Was bleibt vom Applaus für die Krankenhäuser?7. Juli 2020 Foto: © Konstantin Yuganov – Adobe Stock Deutschlands Krankenhäuser haben die erste Welle der Corona-Pandemie trotz vieler Widrigkeiten bewundernswert gemeistert. Es gab keine Engpässe in der stationären Versorgung der COVID-19-Patienten und die Sterberate war hierzulande deutlich niedriger als in anderen betroffenen Regionen. Die beispiellose Einsatzbereitschaft bescherte allen Beteiligten großen Dank und täglichen Applaus. Debatten über eine notwendige Krankenhausreform sind vorerst verstummt, aber was folgt nach dem Ausnahmezustand? Nicht nur der Vorsitzende des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, hat seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass all diejenigen, die „uns in den letzten Jahren die Betten streichen und Krankenhäuser schließen wollten, nun gesehen haben wie gut es war, dass wir unsere Kapazitäten haben.“ Die weitere Debatte zur künftigen Krankenhauslandschaft in Deutschland erwartet auch Michael Kelbel, der Geschäftsführer des Krankenhauses Agatharied, mit gespannter Besorgnis: „In den letzten Jahren kreisten die Diskussionen über die richtige Krankenhausstruktur in unserem Land stets um Effizienz und Ökonomie. Die angebliche Sorge um die Qualität der Patientenversorgung war stets vorgeschoben, um damit das eigentliche Vorhaben der Reduzierung der Krankenhäuser und der Krankenhausbetten zu begründen. Dass wir uns jetzt in der Pandemie dennoch so gut behaupten können, ist der Kompetenz, Kreativität und Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter in den verschiedensten Bereichen zu verdanken – aber nicht zuletzt auch der Tatsache, dass uns noch ausreichend Krankenhausbetten zur Verfügung stehen.“ Sollen Krankenhäuser trotz der Pandemie schließen? Bereits im Jahr 2016 hat die Leopoldina-Akademie der Wissenschaften in einem umfassenden Thesenpapier zur ‚Genesung der Krankenhauslandschaft‘ die Ansicht vertreten, von den mehr als 1.600 allgemeinen Krankenhäusern in Deutschland könnten die meisten geschlossen werden. Die Wissenschaftler waren der Meinung, eine bessere und effizientere Versorgung sei bundesweit mit 330 Klinikzentren umzusetzen. Auch die vielzitierte Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Juli 2019 führt aus, dass sich viele Komplikationen und Todesfälle durch eine Konzentration auf deutlich unter 600 statt heute knapp 1.400 Kliniken vermeiden ließen. Ebenso gingen damit eine bessere Ausstattung, eine höhere Spezialisierung sowie eine bessere Betreuung durch Fachärzte und Pflegekräfte einher. Im Krankenhaus Agatharied sind bislang knapp hundert COVID-19-Patienten stationär behandelt worden, 16 wurden intensivmedizinisch versorgt. Aktuell ist kein COVID-19-Patient mehr im Haus. Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Patientenaufnahme aber werden weiterhin mit höchster Sorgfalt eingehalten. Besucher des Hauses müssen sich sogar strengeren Regeln fügen als sie die Bayerische Staatsregierung vorgibt. Patienten, bei denen eine COVID-19-Erkrankung nicht durch Test ausgeschlossen werden kann, werden zunächst in Einzelzimmern isoliert. Diese Vorgehensweise in Verbindung mit einer Vorhaltung für den Fall, dass es eine zweite Welle oder aber ein regionales Ereignis zu meistern gilt, führt zu einer deutlichen Kapazitätseinschränkung. Dem Krankenhaus stehen derzeit weit weniger Betten zur Verfügung als vor der Krise. Ein echter Normalbetrieb ist in weiter Ferne. Das „Krankenhaus der Zukunft“ wird eine Herausforderung „Wir haben in den vergangenen Monaten Vieles gelernt“, sagt Michael Kelbel und mutmaßt, „dass wir einen vernünftigen Weg finden müssen, dauerhaft mit dieser Pandemie umzugehen und vermutlich auch mit vielen weiteren.