Wenn die Wehen Monate zu früh einsetzen

„Die großen Klippen haben wir umschifft“: Oberärztin Dr. Lena Wronski-Löffelbein (re.) ist sehr zufrieden mit der Entwicklung der als extreme Frühchen geborenen Zwillinge T. und J., die mit ihren Eltern zur Nachuntersuchung ans Leipziger Uniklinikum gekommen sind. Prof. Ulrich Thome (2.v.r.), Leiter der Abteilung Neonatologie, untersucht den Zusammenhang zwischen Lockdown und Frühchenrate. Foto: Stefan Straube / UKL

Prof. Ulrich Thome vom Universitätsklinikum Leipzig (UKL) untersucht den Zusammenhang zwischen Lockdown und Frühgeburten. Er prognostiziert zudem, dass die Frühchenrate weiter steigen wird.

Thome, Leiter der Abteilung für Neonatologie am UKL, sieht die Rate an Frühgeborenen in Leipzig in Zukunft weiterhin leicht steigen – schon aus statistischen Gründen, weil die Stadt weiterhin wächst. Dies zeigte sich auch im vergangenen Jahr: 48 der hier behandelten Frühchen wogen weniger als 1000 Gramm und 88 weniger als 1500 Gramm. In beiden Fällen lagen diese Zahlen deutlich über denen des Jahres 2020. Thome und weitere Mediziner untersuchen nun einen möglichen Zusammenhang zwischen Lockdown und der Anzahl von Zu-früh-Geborenen. Die Betreuung solch kleiner Säuglinge ist extrem zeit- und personalaufwändig und kann mehrere Monate dauern.

Ursachen für eine zu frühe Geburt kennt der UKL-Experte viele: “Manchmal muss die Schwangerschaft beendet werden, um die Mutter zu schützen, Stichwort Schwangerschaftsvergiftung. In anderen Fällen müssen wir das Kind bewahren vor Unterernährung und Sauerstoffmangel, wenn die Plazenta der Mutter schlecht funktioniert.” Oder es seien einfach zu früh einsetzende Wehen, zum Beispiel bei Zwillingen. Thome: “Der Körper schafft es nicht länger. Die Last ist zu groß.” Die meisten Frühchen gehen nach etwa drei bis dreieinhalb Monaten in der Klinik nach Hause. In schwierigeren Fällen dauert es länger. “Je kleiner die Frühchen, desto aufwändiger die Behandlung”, beschreibt es Thome.

17 Wochen zu früh auf die Welt gekommen – doch Lebenswille siegt

Ein solcher Fall waren die Zwillinge T. und J. der Familie F. aus Gröditz. Die beiden Jungen sind seit etwas mehr als elf Monaten auf der Welt – ihr sogenanntes korrigiertes Alter beträgt aber erst siebeneinhalb Monate, denn die beiden sind Frühchen. 17 Wochen kamen sie im vergangenen Jahr zu früh auf die Welt, ein mehrmonatiger Kampf um Leben und Tod auf der Intensivstation der UKL-Neonatologie begann. Doch der starke Lebenswille der beiden Kleinen, die nie erschöpfte Hoffnung der Eltern und die engagierte Arbeit der Ärzte und Pflegenden auf der Station gewannen schließlich die Oberhand.

Bei einer routinemäßigen “Entwicklungsneurologischen Nachsorgesprechstunde” sind sie jüngst ein weiteres Mal von Dr. Lena Wronski-Löffelbein untersucht worden. Die Oberärztin der Abteilung für Neonatologie am UKL betreut die Familie bereits von Anfang an. Am 11. März 2021 sind die beiden Jungen geboren worden – am 7. Juli wäre das geplante Geburtsdatum gewesen. Harte Wochen und Monate liegen hinter allen. Doch nun freut sich Wronski-Löffelbein, welche Entwicklung T. und J. zeigen. Beim Termin sieht sich die UKL-Expertin zwei aufgeweckten Jungen mit ordentlich Gewichtszunahme gegenüber. “Im Februar 2021 haben wir erfahren, dass es Frühgeborene werden,” erzählt Herr F., “dann begann eine stressige Phase.” Bei ihrer Geburt im März wog J. 565 Gramm, T. gar nur 465 Gramm. Ihre Lungen waren in keiner Weise bereit gewesen, selbst zu atmen. Die Intensivbehandlung auf der UKL-Neonatologie begann, inklusive Operationen und durchgemachten Infektionen.

“J. und T. waren so schwer krank, sie brauchten im Wortsinn intensive Betreuung.” Zwischenzeitlich, so Wronski-Löffelbein, habe es tatsächlich auf der Kippe gestanden, ob sie es schaffen würden. “Wir hatten alles an Therapie aufgeboten, was hier haben”, erklärt sie, “doch den Rest mussten die Kleinen mit ihrem eigenen Lebenswillen aufbringen. Und das”, sagt die Ärztin und schaut Kinder und Eltern an, “haben uns die beiden aber toll gezeigt!” Auch Mutter und Vater hätten nie den Mut verloren, bescheinigt ihnen die Medizinerin anerkennend. Am Ende der Untersuchung zeigt sich die Oberärztin zufrieden: “Ich hatte gehofft, dass unser Termin heute so sein wird. Die großen Hürden haben wir genommen, aber die Frühgeburt wird weiter ein Thema für die Kinder bleiben.”

Zusammenhang Lockdown – Frühchenrate?

Den Jahresbeginn 2022 beschreibt Thome in Sachen Frühchen als eher ruhig – “vielleicht auch wegen der Corona-Einschränkungen.” Wenn das öffentliche Leben wieder stärker geöffnet werde, steige auch die Frühchenrate wieder, ist sich der Experte sicher. Den Zusammenhang zwischen Lockdown und der Anzahl der Zu-früh-Geborenen untersuchen Thome und weitere Mediziner aktuell: “Wir wollen wissen, welche Mechanismen für Frühgeburten von derart gesellschaftlich übergreifenden Maßnahmen wie einem Lockdown beeinflusst werden.” Die Experten arbeiten dabei mit Datensätzen des Jahres 2020, denn da galten strengere Regelungen als im vergangenen Jahr. Die Auswertung der erhobenen Daten ist für das erste Halbjahr 2022 geplant.