Wenn der Chatbot zum Therapeuten wird2. März 2026 Noch kann eine künstliche Intelligenz keine Psychotherapie ersetzen, unterstützen kann sie aber schon. (Bild: © Stocker/stock.adobe.com) Psychotherapie und Psychoanalyse geraten unter Druck, denn Künstliche Intelligenz (KI) wird immer mehr zur Lebensberatung genutzt. Können Chatbots eine Psychotherapie ersetzen? Was bedeutet die Vermenschlichung von technischen Systemen? Inwieweit kann KI die psychotherapeutische Arbeit unterstützen und wo liegen die Grenzen? Viele Menschen bauen eine Beziehung zu Chatbots auf. Sie fragen die KI um Rat, erzählen ihnen ihre Probleme, suchen Nähe und Bestätigung. In einer aktuellen Umfrage unter 500 Amerikanerinnen und Amerikanern mit einer psychischen Erkrankung gab die Hälfte an, die KI sogar als Psychotherapeut bzw. -therapeutin zu nutzen. „Dabei muss man bedenken, dass es sich bei generativer KI um digitale Sprachmodelle handelt, die Gefühle und Empathie nur simulieren, und dass sich dahinter wirtschaftliche Interessen von Software-Unternehmen verbergen“, sagte Dr. Christine Bauriedl-Schmidt, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. auf dem Berufspolitischen Seminar der DGPT am vergangenen Wochenende. „Wenn KI in der Psychotherapie eingesetzt wird, dann sollten Standards erarbeitet werden, die unter anderem die Sicherheit der Patientinnen und Patienten, Qualität, Transparenz, Datenschutz und Gerechtigkeit garantieren.“ Die Bedeutung der KI für die Psychotherapie und speziell für die Psychoanalyse war das Thema des diesjährigen Berufspolitischen Seminars der DGPT in Berlin. „Verführung der Reibungslosigkeit“ Judith Simon, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, betonte auf der Veranstaltung: „Vor allem Psychotherapie und die sprechende Medizin werden durch KI unter Druck geraten, denn Chatbots werden hauptsächlich für Lebensberatung genutzt.“ Die Professorin für Informationstechnologie an der Universität Hamburg listete in ihrem Vortrag Vorteile der KI auf: Sie sei niedrigschwellig und ständig verfügbar, Patientinnen und Patienten würden weniger Scham empfinden und bei langen Wartezeiten auf eine Psychotherapie früher Unterstützung bekommen. Nachteil – neben möglicherweise mangelnder Qualität und Sicherheit, bedrohtem Schutz der Privatsphäre und unterschwelligen Benachteiligungen: „Es handelt sich um ein Riesen-Geschäftsmodell“, so Simon. „Die KI ist so programmiert, dass die Nutzerinnen und Nutzer möglichst viel Zeit dort verbringen sollen. Deshalb sagt die KI ihnen auch nur das, was sie hören wollen.“ Das verführe zur „Reibungslosigkeit“: „Personalisierte KI kann uns einlullen, sodass wir möglicherweise nicht mehr willens sind, uns mit anderen Menschen auseinanderzusetzen“, gab Simon zu bedenken. KI kann negative Gefühle verstärken Der Psychotherapie-Forscher Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin, informierte über die Studienlage: „Die Studien bisher haben gezeigt, dass allgemeine Chatbots nicht geeignet sind, um sicher Gespräche über psychische Gesundheit zu führen, insbesondere in Krisensituationen.“ Weitere Befunde deuten darauf hin, dass Chatbots einzelne Elemente einer Therapie, wie zum Beispiel Beruhigung, übernehmen können, dass eine intensive Nutzung allerdings zu gefährlichen Feedback-Schleifen führen könne. „Negative Gefühle und problematische Symptome können dadurch verstärkt werden“, warnte Jacobi. Deshalb riet er von einer Nutzung der KI als autonome psychotherapeutische Instanz ab und plädierte für ein hybrides Modell, also KI als Assistenz – etwa für Diagnostik, Monitoring, Dokumentation – oder als Co-Therapeutin, an die man bestimmte Module delegieren könne. Denn, so Jacobi: „Wir brauchen nach wie vor die menschliche Aufsicht.“ KI koppelt Denken vom Körper ab Der Berliner Psychoanalytiker Dr. Moritz Senarclens de Grancy erinnerte daran, dass für Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, das Unbewusste das eigentlich real Psychische sei. „Freud suchte nach einer anderen Form der Intelligenz – einer, die sich nicht im bewussten Beherrschen, sondern in der Gemengelage von Unbewusstem, Wiederholungen, Übertragungen und Triebschicksalen bemerkbar macht.“ Die KI dagegen reduziere Intelligenz auf Rationalität und Effizienz. Damit koppele sie auch das Denken vom Körper ab. „Somit fehlt der KI eine zentrale Dimension menschlichen Seins“, so der Psychoanalytiker. Außerdem interessant zum Thema KI in der Therapie: KI kann psychiatrische Diagnosestellung verbessern Forschende fordern klare Regelungen für KI im Bereich mentaler Gesundheit
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