“ Es wird zum Krankenhausalltag gehören, jeden neuen Patienten, Mitarbeiter und auch Besucher auf eine mögliche Virusinfektion hin zu überprüfen und Infizierte sicher isolieren zu können. Krankenhausstrukturen, Bauvorhaben, Bedarfspläne und Abläufe müssten angepasst, neue Finanzierungsmaßnahmen entwickelt werden. Auch Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt fordert eine Neuregelung der Klinikfinanzierung in Deutschland. Krankenhäuser seien keine Unternehmen, in denen man wie in einem produzierenden Betrieb nur die Auslastung optimieren könne. In den vergangenen Jahren sei die Investitionsfinanzierung völlig unzureichend gewesen. Schon heute liegen die Ausgaben, die im Krankenhaus Agatharied für die zahlreichen außerordentlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aufgewendet werden mussten, im siebenstelligen Bereich. Die finanziellen Hilfen, die das ‚Krankenhausentlastungsgesetz‘ und die spezifisch bayerischen Unterstützungspakete dafür vorsehen, können die tatsächlichen Ausgaben voraussichtlich nicht vollständig decken. Noch viel problematischer ist aus der Sicht des Geschäftsführers jedoch die überbordende Bürokratie des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups/diagnosebezogene Fallgruppen), das als auf Wettbewerb ausgerichtetes Finanzierungssystem für solche Ausnahmezustände nicht gedacht und gemacht ist. Dass es nicht gelungen ist, dieses System zumindest vorübergehend auszusetzen, findet Michael Kelbel bedenklich, denn so seien bestandsgefährdende Folgen der Pandemie nicht auszuschließen. Sein Fazit: „Das Krankenhaus der Zukunft zu gestalten, wird eine echte Herausforderung.“ Inwieweit die Bestrebungen zur Schließung eines Großteils der Kliniken dazu geeignet sein werden, den besonderen Anforderungen des künftigen Gesundheitssystems gerecht zu werden, bleibt abzuwarten. Die Bertelsmann-Stiftung präsentiert ihre Studie aktuell mit einem Update aus dem Jahr 2020, in dem es heißt: „In einer Situation, in der sowohl Wissenschaft wie Politik auf Sicht fahren und kaum länger als von Woche zu Woche agieren können, ist es viel zu früh, um aus einer unvorhersehbaren Krise grundlegende Schlussfolgerungen für die künftige Krankenhausstruktur abzuleiten. Erst im Rückblick wird deutlich werden, welche Konsequenzen aus der Corona-Pandemie für die Neuausrichtung unserer Versorgungslandschaft, ambulant wie stationär, zu ziehen sind.“ Michael Kelbel sieht das ähnlich und verweist darauf, dass eine reine Krankenhausstrukturdebatte das Ziel immer verfehlen wird. „Nur, wenn alle Sektoren des Gesundheitswesens in ihrem Zusammenspiel auf den Prüfstand gestellt werden, besteht die Chance, am Ende etwas Sinnvolles zu gestalten.“ Ausgangspunkt der Diskussionen über eine neue Krankenhausstruktur in Deutschland sei schließlich gewesen, dass in unserem Land deutlich mehr Patienten stationär behandelt werden und dies im Durchschnitt auch noch länger als in anderen vergleichbaren Ländern. „Wenn in Zukunft die Patienten nicht in langen Warteschlangen vor den Kliniken stehen sollen, dann muss der Politik etwas Intelligenteres einfallen, als lediglich die Krankenhaus-Kapazitäten zu verknappen.“ Die Erkenntnisse aus der Corona-Krise seien hier nur ein weiterer Punkt, der bei der Strukturdiskussion zu bedenken sei.
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