ist auf rückläufige Sterblichkeitsraten aufgrund tabakbedingter Krebserkrankungen zurückzuführen. Dazu gehört nicht nur Lungenkrebs, der mehr als ein Drittel des Rückgangs ausmacht , sondern auch Krebserkrankungen wie Kopf-, Hals- und Blasenkrebs. Mit anderen Worten: Es liegt daran, dass weniger europäische Männer rauchen. Diese Entwicklung hat vor einigen Jahrzehnten begonnen.“

Bei Frauen steigen jedoch die Sterblichkeitsraten im Zusammenhang mit Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Für den Zeitraum 2015-2020 wird ein Anstieg der Sterblichkeitsraten für Lungenkrebs um sechs Prozent prognostiziert (15,1 Todesfälle pro 100.000 und etwa 100.000 Todesfälle) und ein Anstieg der Mortalitätsraten beim Pankreaskarzinom um 1,2 Prozent (5,6 Todesfälle pro 100.000 und 46.200 Todesfälle). Die Sterberaten im Zusammenhang Lungenkrebs bei Frauen übertrafen 2016 diejenigen in Verbindung mit Brustkrebs. Dieser Trend setzt sich fort. Die Forscher sagen voraus, dass die Rate der Brustkrebsmortalität in diesem Jahr 13,5 pro 100.000 (95.900 Todesfälle) betragen wird, was einem Rückgang von 7,3 Prozent gegenüber 2015 entspricht.

Lungenkrebsmortalität bei Frauen: Unterschiede zwischen den Ländern

Vecchia berichtet: „Die Sterberaten im Zusammenhang mit Lungenkrebs bei Frauen sind in der EU in den vergangenen zehn Jahren anhaltend gestiegen, obwohl sich die Steigerungsrate jetzt verlangsamt. Zwischen 2010 und 2020 sind die Lungenkrebsraten von Frauen in der EU von etwa 13 auf mehr als 15 pro 100.000 gestiegen. Ohne wirksame Maßnahmen gegen das Rauchen bei Frauen wird die Gesamtrate 2030 wahrscheinlich 16 oder 17 pro 100.000 erreichen und sich erst im folgenden Jahrzehnt abflachen.“

Koautorin Dr. Eva Negri von der Universität Mailand, erklärt: „Es gibt einige Unterschiede zwischen den Ländern bei der Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit Lungenkrebs bei Frauen. Beispielsweise steigen die französischen und spanischen Raten stärker an als diejenigen in Großbritannien oder Italien. Dies wiederum spiegelt den Tabakkonsum in unterschiedlichen Frauengenerationen in verschiedenen Ländern wider und unterstreicht, wie wichtig es ist, Frauen davon zu überzeugen, das Rauchen aufzugeben – nicht nur in Polen oder Großbritannien, die jetzt die höchsten Raten aufweisen, sondern auch in Frankreich oder Spanien, wo die Gesamtraten noch relativ niedrig sind. Dies wird dazu beitragen, die anhaltende Epidemie von Lungenkrebs und anderen tabakbedingten Krebsarten bei Frauen zu in Schach zu halten.“

„Tabak ist nach wie vor die Hauptursache für die Krebssterblichkeit in Europa und ist für rund 20 Prozent aller prognostizierten Krebstodesfälle verantwortlich. Der deutliche Rückgang der Todesfälle bei Männern im Vergleich zu Frauen spiegelt die Unterschiede in den früheren Rauchgewohnheiten zwischen den beiden Geschlechtern wider“, ergänzt Negri.

Insgesamt vermiedene Krebstodesfälle bei Männern und Frauen in der EU zwischen 1988 und 2020. (Grafik: © “Annals of Oncology”)

Laut der Vorhersage der Forscher werden im Vergleich zu einer Spitzenrate von Krebstoten im Jahr 1988, werden in dem 32-jährigen Untersuchungszeitraum bis 2020 in der EU mehr als 5,7 Millionen Krebstote vermieden werden. Allein im Jahr 2020 werden der Prognose zufolge insgesamt 406.000 Todesfälle durch Krebs abgewendet werden können (282.000 bei Männern und 124.000 bei Frauen). Im Falle von Prostatakrebs werden im Verlauf der 32 Jahre der Beobachtung in den 32 Jahren 462.000 Todesfälle und im Jahr 2020 allein 40.000 Todesfälle verhindert werden.

Koautor Dr. Fabio Levi, emeritierter Professor von der Universität Lausanne (Schweiz), sagt: „Die Trends für Bauchspeicheldrüsenkrebs sind in ganz Europa weiterhin ungünstig. Tabakkontrolle und Maßnahmen gegen Übergewicht, Adipositas und Diabetes könnten diese Trends verbessern. Bei der Diagnose und Behandlung dieser Krebserkrankung, die eine besonders schlechte Prognose hat, wurden keine relevanten Fortschritte beobachtet. Daher sind größere Investitionen in die Forschung erforderlich.“

(ESMO/ac)

*  Zum Zeitpunkt dieser Analyse hatte die EU 28 Mitgliedstaaten, Kroatien trat 2013 bei. Zypern wurde jedoch aufgrund zu vieler fehlender Daten von dieser Analyse ausgeschlossen.

**  Die Veröffentlichung enthält individuelle Tabellen der Krebsmortalitätsraten für jedes der sechs Länder.