Was bringen Werbeverbote für Tabak oder Alkohol?4. Dezember 2019 Foto: © Getty iStock: Birgit Korber Sollte man in Deutschland öffentliche Werbung für Tabak, etwa im Kino oder auf Plakatwänden, verbieten, um insbesondere junge Menschen vor Abhängigkeit zu schützen? Die Frage erhitzt zurzeit erneut die Gemüter. Auch Werbeverbote für E-Zigaretten, Alkohol, Fastfood oder ungesunde Kindernahrungsmittel stehen zur Diskussion. Eine zentrale Frage dabei lautet, wie groß der Effekt von Werbeverboten wirklich ist. Zwei bereits vor einiger Zeit in der Cochrane Library erschienene systematische Übersichtsarbeiten fassen Evidenz zu diesem Thema zusammen und könnten zu einer Versachlichung der Debatte beitragen. Ein Cochrane Review zur Wirkung von Tabakwerbung auf das Rauchverhalten junger Menschen stammt aus dem Jahr 2011 und umfasst 19 Studien, an denen insgesamt mehr als 29.000 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren teilnahmen. Diese rauchten zu Beginn der Untersuchungen nicht. Die Studien, die zwischen 1983 und 2008 durchgeführt wurden, versuchten auf verschiedenen Wegen zu messen, wie sehr die Teilnehmenden Tabakwerbung ausgesetzt waren oder wie aufnahmebereit sie für die Werbung waren. In 18 von 19 Studien erwies sich die Wahrscheinlichkeit später zu rauchen bei jenen Teilnehmenden erhöht, die mehr Werbung ausgesetzt waren oder diese bewusster aufgenommen hatten. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Tabakwerbung es wahrscheinlicher macht, dass Jugendliche mit dem Rauchen beginnen. Aus dem Jahr 2014 stammt ein Cochrane Review zum Effekt von Werbebeschränkungen oder ‐verboten für alkoholische Getränke zur Verringerung des Alkoholkonsums von Erwachsenen und Jugendlichen. Er umfasst lediglich vier Originalstudien, deren Aussagekraft zudem als sehr gering eingestuft wurde. Aufgrund dieser Beschränkungen lasse sich aus der vorhandenen Evidenz kein klarer Effekt von Werbeverboten ableiten, so das Fazit der Autoren. Beide Cochrane-Reviews diskutieren die erheblichen methodischen Limitationen der zugrundeliegenden Evidenz. Das liegt in der Natur der Sache: Die Auswirkungen von Werbung beziehungsweise Werbeverboten auf das Verhalten von Konsumenten lassen sich nur sehr schwer in einem experimentellen Setting untersuchen. Andererseits fehlt Beobachtungsstudien, die zum Beispiel den Tabakkonsum von Jugendlichen vor und nach der Einführung eines Werbeverbots in einem Land nachverfolgen, zumeist eine Vergleichsgruppe. Das erschwert die kausale Zuordnung zwischen beobachteten Veränderungen (z. B. im Alkoholkonsum) und deren vermuteten Ursachen (z. B. einem Werbeverbot). Beide Reviews warten auf ein Update, das neuere Evidenz berücksichtigt. Nicht von Cochrane, aber etwas aktueller ist eine Übersichtsarbeit zum Thema, die 2018 im „Journal of Public Health Management and Practice“ erschien. Sie bewertet die Evidenz für verschiedene politische Maßnahmen gegen Tabakkonsum und kommt zu dem Schluss, dass Werbeverbote für Tabak durchaus wirken und den Anteil von Rauchern in der Bevölkerung in der Größenordnung von fünf Prozent reduzieren könnten. Noch wirksamer wäre demnach eine Erhöhung der Tabaksteuer um 50 Prozent – dies könnte der Studie zufolge den Anteil von Rauchern um fast 20 Prozent verringern. DANK will baldiges Gesetz gegen Tabakwerbung Das Bündnis Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) aus 22 Wissenschaftsorganisationen drängt indessen auf eine schnelle Erarbeitung und Verabschiedung eines Gesetzes zum Tabakwerbeverbot. „Nach jahrelangem Stillstand ist nun eine zügige Erarbeitung eines Gesetzentwurfs und die Verabschiedung des Gesetzes noch in dieser Legislaturperiode überfällig“, sagt Dr. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Weitere Verzögerungen spielen nur der Tabakindustrie in die Hand, die ihre Werbeausgaben schon in den letzten Jahren enorm nach oben getrieben hat.“ „Wir begrüßen sehr, dass sich nun auch Ernährungsministerin Julia Klöckner für ein Werbeverbot einsetzt, das E-Zigaretten einschließt“, sagt Mons. Auch hier werden Studien zur Wirkung von E-Zigaretten-Werbung auf junge Menschen zitiert, die darauf hinweisen, dass diese die Bereitschaft von Jugendlichen steigert, solche Produkte auszuprobieren. Diesen Zusammenhang findet auch eine Studie mit 6500 deutschen Teenagern. „Ein Außenwerbeverbot für E-Zigaretten ist gesundheitspolitisch sinnvoll“, betont Mons. Die Debatte um die Einbeziehung der E-Zigaretten in das Werbeverbot sollte nicht dazu benutzt werden, den Gesetzentwurf weiterhin zu verzögern.“ Mehr als die Hälfte der Bevölkerung befürwortet ein vollständiges Werbeverbot für E-Zigaretten – sogar fast jeder zweite Raucher. Laut Tabakrahmenkonvention der Vereinten Nationen und Beschluss des Bundestages hätte die Regierung schon bis 2010 ein umfassendes Tabakwerbeverbot erlassen müssen, so die DANK. Sie glaubt, dass eine weitere Verzögerung die Tabakindustrie dafür nutzen würde, noch mehr Werbung für ihre Produkte zu machen und mehr Jugendliche zum Tabakkonsum zu verführen. Laut dem aktuell erschienenen Drogen- und Suchtbericht der Drogenbeauftragten lagen die Werbeausgaben der Tabakindustrie im Jahr 2017 so hoch wie noch nie. Mit fast 250 Millionen Euro waren sie um rund 15 Prozent höher als im Vorjahr, betont die DANK.
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