Warum die linke Hirnhälfte Sprache besser versteht als die rechte17. Juli 2018 Die Biopsychologen Onur Güntürkün, Erhan Genç und Sebastian Ocklenburg (v. l.) ergründen die Funktionsweise des Gehirns. (© RUB, Marquard) Nervenzellen in der Hirnregion Planum temporale besitzen in der linken Hemisphäre mehr Verbindungen als in der rechten Hemisphäre – und das ist entscheidend für eine schnellere Sprachverarbeitung, wie Forscher der Ruhr-Universität Bochum und der Technischen Universität Dresden herausgefunden haben. Wie überlegen die linke Hemisphäre beim Verarbeiten von Sprache ist, können Forscher mit einem einfachen Versuch zeigen: Spielt man Personen über Kopfhörer zwei unterschiedliche Silben – zum Beispiel “Da” und “Ba” – auf linkem und rechtem Ohr vor, geben die meisten Menschen an, nur die Silbe auf dem rechten Ohr gehört zu haben. Der Hintergrund: Sprache, die über das rechte Ohr wahrgenommen wird, wird in der linken Hirnhälfte verarbeitet. Misst man die Hirnströme mittels EEG, zeigt sich, dass die linke Hirnhälfte Sprachinformationen schneller verarbeitet. “Wissenschaftler haben vor langer Zeit entdeckt, dass eine für Sprache wichtige Hirnregion namens Planum temporale häufig links größer ist als rechts”, sagte Sebastian Ocklenburg von der Bochumer Arbeitseinheit Biopsychologie. In den Gehirnen von verstorbenen Menschen, die ihre Körper für die Wissenschaft gespendet hatten, entdeckten Frankfurter Forscher später, dass die Nervenzellen des linken Planum temporale eine höhere Anzahl an neuronalen Verbindungen besitzen als diejenigen auf der rechten Seite. Neue Messmethode erlaubt bislang unmögliche Einblicke “Unklar war bisher aber, ob diese asymmetrische Mikrostruktur entscheidend für die linksseitige Überlegenheit bei der Sprachverarbeitung ist”, erklärte Erhan Genç, ebenfalls aus der Arbeitseinheit Biopsychologie. Da bis vor Kurzem die Methoden fehlten, um die Anzahl von Nervenzellverbindungen bei lebenden Menschen zu erfassen, konnte ein Zusammenhang mit der Leistung bei der Sprachverarbeitung nicht belegt werden. Diese Lücke schlossen die Forscher nun mithilfe des sogenannten neurite orientation dispersion and density imaging. Mit dieser speziellen Form der Magnetresonanztomografie maßen die Biopsychologen die Dichte und räumliche Anordnung von Nervenzellfortsätzen im Planum temporale von fast hundert Versuchspersonen. Gleichzeitig erfassten sie bei denselben Probanden mit EEG-Messungen die Verarbeitungsgeschwindigkeit für sprachliche Informationen in der linken und rechten Hirnhälfte. Schneller dank mehr Nervenzellfortsätzen Das Ergebnis: Versuchspersonen mit besonders schneller linkhemisphärischer Sprachverarbeitung besaßen auch besonders viele und dicht gepackte Nervenzellfortsätze im linken Planum temporale. “Aufgrund dieser Mikrostruktur ist die Sprachverarbeitung linksseitig schneller und wahrscheinlich auch die zeitliche Präzision höher, mit der das Gehörte entschlüsselt wird”, folgerte Ocklenburg. “Die höhere Verschaltungsdichte scheint somit ein entscheidender Baustein für die sprachliche Überlegenheit unserer linken Hirnhälfte zu sein”, ergänzte Genç. Originalveröffentlichung: Ocklenburg S et al.: Neurite architecture of the planum temporale predicts neurophysiological processing of auditory speech. Science Advances 11 Jul 2018;4(7):eaar6830.
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