EAN 2026 Menschen mit Demenz landen bei extremen Temperaturen häufiger in der Notaufnahme30. Juni 2026 Extreme Temperaturen werden häufiger. Damit steigt auch das gesundheitliche Risiko bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Symbolbild: Corri Seizinger/stock.adobe.com Extreme Hitze und Kälte erhöhen bei Menschen mit Demenz das Risiko für einen Besuch in der Notaufnahme. Darauf deuten vorläufige Daten hin, die auf dem European Academy of Neurology (EAN) Kongress 2026 vorgestellt wurden. Sie unterstreichen, dass Umweltfaktoren einen messbaren Einfluss auf die Gesundheit von Menschen mit neurologischen Erkrankungen haben können. Mit dem Klimawandel nehmen Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse zu. Das verdeutlicht eine Hitzewelle, die vergangenes Wochenende in Deutschland für neue Rekordtemperaturen von bis zu 41,7 °C sorgte. Doch damit gewinnt auch die Frage an Bedeutung, wie sich extreme Temperaturen – Hitze sowie Kälte – auf Menschen mit neurologischen Erkrankungen auswirken. Bislang liegen hierzu allerdings keine ausreichenden Daten vor, insbesondere für Menschen mit Demenz oder Morbus Parkinson, wie ein systematisches Review (2024) zeigt. Ein Forschungsteam des IRCCS Institute of Neurological Sciences of Bologna (Italien) analysierte deshalb die Frequenz der Notaufnahmebesuche von 13.680 Menschen mit Demenz und 2.755 Patient:innen mit Parkinson aus der Stadt Bologna im Zeitraum von 2015 bis 2024. Die Forschenden untersuchten dabei, ob extreme Temperaturen mit einem erhöhten Risiko für eine Vorstellung in der Notaufnahme assoziiert sind. Erhöhtes Risiko nach Hitze und Kälte bei Demenz Die Analyse ergab, dass sowohl extreme Hitze als auch extreme Kälte das Risiko für Notaufnahmebesuche bei Menschen mit Demenz erhöhten. Nach einer Hitzebelastung von etwa 29,7 °C (entsprechend dem 95. Perzentil der gemessenen Temperaturen) stieg die Zahl der Notaufnahmebesuche innerhalb der folgenden drei Tage um elf Prozent (RR 1,11; 95%-KI 1,04–1,19). Nach kalten Temperaturen von etwa 1,5 °C (5. Perzentil) zeigte sich ein verzögerter Effekt. Rund zehn Tage nach der Exposition war das Risiko für einen Notaufnahmebesuch um 14 Prozent erhöht (RR 1,14; 95%-KI 1,03–1,26). Am stärksten war der Hitzeeffekt bei den 70- bis 90-Jährigen ausgeprägt. In dieser Altersgruppe nahm das Risiko für einen Notaufnahmebesuch innerhalb der drei Tage nach Hitzeexposition um 19 Prozent zu. Kein eindeutiger Zusammenhang bei Parkinson Bei Menschen mit Parkinson fanden die Forschenden dagegen keine eindeutigen Belege für einen Zusammenhang zwischen extremen Temperaturen und Besuchen in der Notaufnahme. Zwar deutete sich auch hier nach Hitzebelastung ein möglicher Trend an, dieser müsse jedoch in weiteren Untersuchungen bestätigt werden. Für kalte Temperaturen beobachteten die Forschenden keinen klaren Zusammenhang. Sie weisen jedoch darauf hin, dass die kleinere Parkinson-Kohorte die Aussagekraft der Analyse eingeschränkt haben könnte und möglicherweise andere Temperaturschwellen relevant sind. Hinweise auf „Harvesting-Effekt“ Zudem beobachteten die Forschenden einen sogenannten „Harvesting-Effekt“: Auf Phasen mit einer erhöhten Zahl von Notaufnahmebesuchen folgte eine vorübergehende Abnahme des Risikos. „Sowohl Hitze als auch Kälte scheinen gesundheitliche Ereignisse vorzuziehen, die andernfalls erst später eingetreten wären“, erklärt Hauptautor Dr. Luca Vignatelli das Phänomen. „Diese Bündelung der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung könnte organisatorische Konsequenzen für das Gesundheitswesen haben.“ Mögliche Ursachen der erhöhten Vulnerabilität Dass sich die Risikoverläufe bei Demenz und Morbus Parkinson unterscheiden, überrascht die Autor:innen nur teilweise. „Die beiden Erkrankungen beruhen auf unterschiedlichen pathophysiologischen Prozessen, auch wenn sie beide zu den neurodegenerativen Erkrankungen zählen“, so Vignatelli. So nennen die Forschenden als mögliche Ursachen der erhöhten Anfälligkeit von Menschen mit Demenz sowohl biologische als auch verhaltensbezogene Faktoren: „Bei neurodegenerativen Erkrankungen sind zwei Mechanismen denkbar“, ergänzt Vignatelli. „Zum einen kann extremer Temperaturstress den ohnehin vulnerablen Organismus zusätzlich belasten. Zum anderen – was aber noch bewiesen werden muss – könnten extreme Temperaturen neurodegenerative Krankheitsprozesse beschleunigen.“ Hinzu komme, dass Menschen mit Demenz aufgrund ihrer kognitiven Einschränkungen Gefahren möglicherweise schlechter wahrnehmen und einschätzen. Sie würden daher seltener geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen, wie ausreichendes Trinken, das Aufsuchen kühler Räume oder angemessene Kleidung. Bei Parkinson seien kognitive Einschränkungen hingegen seltener und träten meist erst im späteren Krankheitsverlauf auf. Konsequenzen für Versorgung und Prävention Nach Ansicht der Autor:innen unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen während extremer Wetterlagen besser zu schützen. „Kommunen und Gesundheitsbehörden sollten Maßnahmen fördern, die die soziale Isolation verringern und sowohl für Hitze- als auch Kälteperioden leicht zugängliche geeignete Schutzräume schaffen“, so Vignatellis Appell. Während Hitzeperioden sollten Gesundheitsfachkräfte Menschen mit kognitiven Einschränkungen proaktiv unterstützen. Zudem könne die Telemedizin sowohl bei Hitze als auch bei Kälte eine flexible medizinische Betreuung ermöglichen. Die aktuelle Untersuchung ist Teil des MANDEA-Projekts, das den Einfluss von Klima, Luftverschmutzung, Grünflächen und sozioökonomischen Faktoren auf die Gesundheit von Menschen mit neurologischen Erkrankungen untersucht. Ziel ist es, eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, um Gesundheitssysteme besser auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels vorzubereiten. (mkl/BIERMANN)
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